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Die Box




3. August 2008
Martin Jankowski
für satt.org
Benjamin Kunkel, Keith Gessen (Hg.): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie

„Wir“ – in dieser Person wenden sich die Herausgeber und Autoren des viel gelobten New Yorker Magazins „n+1“ in den seitenlangen Editorials in Form fiktiver Tagebücher, für die kein Autor zeichnet, stets an seine Leser. Statt klarer Worte genossenschaftlich anonyme Textproduktion zur schlimmen Lage der menschlichen Zivilisation im Allgemeinen und Amerikas im Besonderen. Wir – so sprechen absolute Herrscher oder Generalsekretäre totalitärer Parteien zu uns. Aber zum Glück ist das Ganze nur eine liebenswerte Fiktion von Verschmelzung, schon in Duktus und Thematik der Texte lässt sich erkennen, wer hinter diesen Texten steckt, wenn man die Handschriften dieser jungen Ostküstenintellektuellen schon ein wenig kennt, und das ist nicht schwer, denn in Wirklichkeit sind sie ebenso unverwechselbar individualistisch wie mittlerweile bekannt – es gibt nicht viele junge Literaten, die sich 20 Jahre nach 89 plakativ öffentlich als „links“ bezeichnen und den akademischen Betrieb herausfordern. Schon gar nicht in New York.

„n+1“, das im Herbst 2004 begründete New Yorker „Journal für Politik, Literatur und Kultur“ von dem es seither 6 Ausgaben gibt, wurde eben wegen seiner provokanten Autoren, die zumeist über Harvard- und Yale-Abschlüsse verfügen und zudem eine gediegene europäische Kulturbildung ihr Eigen nennen, rasch bekannt und als das intellektuelle enfant terrible der New Yorker Szene berühmt. Die Zahl begeisterter Fans ließ dank der New Yorker Begeisterung auch weltweit nicht lange auf sich warten, wobei die meisten bis heute niemals eine echte Druckausgabe des Heftes in der Hand gehabt haben dürften. Jetzt aber ist, um diesem Übel abzuhelfen, eine Auswahl von „n+1“-Texten im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschienen. Und wir können uns ein Querschnittsbild davon machen, was die junge, stürmende und drängende New Yorker Bildungselite der Welt zu sagen hat. Um es vorweg zu nehmen: Vieles in dieser chronologischen Sammlung von Magazin-Essays ist klug und unterhaltsam, manches ist neu, etliches keins von beidem. Und je jünger die Autoren waren, je älter die Texte also sind, desto besser sind sie. Inzwischen sind die Autoren ihrem Ziel, ein respektierter und gut bezahlter Teil des Betriebes, den sie einst herausgefordert haben, zu werden ziemlich nahe.

Während im Herbst 2007 die beiden „n+1“ Begründer Benjamin Kunkel und Keith Gessen zur Vorstellung ihres Magazins in die Alte Welt nach Berlin kamen, lud ich Kunkel quasi nebenbei zu einer Lesung aus seinem damals gerade auf deutsch erschienenen Roman „Unentschlossen“ in Deutschlands größtes Männergefängnis, die JVA Tegel ein. Ich war mir nicht sicher, ob Kunkel an einem solch heiklen und zudem unbezahlten Projekt teilnehmen würde. Kunkel tat es jedoch gerne, machte allerdings zu Bedingung, auch seinen in Moskau gebürtigen Freund Gessen mitbringen zu dürfen und vor den deutschen Gefangenen auch über „n+1“ sprechen zu können. Natürlich durften die beiden und natürlich fragten die schweren Jungs von Berlin-Tegel die beiden New Yorker ein paar höfliche Dinge, schrieben aber hinterher in ihrem Knastmagazin:

„Benjamin Kunkel … ist als New Yorker neuer Star am Schriftsteller-Himmel apostrophiert … der … Textauszug aus seinem neuen Roman ließ trotz seiner relativen Beliebigkeit - wie es uns hier erschien - erahnen, dass … er mit den Mitteln eines sarkastischen Humors Erscheinungen unseres modernen westlichen Lebensstils hintergründig zu kritisieren sucht … Freilich auf amerikanische Verhältnisse sich beziehend und damit dem Erfahrungsalltag des Durchschnitts-Tegelianers weit enthoben.“ [Quelle]

Kunkel und Gessen meinten dann im Gespräch mit den Häftlingen ein wenig schüchtern, man solle lieber über deren Geschichten reden, das wäre interessanter als ihre Texte. Das war nicht ironisch gemeint und traf in diesem Moment wahrscheinlich auch zu. Das Gespräch verlief dann teilweise nicht nur auf Englisch, sondern sogar auf Russisch, aber es ist nicht bekannt, ob später einer der Tegeler Gefängnisinsassen „n+1“ tatsächlich abonniert hat. Leidenschaftliche Leser und Vorschläge zur Verbesserung der Welt gibt es jedoch auch in der JVA Tegel nicht wenige. Aber zu unserem Suhrkamp-Bändchen …

Absolut lesenswert und herausragend aus der Fülle der qualitativ sehr unterschiedlichen Texte ist Mark Greifs Essay „Gegen das Training“, der die kulturelle Absurdität des Fitnesswahns entlarvt, welcher sich derzeit über den ganzen Globus verbreitet. (Zu Recht war dieser Text schon in „The best American Essays“ von 2005 zu lesen.) Zeitlos brillant auch Keith Gessens Essay zum Thema „Geld“ über die fiskalischen Hinter- und Abgründe des Literaturbetriebs (den er 2007 anlässlich einer „n+1“-Vorstellung beim „internationalen literaturfestival berlin“ auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt vortrug). Erwähnenswert zudem Benjamin Kunkels hybrides „Diana Abott. Ein Lehrstück“, in dem er eine unbedeutende junge Gelegenheits-Literaturkritikerin all seine Zweifel und massiven (interessanten, berechtigten) Kritikpunkte über die Bücher des südafrikanischen Schriftstellers John Coetzee denken und erwägen lässt, ehe sie ihren beabsichtigen Text darüber anlässlich der plötzlichen Radionachricht über dessen Nobelpreis-Zuerkennung nicht schreibt. Warum es jedoch unbedingt der Maske einer fiktiven Person für seine Überlegungen bedurfte, bleibt nur angedeutet und wirkt letztlich nicht überzeugend. Überhaupt wirkt Kunkel eher dort kompetent und überzeugend, wo er sachbezogen und essayistisch schreibt und nicht mit unbedingtem Willen zum Literarischen glänzen will. Wie schon in seinem recht erfolgreichen Debütroman „Unentschlossen“ (dt. 2007) bleibt er im Belletristischen oft auf der Hälfte stehen, deutet Thema und Form nur an, um dann (schon halb gelangweilt von der klaren Logik seiner nicht sehr komplexen Prosa?) ohne Not auf eine konsequente Durchführung der eigenen Idee zu verzichten. Kunkels verunglückte Parabel über den Selbsthass einer Spinne am Ende des Bandes z.B. wird auch dadurch nicht besser, dass diese moralische Halbgeschichte recht sprachgewandt von Harriet Köhler übersetzt wurde. Ein Großteil der Texte wurde jedoch passender Weise von Kevin Vennemann, jenem erfolgreichen Jungstar des deutschen akademischen Literaturbetriebs („Nahe Jedenew“), kongenial, wie es so schön heißt, übersetzt, und immer wenn er für die deutsche Version der Texte verantwortlich ist, fließen und sprudeln sie oft so locker und erfrischend, dass man fast geneigt ist, zu sagen: lebendiger als im Original.

„Es ist nicht schwer, sich als Elite zu bezeichnen, wenn das halbe Land nicht lesen kann.“ meint der deutsche Autor Tobias Moorstedt in der Einleitung zum Buch. Wer sich dafür interessiert, wie junge männliche weiße Ostküstenintellektuelle - die sich als links verstehen und in diesen Tagen der Vision eines „Demokratischen Sozialismus“ nachhängen - Amerika, die Welt und vor allem die Lage der amerikanischen Gegenwartsliteratur einschätzen, dem sei dieses Buch empfohlen. Als Antwortbrevier auf die drängenden Fragen unserer Zeit taugt es, anders als die Pose der Herausgeber in ihren im „pluralis majestatis“ gehaltenen Einschätzungen „Zur intellektuellen Lage“ sich und uns gerne glauben machen möchte, (ich bin versucht zu sagen: selbstverständlich) nicht.

PS: Auch Keith Gessens Debütroman ist in diesem Frühjahr nun in den USA erschienen. Er trägt den Titel „All The Sad Young Literary Men“ …



Benjamin Kunkel, Keith Gessen (Hg.):
Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie.

Aus dem Amerikanischen von Kevin Vennemann.
edition suhrkamp 2539. 293 Seiten, Euro 12.
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