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Die Box




23. August 2008
Felix Giesa
für satt.org
Marie-Thérèse Schins: Eine Kiste für Opa

Eine Kiste für Opa

Es ist schon seltsam: In Zeiten der „radikalen Enttabuisierung des Todes“ sind es gerade immer wieder Kinderbücher, die das Thema Sterben aufgreifen und so einen wichtigen Gegenpol zur „Endlichkeit als Selbstverwaltungsakt“ liefern. Und das hierfür immer wieder Afrika als Handlungsort bemüht wird, ist auch so verwunderlich nicht. Schließlich scheinen dort familiäre Bande nach wie vor eine Relevanz zu haben und Menschen gehören in der Familie bis zum Schluss zusammen. War es in diesem Frühjahr „Die schlaue Mama Sambona“, die sich dem Tod geschickt zu entwinden wusste, so wird in „Eine Kiste für Opa“ eine weniger phantastische und daher dem Leben nähere Geschichte erzählt.

Opa Mensah ist alt geworden und, so teilt er seinem Enkel Kofi mit, er „muss fort, auf die große Reise.“ Kofi, dieser Junge mit dem für Afrika so bedeutungsvollen Namen, weiß natürlich, was gemeint ist, mit dieser Reise, „denn alle gehen dorthin, irgendwann, in einer Kiste.“ Statt also lange über das Unabwendbare zu lamentieren, machen sich die beiden frohen Mutes auf die Suche nach einer geeigneten Kiste. Diese erfüllt nämlich nicht nur, wie hierzulande, lediglich die schlichte Aufgabe, den Körper aufzubewahren, nein, sie sagt auch etwas über den Menschen darin aus und wie er sein Leben gelebt hat. So erklärt sich auch das Huhn auf dem Buchumschlag: Es ist der Sarg der Oma, die alle ihre zehn Kinder wie Küken liebt. Was folgt, ist ein Aufzeigen und Verwerfen aller möglichen Gegenstände und ihre Relevanz für das Leben von Opa Mensah. Für den Alten ist die Suche nach der Kiste also auch eine Möglichkeit, sein Leben noch einmal Revue passieren zu lassen. Der Junge indes hat so die Möglichkeit, seinen Opa aus einem neuen, weil abgeklärterem Blickwinkel, kennenzulernen.

Marie-Thérèse Schins: Eine Kiste für Opa

Dem Jungen erscheint die Idee, sich in einem Bootssarg beerdigen zu lassen, ganz einleuchtend. Doch der Opa war seinen Lebtag Fischer und kann sich etwas Schöneres vorstellen, als im Arbeitsplatz beerdigt zu werden. Schließlich macht das Leben mehr aus ...

Für diese Geschichte findet Birte Müller die passenden Illustrationen. Alle Vorschläge Kofis greift sie auf und verdeutlicht sie mit einfachsten graphischen Mitteln. Die Kisten sind dabei jeweils das bildbestimmende Motiv, zu denen der Junge und sein Opa in Aktion treten. Etwa wenn ein Löwe als Sarg zur Debatte steht und Kofi die Stärke des Tieres rühmt und sich aufbaut, wohingegen der Opa lakonisch mitteilt: „ich mag nicht mehr stark und mutig sein und kämpfen müssen.“ In wundervoll leuchtenden und warmen Farben erscheinen die flächigen Gegenstände, wobei die beiden Sucher jeweils als dunkler Farbkontrast wirken.

Ihre Auflösung findet die Suche in Form einer Rakete. Sie versinnbildlicht so zum einen den Aufbruch zu einer Reise in unbekannte Gegenden und zum anderen stellt die Reise somit auch einen Neubeginn dar. Es ist erfrischend, wie hier über den Tod als etwas dem Leben Inhärentes gesprochen wird, etwas für das man sich nicht schämen muss und vor dem man sich nicht fürchten muss.

Dem Aufbau Verlag gelingt mit „Eine Kiste für Opa“ ein weiteres Mal der Beweis, dass man tolle und hochwertige Bilderbücher für Kinder produzieren kann und sich damit auch auf dem Markt behaupten kann. Wie alle Bilderbücher des Verlags ist auch dieses wieder in Halbleinen gebunden und auf schweres Gardapat-Kunstdruckpapier gedruckt. Solche bibliophilen Schätze zeigen in unserer schnelllebigen Zeit auch, welchen luxuriösen Stellenwert das Lesen innehat. Da ist es gut zu lesen, das der Verlag es trotz Insolvenzverfahren geschafft hat, für das kommende Frühjahr erneut ein Programm zusammenzustellen!



Marie-Thérèse Schins:
Eine Kiste für Opa

Mit Illustrationen
von Birte Müller.
ab 4 Jahren.
Aufbau 2008
32 S., € 16,95
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