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20. Juni 2008
Dominik Irtenkauf
für satt.org
Alexander Graeff: Gedanken aus Schwerkraftland

Die Überwindung der Schwerkraft

In dem rührigen Verlagshaus J. Frank aus Berlin, das in letzter Zeit mit schönen Büchern auf sich aufmerksam macht, erschien letztes Jahr „Gedanken aus Schwerkraftland“, eine Sammlung kleiner Prosastücke, die mir einige Freude bereiten. Der Autor Alexander Graeff fiel bereits mit einigen Sachpublikationen zur Kunst der Jahrhundertwende und zu Wassily Kandinsky auf. In seinen literarischen Prosastücken geht er einen ähnlichen Weg: in einer vermeintlich alltäglichen Umgebung bricht – nein, kein phantastisches Element, sondern geradezu ein metaphysisches ein. Statt eine herkömmliche Handlungslinie zu zeichnen, schaut Graeff hinter das vermeintlich Normale, das heißt: er schaut etwa nach, wie der Kognitionsbiologe Walter Stalter-Ladenbeck an einem Spalt einer geöffneten Tür, seiner eigenen Wohnungstür, verrückt wird.

Andere Prosastücke gehen in eine geradezu poetische Richtung, das heißt sie verlieren etwas von der Stringenz eines nachvollziehbaren Handlungsverlaufs, und Graeff delektiert sich vorzüglich an minutiösen Beobachtungen der Umgebung seiner Protagonisten, so etwa in dem Stück „Die Flöte“ geschehen:
„Dieses Mal aber: war es anders. Die Flüssigkeit, in die ich tauche, wurde zum unbekannten Gewässer.
Ich tauche weiter, kann nicht mehr zurück.
Ich tauche auf, atme schwer.
Ich tauche auf in einem Garten: scharfe Beete, strenge Hecken, Bäume, ein demütiger Teich, Gartenstühle, eine Hollywoodschaukel.“

Der Autor verläßt die stringent verlaufenden Gleise der Handlung und findet sich in Gedanken wieder. Diesen Gedankengängen zu folgen, hat etwas Leicht-Luftiges an sich, denn die Reflexionen halten sich nicht länger als nötig an den einzelnen Dingen und Personen auf, sie streifen nur kurz und gehen dann weiter. Es fällt manchmal im Verlauf dieses kleinen Buches schwer, den Faden nicht zu verlieren und sich selbst in gedankenloser Schwerelosigkeit wiederzufinden.

Die einzelnen Stücke hängen nicht unweigerlich zusammen, sondern ergänzen sich wie Zahnräder einer poetisierten Wahrnehmung von Welt, d.h. sie reihen sich als Einzeleindrücke zu einem Mosaikbild zusammen, das aus besonders vielen Splittern besteht. Die einzelnen Splitter wollen gar nicht unbedingt zusammengehen, sondern beim Betrachter das einzeln Herausgestellte ihres Charakters betont wissen. Auch die Illustrationen des italienischen Zeichners Guglielmo Manenti fügen sich in eine träumerische Gestaltung des Buchs ein.

Es ist eine Freude, an Graeffs Spaziergängen durch Gedankenländer teilzunehmen, wenn auch manchmal das Bedürfnis aufkommt, etwas stärker an der Hand genommen zu werden.



Alexander Graeff:
Gedanken aus Schwerkraftland

Prosafragmente und Erzählungen
Illustrationen von Guglielmo Manenti
Verlagshaus J. Frank, Berlin 2007
100 Seiten, gebunden, 12,90 €
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