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April 2008
Felix Giesa
für satt.org

Die Nominierungen für den
Deutschen Jugendliteraturpreis 2008
– Eine Betrachtung –

Deutscher Jugendliteraturpreis 2008

Neben vielen Preisverleihungen werden auch jedes Jahr traditionell auf der Leipziger Buchmesse die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis bekannt gegeben, bevor dann im Herbst in Frankfurt die Preisverleihung erfolgt. Soweit ist das nichts besonderes, Literaturpreise gibt es ja schließlich wie Sand am Meer. Was hingegen sehr wohl besonders ist, ist die Tatsache, dass sich seit letztem Jahr Comics auf den Nominierungslisten finden. Eigentlich nicht viel Aufhebens wert, hat doch Art Spiegelmann bereits 1992 für „Maus“ den Pulitzerpreis erhalten. So wurde letztes Jahr „Mutter hat Krebs“ von Brian Fies nominiert und gewann in der Sparte Sachbuch. In diesem Jahr findet sich Gipis „5 Songs“ als Anwärter für das beste Bilderbuch.

Auf den ersten Blick ist dies für den Comicfreund natürlich sehr erfreulich und besonders dem sympathischen Berliner avant-Verlag ist die gesteigerte Aufmerksamkeit an dem wirklich tollen Gipi Comic nur zu wünschen! Auch ist das durch die Nominierung eines Comics markierte breitere Interesse an Comics sehr wünschenswert. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein Dilemma sowohl für den Jugendliteraturpreis als auch für den Comic in Deutschland.

Zwei Problemen sieht sich die Kritikerjury gegenüber. Zum einen gibt es seit Jahren einen nur mehr schwach zu nennenden Kinderbuchmarkt. Besonders in dem Bereich für Erstleser finden sich kaum nennenswerte Titel. Das hat in diesem Jahr dazu geführt, dass mit „Die schlaue Mama Sambona“ und „Zarah - Du hast doch keine Angst, oder?“ zwei Titel in der Kinderbuchsparte nominiert wurden, die eher als Bilderbücher zu verstehen sind. Zum anderen hat sich besonders der Bilderbuchmarkt in den letzten Jahren gewandelt und so richten sich mittlerweile viele Bilderbücher auch an eine ältere Leserschaft. Diesem Umstand sollte sicherlich durch die Nominierung eines Bandes mit adoleszenter Thematik wie „5 Songs“ Rechnung getragen werden.

Das Überraschende an den Nominierungen ist eindeutig die befremdlich anmutende Platzierung der Comics als Sachbuch beziehungsweise als Bilderbuch. Kann man die Benennung von Fies’ autobiographisch geprägten Text zwar teilweise noch nachvollziehen, erscheint die Bezeichnung ,Bilderbuch’ für „5 Songs“ doch eher fragwürdig. Sicherlich sind die Grenzen zwischen avancierten Comics und Bilderbüchern nicht immer klar zu trennen, wie etwa das Beispiel von „Tom und der Vogel“ zeigt. Aber Gipi zeichnet doch eindeutig erkennbar Comics. Es scheint als habe die Jury zwar den Willen gehabt einen Comic zu nominieren, sich dann aber doch nicht getraut, ihn als Jugendroman aufzunehmen. Wenn überhaupt gehört „5 Songs“ nämlich genau dort hin. Aber das kennt man ja, schließlich wurde „Maus“ auch ,nur’ mit einem Pulitzer Sonderpreis ausgezeichnet und nicht mit dem ,echten’ Literaturpreis.

Ein anderes Problem ist die Beobachtung des Comicmarktes durch die Jury. Caroline Roeder, die Vorsitzende der Kritikerjury, betont in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk, dass Comics und Mangas aus der Lesewelt der Kinder und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken sind. Da verwundert es doch, warum kein solcher Titel nominiert wurde. Gipis Comic geht schließlich mit großer Sicherheit an der Leserealität (Comic-)lesender Jugendlicher vorbei. Sollte sich hier der Beginn einer neuen Entwicklung abzeichnen, so muss sich die Jury die Frage stellen, wie es ihr gelingen soll neben den etlichen tausend Publikationen des Jugendbuchmarktes auch den Comicmarkt vollständig zu sichten.

Es ist erfreulich, dass Comics endlich im Literaturbetrieb wahrgenommen werden und Literaturpreise gewinnen. Allerdings hängt ihnen leider immer noch ein Flair von Kuriosität und Kinderkram an. Kritikerjurys wie die des Jugendliteraturpreises haben es in der Hand, dem Comic zu einer ihm gerechten Wahrnehmung zu verhelfen.