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Die Box




März 2008
Felix Giesa
für satt.org

Ein Pinguin kommt selten allein

Tiere spielen in Kinderbüchern seit jeher eine große Rolle, ermöglichen sie doch, Geschichten durch die animalischen Figuren mit Distanz zu erzählen. Seit einiger Zeit scheint es jedoch saisonal bedingt Vorlieben für eine Gattung zu geben. So erschienen im vergangenen Frühjahr gleich drei Bilderbücher mit Schafen als Protagonisten. Dabei konnten „Fiete Anders“, „Das 108. Schaf“ und „Schaf, Kindchen, Schaf!“ nicht grundverschiedener sein. Diese Bilderbuchsaison hat hingegen den Pinguin für sich entdeckt. Zwei tolle Beispiele sollen hier kurz vorgestellt werden. Beide beginnen mit einem überraschend zugestellten Paket – und entwickeln sich dann doch ganz unterschiedlich.

Wiedersehen am Südpol

Kinderliteratur aus Israel ist in Deutschland nach wie vor eher eine Seltenheit und wenn, befasst sie sich mit der Shoa. Umso überraschender ist nun das Bilderbuch „Auf Wiedersehen am Südpol“, getextet von Nurit Zarchi und illustriert von Batia Kolton. In einer wunderbar-skurillen Umgebung siedelt Zarchi die Geschichte von Herrn Summ an, der eines morgens auf dem Weg zur Arbeit ein Paket zugestellt bekommt. „Warum?“, fragt er nicht ganz unberechtigt und erhält die für alles folgende programmatische Antwort: „Weil jeder noch für jemand anderen sorgen muss.“ Dem kann man sich kaum widersetzen. Dummerweise beginnt das Paket direkt, quasi postwendend, Forderungen zu stellen. Weil man aber durch so eine Paketwand hindurch herzlich wenig versteht, begeben Herr Summ und das Paket sich auf eine kleine Odyssee. Diese führt sie zum Rummel, in den Süßwarenladen und so fort. Bis es Herrn Summ reicht, er muss schließlich zur Arbeit. Dort angekommen wird das Paket auch endlich geöffnet und zum Vorschein kommt: ein riesiges Ei. Was soll man da schon machen? Jeder ist schließlich nicht nur für sich verantwortlich und so brütet Herr Summ das Ei aus – bis nach drei Tagen ein Pinguinkind zum Vorschein kommt. „Papa?“ – „Gewissermaßen.“ – „Südpol hier?“ Der ist dann leider doch woanders, also machen sich beide auf zum Südpol.

Nurit Zarchi (Text) und Batia Kolton (Illustriation): Auf Wiedersehen am Südpol
In „Auf Wiedersehen am Südpol“ sehen nicht nur die Pinguine wie solche aus: Herr Summ erscheint in seinem liebenswert-tölpelhaften Erscheinungsbild genauso fehl am Platz zu sein, wie sein späteres antarktisches Ziehkind.

Für das herrlich absurde Geschehen findet Batia Kolton genau den richtigen Strich. In ihrer Feinheit erinnern die Bilder an die Ligne Claire französischer Comics, der leichte Gelbton, in dem die Stadtbilder schimmern, verleiht der Szenerie einen Hauch von Exotik. In dieser Umgebung erscheint Herr Summ wie ein Fremdkörper: groß, dicklich, mit schwarzem Pullover und einer bis in die Achseln hochgezogenen Hose, der Schritt an den Knöcheln hängend, steht er direkt selber wie einen Pinguin da. Wenn er später inmitten einer Pinguinkolonie am Südpol stehen wird, scheint es, als wäre nicht nur der kleine Antarktisbewohner endlich zu Hause. Auch Herr Summ passt hier viel besser ins Bild als in der Stadt.

Mit „Auf Wiedersehen am Südpol“ liegt ein Titel vor, der Kinder mit seinen Abstrusitäten zu begeistern vermag, während den reiferen Leser vor allem der poetische Ton gefallen und nachdenklich stimmen wird. Denn wie wäre es, wenn jeder, so wie Herr Summ, seiner Verantwort anderen gegenüber nachkommen würde?

365 Pinguine

Sich eher auf die erzieherischen Anfänge der Kinderliteratur zu besinnen, scheint der Ansatz des zweiten ,Pinguin’-Buches zu sein. Das muss heute jedoch keineswegs mehr so trocken sein, wie man dies von didaktischen Büchern kennt. So gehen Autor Jean-Luc Fromental, Hergé-Fans bekannt als Autor von „Die Abenteuer von Hergé“, und Illustratorin Joëlle Jolivet wesentlich verspielter ans Werk. Wie bereits gesagt steht zu Beginn der Handlung von „365 Pinguine“ ebenfalls ein Paket. Am Neujahrsmorgen wird es der Familie zugestellt. Ein Pinguin kommt zum Vorschein, zusammen mit der Aufforderung sich um ihn zu kümmern. Auch diese Familie ist sich bewusst, dass man sich nicht nur um sich selber kümmern kann und so wird der Vogel kurzerhand aufgenommen. Schließlich ist ein Pinguin problemlos zu versorgen. Aber am nächsten Tag kommt ein Artgenosse und will ebenfalls versorgt werden und am Tag danach noch einer – bis Ende Januar 31 Südpolbewohner das Haus bevölkern. Da kann man beinahe froh sein, dass der Februar nur 28 Tage hat! Und am ersten März hat man dann 60 Vögel und die kann man ganz einfach zu Gruppen anordnen.

Wer hier jetzt eine mathematische Grundhaltung in der Erzählung meint erkannt zu haben, der liegt ganz richtig. Ausgehend von den sich täglich vermehrenden Frackträgern baut der Autor immer wieder kleine Rechenaufgaben in seinen Text ein. Schließlich ist es gar nicht so einfach für 100 Schnäbel Fisch à drei Euro das Kilo zu kaufen. Praktisch hingegen ist es, ein Gros Pinguine in zwölf Kisten sortieren zu können. Dabei sind diese kleinen Aufgaben nie so in die Geschichte eingebaut, dass der Zwang entsteht rechnen zu müssen. Geschickt wird aus der Sicht des Sohnes erzählt, was die Familie alles unternimmt, um dem Chaos zu entkommen und es ist unheimlich spannend mitzurechnen, mit welcher Lösung man diesem Ansturm Herr werden kann und der Titel läst hoffen, dass mit Ablauf des Jahres zwar mindestens 365 Rechenaufgaben ins Haus stehen, aber hoffentlich nicht mehr als 365 Pinguine.

Jean-Luc Fromental (Text) und Joëlle Jolivet (Illustration): 365 Pinguine
Gerade war der ,Schwarzen Flut’ Einhalt geboten und das Gros in zwölf Schubladen sortiert – da bringt ein weiterer der „365 Pinguine“ jegliche Ordnung durcheinander!

Wo so viele Figuren unterkommen müssen, braucht es natürlich auch viel gestalterischen Spielraum und so erscheint „365 Pinguine“ in einem Überformat, auf dessen Seiten wirklich ausreichend Platz für den Vogelschwarm ist. Joëlle Jolivet, die schon für die legendäre Comicgruppe L’Association arbeitete, bedient sich einfachster Mittel für ihre Illustrationen. Die Figuren sind schlicht und flächig, in ihrer Mimik schon cartoonhaft. Dabei setzt sie auf eindeutige Farben: die Familie schmückt ein grelles Orange und stellt so einen krassen Kontrast zur immer größer werdenden Pinguinmeute dar. Es hat schon etwas Gruseliges, wenn immer mehr watschelige Zeitgenossen im Haus verweilen und das Orange mit jeden Pinguin abnimmt: „Wir leben Pinguine. Wir denken Pinguine. Wir werden Pinguine.“

Hätten die Autoren es bei dieser Konstellation belassen, ihnen wäre ein sehr unterhaltsames Bilderbuch gelungen. Doch leider war die Versuchung zu groß, die Tiere der Antarktis für ein umweltpolitisches Statement einzubinden. Die Auflösung der unbekannt zugesandten Pinguine ist nämlich in Person eines Onkels zu finden, der als Ökonom versucht, die Pinguine vor dem Aussterben zu retten und am Nordpol anzusiedeln. Das geht natürlich nicht auf direktem Wege und so musste dieser Witz herhalten. Dass dieses Vorgehen den Treibhauseffekt nur noch verstärkt, scheint dabei egal zu sein. Aber vielleicht wird es ja bald eine Fortsetzung geben, denn am Ende erreicht die Familie erneut ein ,erstes’ Paket und diesmal will ein Eisbär, Knut und Flocke sei es geschuldet, umsorgt werden.



Nurit Zarchi (Text) und
Batia Kolton (Illustriation):
Auf Wiedersehen am Südpol

Gerstenberg, 48 S., € 12,90, ab 4 Jahren
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Jean-Luc Fromental (Text) und
Joëlle Jolivet (Illustration):
365 Pinguine

Carlsen, 48 S., € 16,-, ab 3 Jahren
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