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Die Box




März 2008
Martin Jankowski
für satt.org

Léda Forgó:
Der Körper meines Bruders


Léda Forgó: Der Körper meines Bruders

Budapest Mitte der Fünfziger: Eine verheiratete Arbeiterin der Konservenfabrik gebiert Zwillinge, doch sie hat wenig Interesse an der Mutterschaft. Also kümmert sich der Vater um das Mädchen Borká und den Jungen Palkó. Mit dem Ungarnaufstand erreicht die Revolution die kleine Familie, durch einen Zufall stirbt der kleine Junge. Zurück bleibt, kaum dass sie laufen kann, seine Zwillingsschwester Borka. Nun muss sie für zwei leben lernen, für sich und für den Bruder, der ihr so fehlt. Als sie über dem Unglück auch den Vater verliert, ist sie allein mit ihrer Mutter, die keine sein will. Eine schmerzhafte Entwicklung beginnt, die Borka und uns durch die Institutionen und den pittoresken Alltag des real existierenden Sozialismus’ Ungarns führt und dabei keine bittere Wahrheit auslässt. Partei und Kirche, Schule und Intelligenzia, Budapests großbürgerliche Vergangenheit und die sowjetische Gegenwart, all diese Kräfte zerren an der Seele Borkás und ihrer Mutter, die verzweifelt nach einem gangbaren Weg suchen, mit dem Leben zurechtzukommen. Eindrückliche Personen und absonderliche Details aus Alltag und Seelenleben durchkreuzen die Geschichte; so entsteht ein Sog, der uns immer tiefer in die trotzige Weltsicht der Hauptheldin Borká zieht. Doch kein illustrierendes Panorama wird gezeichnet; widersprüchliche Charaktere in schwierigen Umständen werden genau und mit kräftigen Farben glaubhaft gemacht; die Dramen einer längst nicht vergangenen Geschichte bekommen Fleisch und Blut.

Léda Forgó hat einen hochinteressanten und ungewöhnlichen Roman geschrieben, der uns die jüngste Geschichte Europas nicht nur aus der Perspektive eines widerspenstigen Kindes, sondern durch die unverwechselbaren Details des Alltags kleiner Leute erzählt. Forgó kommt ganz ohne politische Deutelei und ohne die üblichen Klischees über Osteuropa aus, die Weltsicht ihrer Protagonistin bewahrt sie davor. Hinzu kommt eine klare, aber ungewöhnliche Sprache: Forgó, die seit 1994 in Deutschland lebt und hier nach einem Studium des Szenischen Schreibens ihren ersten Roman vorlegt, hat die deutsche Sprache erst nach ihrem Umzug erlernt. Die Sätze, die sie formt und die bildhaften Szenen, die sie baut, sind eigenwillig und nicht immer elegant, aber eben deshalb besitzt diese besondere Art des Erzählens eine eigene Würze. Zu Recht erhält die Autorin dafür den Chamisso-Förderpreis 2008.

Wenn die Hauptheldin Borká am Ende des Buches beginnt, die Gründe für die Zweifel ihrer Mutter zu erahnen, hat man als Leser Bekanntschaft mit einer Protagonistin und ihren Lebensumständen gemacht, die man nicht vergessen wird.



Léda Forgó: Der Körper meines Bruders
Roman. Atrium Verlag 2007. 332 Seiten, 19,90 €
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