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Februar 2008
Rüdiger Saß
für satt.org

der sonnenküsser

Jürgen Landt: der sonnenküsser

Nach acht Büchern voller Kurzgeschichten legt Jürgen Landt seinen Debütroman vor, den ersten Teil einer Lebensgeschichte, Kindheit und Jugend umfassend. Der Ich-Erzähler Peter Sorgenich, der bereits in einigen Landtschen Kurzgeschichten auftaucht, ist mit dem Autor, mit Jürgen Landt identisch. Landt, Jahrgang 1957, erzählt vom Leben, Leiden und Lieben im real existierenden Sozialismus der DDR, in einem Sozialismus ohne Sozialisten. Es ist die Geschichte eines Außenseiters, eines Individualisten, der in zwei Diktaturen hineingeboren wird, in die Diktatur eines allumfassenden Staates einerseits und in die Gewaltherrschaft der Mutter andererseits. „meine geschichte nahm ihren engen verlauf“, schreibt Landt alias Sorgenich, „menschen gürteten einen kleinen jungen ein. und sie stanzten weitere löcher in seinen gürtel, um ihn eng in ihr muster des lebens zu schnallen.“ Sorgenich wächst in Demmin, einer pommerschen Provinzstadt auf. Er kapselt sich früh ab, geht eigene Wege, will allein, für sich sein. Er will selbst entscheiden, was er tun und lassen will. Doch das fällt schwer in einem Staat, der die Bedürfnisse und Belange des Kollektivs über die des Individuums stellt, ein Staat, der alle Menschen in seinem Machtbereich erfaßt, überwacht und zu formen versucht. „war ein mensch nie“, fragt peter sorgenich, „auch nur ein einziges mal alleine und ungestört auf der welt? war man nur alleine und abgeschirmt irgendwann später im sarg unter der erde? oder wollten dann vielleicht die leichen auch noch etwas von den anderen leichen?“

Peter Sorgenich begehrt auf, instinktiv, mehr aus dem Gefühl als aus der Reflexion heraus wehrt sich der Junge gegen pausenlose Bevormundung, gegen dumme, inhaltsleere ideologische Phrasen. Sorgenich beweist Mut, er schwimmt gegen den Strom, während die Mehrheit der Menschen den Schwanz einzieht und mit den Wölfen heult. Er äußert seine nonkonforme Meinung im Unterricht, er trägt Kleidung des „Klassenfeindes“ und verstößt gegen Gesetze. „gegen eine prügelei hatte ich auch nichts einzuwenden“, sagt sorgenich, „zumal ich ständig am überkochen war. der sinnlose unterrichtskram, die erdrückenden, lückenlosen kontrollmechanismen in der schule und das ruhelose zuhause, diese dummen zwistigkeiten der ewig aufeinander einhackenden eltern waren für mich glut genug, schufen knisternde körperanspannungen und aggressionen, die nach entladung verlangten. noch ahnte ich nicht, was alles auf mich zukommen sollte.“ Was Sorgenich nicht ahnte, war das Gefängnis, das Zuchthaus, das ihm winkte, das auf ihn zukam, nachdem er mit sechzehn Jahren wegen „Rowdytum“ zu sechs Wochen Jugendhaft verurteilt wurde. Diese Strafe machte Sorgenich endgültig zu einem Außenseiter, zu einem gebrannten Kind. Vater Staat entschied, Peter Sorgenich bedürfe nach der Haftentlassung einer ständigen Kontrolle und konkreten Anleitung durch das Kollektiv, da er sich grundsätzlich unmoralisch verhalte und ständig gegen die sozialistischen Grundsätze verstoße. Das konnte nicht gut gehen. Und so endet dieser erste Band, der erste Teil der Leidensgeschichte des Peter Sorgenich mit einem Gerichtsurteil, mit einer Verurteilung zu acht Monaten Haft wegen „Rowdytums“ gegen den mittlerweile Neunzehnjährigen.

Peter Sorgenich ist ein böser Bube, ein bad guy, ähnlich dem Henry Chinasky in Charles Bukowskis autobiographischen Roman „Das Schlimmste kommt noch“. „der sonnenküsser“ ist ein Unterschichtsroman, Peter Sorgenich ist einer von unten, aus dem Volk, einer, der etwas zu sagen hat. Dadurch, daß der Autor weiß, wovon er schreibt, gewinnt der Roman eine Authentizität, die ihm die Qualität eines Zeitzeugnisses ersten Ranges verleiht. Jürgen Landt bedient sich konsequenterweise nicht der Hochsprache, keiner gedrechselten, weichgespülten Formulierungen, sondern schreibt schnörkellos und frisch von der Leber weg, kernig, kraftvoll. Der in zweiundsiebzig Kapitel unterteilte „sonnenküsser“ liest sich wie chronologisch angeordnete Kurzgeschichten, wobei die eine und andere Episode auftaucht, die als eigenständige Texte in früheren Veröffentlichungen des Autors zu finden sind.

Das Eigentümliche der Landtschen Prosa liegt in den bedrückenden Gefühlen, in den Beklemmungen und der Hilflosigkeit, die sich durch seine Schilderungen menschlichen Miteinanders einstellen, eines Miteinanders, das immer ein Neben- oder Gegeneinander zu sein scheint, immer mißglückte Kommunikation, Haß, Egoismus, Gewalt, Dummheit, Teilnahmslosigkeit. Landt gelingt es wie wenigen, die Atomisierung moderner Gesellschaften in packende Worte zu kleiden, auf den Punkt zu bringen: die Vereinzelung, Ohnmacht und Isolation der Menschen, ihre All-Einsamkeit.



Jürgen Landt: der sonnenküsser
edition m., Rostock 2007, 336 S., 18,80 €
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