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Die Box




Januar 2008
Felix Giesa
für satt.org

Achtung, jetzt kommt ein Karton

Antoinette Portis: Das ist kein Karton!

„Achtung, jetzt kommt ein Karton“ - dieser Slogan aus dem alten Sommerferienprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender kündigte damals den nachfolgenden Cartoon an und spielte mit dem Sprachwitz zwischen ,Cartoon’ und ,Karton’. Allerdings stand der Karton auch in dieser kurzen Fernsehsequenz für mehr als nur bloße Aufbewahrungsmöglichkeit oder Verpackung. So auch im vorliegenden Bilderbuch „Das ist kein Karton!“ der Amerikanerin Antoinette Portis. Mit einfachsten graphischen Mitteln erzeugt sie ein eindrucksstarkes Bild kindlicher Imagination und Spielfreude.

Jeweils zwei Doppelseiten dienen der Autorin für eine kurze Episode: auf der ersten linken Seite steht eine Frage, z. B. „Warum sitzt du in einem Karton?“, während auf der rechten Seite ein kleiner Hase in einem Karton sitzend zu sehen ist. Auf der folgenden linken Seite steht, ganz programmatisch, „Das ist kein Karton.“ und auf der rechten Seite sieht man, was er damit meint – er sitzt in einem Rennwagen! Dieses einfache, aber wirkungsvolle Schema wird das Buch über beibehalten und so sieht man den Hasen beim Bergsteigen, Feuerlöschen oder auch zum Roboter mutiert.

Antoinette Portis: Das ist kein Karton!
Klar, präzise und auf das Wesentliche reduziert erscheint die Sicht
der Erwachsenen, die das kindliche Spiel nicht durchblicken.

Antoinette Portis spielt dabei gekonnt mit dem Gegenstand ,Karton’. So ist bereits der Einband in dem rauen Braun eines Allerweltkartons gehalten und das Buch wird vorne durch eine Nettogewichtsangabe und hinten durch den Verweis „This Side Up“ selber zu einem Karton gemacht – einem Karton voll kindlicher Phantasie. Diese einfache und klare Bildsprache setzt sie auch im Inneren um. Mit kräftigen Strichen, die am Rand faserig erscheinen, wie wenn man auf Karton malt, zeichnet sie die Figuren. Diese erscheinen zweidimensional, kein zusätzlicher Strich wurde für verzierenden Schnörkel verwendet. Geschickt ist auch die Vorgehensweise in der Präsentation der Bildpaare. Das Ausgangsbild wird in die Selbstsicht des Hasen integriert und seine Phantasie durch rote Linien sichtbar gemacht. Diese wenigen Farben entfalten ihre besondere Wirkung durch die Wahl der Hintergrundfarbe: die Frage nach dem Tun des Hasen wird immer auf Kartonbraun abgebildet und die dazugehörige Illustration auf weißen Hintergrund. Die Antwort hingegen schreit einem von rotem Papier entgegen und das Phantasiebild leuchtet auf gelben Untergrund (vgl. unsere Abbildungen).

Antoinette Portis: Das ist kein Karton!
Bunt und farbenfroh erscheint die Sicht auf das Spiel. Die große Kunst von Antoinette Portis zeigt
sich hier in den kleinen Details: die Ohren des Hasen sind im Fahrtwind nach hinten gebogen.

Antoinette Portis Bilderbuch ist ein Appell an den Spieltrieb und die kindliche Vorstellungskraft. Sie fordert den Betrachter auf: den erwachsenen beim kindlichen Spiel genau hinzuschauen und das kindliche Spiel ernst zu nehmen. Und den kindlichen Betrachter regt sie zum Nachahmen an. In der heutigen produktüberladenen Kinderwelt kann diesem Appell nur viel Erfolg gewünscht werden.



Antoinette Portis: Das ist kein Karton!
Hanser 2007, 32 Seiten, € 12,90
ab 3 Jahren
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