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Die Box




November 2007
Hans Ravensburger
für satt.org

Janosch über die
Rückseiten seines Erfolges

In „Reden Sie Tacheles, Herr Janosch!“ spricht der beliebte Autor und Zeichner mit dem Journalisten Jörg Merk ungewohnt offen über die Kehrseite der scheinbar heilen Panama-Welt sowie über die Hintergründe der Janosch-Aktiengesellschaft …

Jörg Merk:
Reden Sie Tacheles,
Herr Janosch!

Neue Welt Verlag,
Langenpreising 2007

Jörg Merk: Reden Sie Tacheles, Herr Janosch!

134 S., 12,90 €
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Wer Janosch als romantischen Kuschelbär- und –tigerfuzzi zu kennen glaubt, muß bei diesem Buch ganz schön schlucken. Daß es unter der Heile-Welt-Oberfläche schon seit Jahren gewaltig brodelt, was Rechte, Lizenzen und Verträge betrifft, ist zwar eigentlich kein Geheimnis – Janosch hat in Zeitungsinterviews schon öfter darüber gesprochen -, aber noch nie wurde das Thema von ihm derart schonungslos seziert wie hier. Man ist oftmals fassungslos darüber, was dieser so heiter wirkende Mann an Verlags- und Vertragsbetrügereien, Psychoterror, Konzernmachenschaften und Lizenzintrigen schon alles erlebt hat. Er spricht von Honorarumleitung, nennt Namen und legt Vertragskopien und Bankbescheinigungen vor, um die Wahrheit seiner Aussagen zu bekräftigen. Schon seit Jahren droht man ihm mit Klagen, sollte er diese Dinge in die Öffentlichkeit tragen („hier wird ein Brand entfacht, und aus diesem Grund fand das Buch bisher keinen Verleger: Verlage drohten mit ,juristischen Maßnahmen ohne Ende’, wenn er ,darüber’ redet“, wie es in der Pressemitteilung des Neue Welt Verlags heißt); doch jetzt scheint Janosch genug zu haben. Nicht um seinetwillen hat er dieses, ja: Enthüllungsinterview gegeben, sondern um Fans vor dem Kauf der Janosch-Aktien zu warnen. Auf die Prozesse, die die „Janosch Film- und Medien-AG“ nun anstrengen will, scheint er sich geradezu teuflisch zu freuen – kommt doch dann endlich mal die Wahrheit der so übel verharmlosten und verkitschten Janosch-Erfolgsstory raus! Janosch ist kein Romantiker, sondern Profi; das Stahlbad, durch das er ging, ist keinem Autor zu wünschen, weswegen ich dieses Buch auch jedem ans Herz lege, der sich in die Welt der Verlage wagen will.

Selbst der Interviewer, der Journalist Jörg Merk, scheint überrollt zu sein von dem Strom an Enthüllungen und Anklagen, den ihm Janosch vorsetzt – manchmal ist ihm das fast zu viel „Tacheles“, und immer wieder bittet er, geradezu hilflos wirkend, seinen Gesprächspartner, doch auch mal „eine schöne Geschichte“ zu erzählen, weil es doch das ist, was „die Leute“ erwarten und hören wollen, worauf Janosch erwidert: „Sie wollten mit mir über das reale Leben reden. Dann läßt sich die Realität nicht aussparen.“

Gewiß, Janosch hat auch schöne Geschichten erlebt, und manche erzählt er hier auch – aber seine Geschichten sind nie idyllische Märchen, sondern haben alle ihre Wurzeln in der Realität, wo „schön“ und „furchtbar“ mitunter ganz nahe beisammen liegen. So haben die meisten von Janoschs unverwechselbaren Gestalten ihren Ursprung in der kleinen oberschlesischen Grubenarbeitersiedlung Zaborze B, wo Janosch, damals noch Horst „Hotek“ Eckert, im Dritten Reich aufwuchs, und diese Zeit war bekanntlich kein Zuckerschlecken. Was Hotek hier lernte und nie vergaß: der Mensch geht immer am liebsten den Weg des geringsten Widerstands, und es ist einfacher, eine Sau zu sein als keine – konsequentes Gutsein ist Arbeit, ist Maulwurfsarbeit, ist Sisyphosarbeit, man braucht dazu die Kraft des Geistes und darf sich nicht kirre machen lassen.

Janosch ist daher progressiver Anarchist und Zen-Buddhist geworden, ein hellwacher, klarer Geist, der die Mißstände erkennt und thematisiert, aber sich von ihnen nicht fertigmachen läßt. Ohne Zen hätte er an dem Ausmaß der Vertragsschweinereien, die seine Karriere begleitet haben, schon längst durchdrehen können. Der Mensch ist eben immer noch lieber eine Sau, denn es ist einfacher – daran hat das Ende des Dritten Reiches nichts geändert. Was um Janoschs berühmteste Figur, die Tigerente, für eine Schlacht tobt; wie es kommt, daß Janosch von den Merchandising-Millionen, die mit seinem Namen verdient werden (Janosch-Kalender, Tigerenten aus allen möglichen Materialien, Janosch-Käse, Janosch-Klopapier …) fast keinen Cent sieht und oft nicht einmal weiß, was da alles unter „Janosch“ verkauft wird; was man unter „Flughafenverträgen“ versteht; warum keine neuen Bücher von ihm mehr erscheinen: dies und noch viel mehr erfährt man in diesem Buch, genau bis ins Detail. Jörg Merk sagt an einer Stelle: „In einem Ihrer Bücher steht: Wer dieses hier liest, braucht sich vor nichts zu fürchten!“, worauf Janosch entgegnet: „Und wer dieses hier liest, darf sich gern fürchten, wenn er zu den Tätern zählt!“

Für Leute, die Janosch besser kennenlernen wollen, ein wichtiges Buch – und für Leute, die bisher nicht verstanden haben, wie derart reizende und liebliche Merchandising-Produkte Teil einer riesengroßen organisierten Kriminalität sein können, ebenfalls. Das komplette Autorenhonorar (10 Prozent des Verkaufserlöses) wird übrigens an andheri-hilfe.de und an aerzte-ohne-grenzen.de gespendet.


Jörg Merk: Reden Sie Tacheles, Herr Janosch!
Neue Welt Verlag, Langenpreising 2007, 134 Seiten, 12,90 €
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