Anzeige:
Die Box




Juli 2007
Martin Jankowski
für satt.org

Seelenlandschaften mit Überraschungen


Jan Costin Wagner:
Das Schweigen

Eichborn Berlin 2007

Jan Costin Wagner: Das Schweigen

283 S., € 19,95
   » amazon

Diese Rezension muss mit dem Eingeständnis der Unzulänglichkeit des Rezensenten beginnen: Normalerweise lese ich keine Krimis, denn mein Bedarf an schlechtgelaunten Kommissaren und ihren privaten Problemen wird durch gelegentliches Fernsehen mehr als hinreichend gedeckt. Und nun ein Krimi, der in Finnland spielt? Ich muss zugeben, ich hätte Jan Costin Wagners neues Buch „Das Schweigen“ niemals in die Hand genommen, wenn ich nicht seine vorherigen Bücher gelesen hätte. Vor allem sein Erstling „Nachtfahrt“ (Eichborn Berlin, 2001) hat es mir angetan, das Psychogramm eines jungen Mannes voller krimineller Energie, ein spannender Roman, von dem man nicht genau sagen kann, ob es sich um ein brillantes literarisches Kabinettstück oder um einen untypischen Krimi mit literarischen Qualitäten handelt. Ich war jedenfalls begeistert und nun bereit, auch Wagners zweites Buch zu lesen, bei dem es sich um einen klassischen Krimi handelte: „Eismond“ spielt im düsteren finnischen Winter - und hat einen schlechtgelaunten Kommissar mit privaten Problemen zum Haupthelden. Aber was für ein Buch! Damit gelang Wagner in Deutschland wie international endgültig der Durchbruch. Seine klare, knappe Sprache und die Geschichten, die er zu erzählen hat, sind so überzeugend und voller ungewöhnlicher Motive, dass man sich deren Sog nicht entziehen kann. Wagners drittes Buch, der Roman „Schattentag“ wurde zu einem weiteren literarischen Experiment im Niemandsland zwischen Krimi und literarischem Roman.

Nun liegt Wagners viertes Buch vor und darin begegnet der Leser dem Kommissar aus „Eismond“ wieder und auch den verträumten Landschaften Finnlands. Doch die Geschichte bewegt sich diesmal in eine andere Richtung und eine Nebenfigur aus dem früheren Buch wird zum Haupthelden des neuen Buches: Kommissar Ketola, der zu seiner Pensionierung immer noch daran zu knabbern hat, dass einer seiner ersten Fälle als junger Beamter bis heute nicht gelöst ist. Und dann geschieht an gleicher Stelle ein Unglück, dass dem damaligen erschreckend ähnelt: An einem Holzkreuz, dass den Ort markiert, an dem vor dreiunddreißig Jahren eine Dreizehnjährige vergewaltigt und getötet wurde, liegt jetzt das Fahrrad von Sinikka, der Vierzehnjährigen, die verschwunden ist. Ist es denkbar, dass der Täter nach all den Jahren zurückkehrte? Trotz der Pensionierung muss Ketola der Sache nachgehen, möglicherweise geht dieser Fall ihn persönlich an.

Schicht für Schicht legt der 1972 geborene Jan Costin Wagner nun das Geflecht der Gefühle und Motive aufeinander, wir blicken in die Seelenlandschaften finnischer Männer verschiedenen Alters. Doch je weiter sich das Bild ausgestaltet, dass sich aus den Short Cuts in den Alltag der verschiedenen Protagonisten zusammensetzt, umso deutlicher wird, dass das behäbige, zwielichtige Finnland ein exemplarisches Muster für etwas ist, das überall in den westlichen Ländern geschehen könnte: Die Geschichte könnte im Wesentlichen ebenso in der Bretagne oder in Böhmen, in Niedersachsen oder in Oregon spielen.

Wir begegnen dem drogensüchtigen Sohn des Kommissars oder den misstrauischen, in Trauer erstarrten Eltern des verschwundenen Mädchens, wir erfahren viel über Sanna, die schon lange nicht mehr lebt, über Timo Korvensuo, der ein schlechtes Gewissen hat und über den Hausmeister Pärssinen, der seine Freizeit mit einer Sammlung von Pornofilmen verbringt. Und wir begegnen einem Kommissar, der feststellen muss, dass er innerlich schon tot ist, obwohl er noch umherläuft. Stück für Stück eröffnet sich ein Panorama, dass viel weiter blickt und zugleich näher an die beteiligten Personen heranreicht, als man es von einer klassischen Detektivstory gewöhnt ist. Das Beste an Wagners Schreibweise bleibt das kunstvolle Changieren zwischen großartiger Literatur und leichtem Erzählen: Seine Bücher sind Scheinkrimis, so etwas wie umgekehrte Sitzriesen – auf den ersten Blick wirken sie flach und simpel gestrickt, erst allmählich entfaltet sich beim Lesen die wahre Wirkung und ergibt eine unvermutete, mit unter atemberaubende Tiefe des Geschehens. Auch wenn dieses Buch im weiteren Verlauf scheinbar mit einer gewissen Vorhersehbarkeit in Breitwand auf sein Finale zusteuert: Was dann passiert ist überraschend und gibt der Geschichte eine erstaunliche Wendung und schließlich einen Energieschub, den man ihr vielleicht auch schon einige Kapitel vorher gewünscht hätte. Die klare Sprache Wagners und seine überzeugenden Psychogramme jedoch machen das Lesen zum Genuss: Als Sommerlektüre wärmstens empfohlen! Und wenn Sie sie noch nicht kennen, besorgen Sie sich auch die anderen Bücher des Autors. So spannende gute Romane wie er schreibt in Deutschland derzeit kein anderer.