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Die Box




Juni 2007
Tom Schulz
für satt.org

Wo Haushaltsgeräte zum Sterben hingehen.
Neue Gedichtbände, für die, die keine Gedichtbände kaufen.

„Wir schreiben nicht oft Gedichte“ lautet eine Zeile von Sascha Anderson aus den 80er Jahren, als man zumindest im sprachlichen Untergrund der DDR mit Lyrik noch das Subversive behaupten konnte. Zwischen den Zeilen fanden sich die Botschaften zur Entzündung des Urwalds nahe Spree und Elbe. Die vorausgegangenen Avantgarden waren fern und jeder sein eigener Neodadaist. Die berüchtigte Prenzlauerberg-Szene wohnte im Friedrichshain, Bert Papenfuß und Stefan Döring waren keine Kneipiers und die Kastanienallee brachte Ausdrücke hervor, die heutzutage vor dem Kaufdichglücklich mit keinem Erasmusstudentinnenlächeln bedacht würden. Damals gab es Leser, die nicht an Laserentfernungen dachten, aber das ist geschenkt und ein für alle Mal in einer der Tonnen.

Das Hamsterrad indes dreht sich weiter, es wirft ja noch Perlen vor die Säue! Wir wollen das gut heißen, wir lesen nicht oft Gedichte. Wir sind der Sprache mächtig, sofern sie uns syntaktisch bestätigt, dass der Satz eine grammatikalische Ordnung zu haben hat, die sich aus der Einbahnstraßenregelung ergibt.


Ron Winkler:
Fragmentierte
Gewässer

Berlin Verlag 2007
18 Euro

Ron Winkler: Fragmentierte Gewässer. Gedichte
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„Fragmentierte Gewässer“ heißt der zweite Gedichtband von Ron Winkler (Jg. 1973), der sich bis auf eine handvoll Kindheitsgedichte das Breitwandkino Natur zum Gegenstand gemacht hat: zeitgeistlich cool, süffisant und geschmacklich ausgereift. Mit linguistischen Einsprengseln der Maschinen- und Fachsprachen durchdringen diese lyrischen Gebilde ihr Sujet, ironisieren ihr Thema und gelangen dabei zu berückenden Findungen. Die Texte wirken postmodern abgehangen wie gut aufbewahrte Delikatessen, deren Aromen sich wie ein über Jahre gelagerter Burgunder zu entfalten wissen: „die Seen, die wir sahen, waren durch Schwäne/mit dem Meer verbunden. ihre Schreie klopften nicht/an, sie traten gleich ein (auch weiß waren sie nicht).“ Ron Winklers Landschaftstexturen neuen Stils, die das tradierte deutschsprachige Naturgedicht der Waldeinsamkeit ad absurdum führen, muss man brillant nennen, so schön, so glücklich semantisch gefügt ist ihre Oberflächenpolitur: „die Dinge stehen im Wettbewerb. zwei Strandkiefern/ringen um die ästhetischste Neigung.“

Manchmal kommt diese aufgerufene fremdwortverwöhnte Wissendheit artistisch daher, die Ironie neigt mitunter zu Reflexen der Reizüberflutung; am suggestivsten sind Winklers Gedichte, wenn sie Erfahrenes versinnbildlichen: „wir umausterten uns ozeanisch, weil wir zu denen gehörten, die schamanisch träumten …“. In einigen Texten scheinen Risse auf, biografisch und/oder geschichtlich, die ihren Autor weiter verfolgen mögen bzw. denen ihr Autor weiter folgen mag.


Stefan Schmitzer:
moonlight on clichy

Gedichte
Droschl Verlag,
Graz 2007
16 Euro

Stefan Schmitzer: moonlight on clichy. Gedichte
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Punk as fuck könnte als Motto über den Gedichten des österreichischen Autors Stefan Schmitzer (Jg. 78) stehen. Die Sammlung „moonlight on clichy“, die zum Teil auf die einst innovativ bahnbrechende „Ich-scheiss-auf-deutsche-Texte“-Musikszene verweist, kommt ohne Autorenbiografie aus, ähnlich einem Rock- oder Popalbum. Dass es sich hier nicht um Weichspülerpop handelt, sondern um stimmlich verstärkte Beatlyrik nach dem Ende der Beatlyrik, ist allemal erfreulich. Am eindrucksvollsten gelingt es Schmitzer bei seinem Debüt in den längeren Gedichten assoziative Wahrnehmungs- und Bewußtseinsketten spielerisch miteinander zu verbinden: „ich singe den grund-/mauernblues, den glut-shuffle für den außen-/bezirk, für die vorstadtpomeranze und die glockenblume, milch-/weißer arsch und milch-weißer blütenkelch …“ Hören wir da etwa so was wie Groove in einem deutschsprachigen Gedicht, im Gegensatz zu den sonst vorherrschenden restaurativen Tendenzen, die so gern preisberühmt von schmalstirnigen Kritikern gerühmt werden? Nun, Stefan Schmitzer muss ja nicht gleich den Großen Österreichischen Staatspreis um den Hals gehängt bekommen, bleibt zu hoffen, denn seine Gedichte zielen nicht auf Mumifizierung oder Kanonisierung ab, sie sind vielmehr ein lebendiger Ausdruck des nicht vereinnahmt werden wollens: „& ein klopfen zwischen den wänden &/etwas anderes als das hier/hinter den wänden aber/mein herzschlag & unsere/zauberkörper das beben geh eine gerade linie/folge einem strich auf der karte in die stadt …“ Der Autor nimmt seine Leser mit in den rasenden Puls der Sprache, zum Herzschlag der besseren Musik. Allerdings: Einige Gedichte strotzen nur so vor Attitüde, was den Texten eher an Facettenreichtum und Möglichkeiten nimmt, dass man sich erinnert fühlt an Nachmittage in den frühen 90er-Jahren, als das Heimgras noch gut war, als die Haus-apotheke noch half und Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann haltbar erschienen.

Allenthalben Respekt gilt dem droschl-Verlag aus Graz für diese wagemutige Veröffentlichung in Zeiten zunehmend apolitischer Verleger und eines fast schon servil zu nennenden Literaturbetriebs.


Jörg Schieke:
Count down

Ein Reisegedicht
MDV, Halle 2007
11 Euro

Jörg Schieke: Count down. Ein Reisegedicht
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Als Jörg Schiekes Gedichtband „die Rosen zitieren die Adern“ 1995 herauskam, war eine kleine Schar von Lyrikkennern nahezu verzückt. Der 1965 geborene Autor legte seinerzeit eine außergewöhnlich stimmige und gelungene Auswahl an poetischen Texten vor. Nach einer weiteren, kleinen Veröffentlichung erscheint nun zehn Jahre später endlich ein neuer Textband des Wahlleipzigers. Das Reisegedicht „Count down“ zählt fünf Abteilungen à zehn Gedichte, die vor der Kulisse eines touristischen Unorts, irgendwo im Meer der Globalisierung spielen. Südlich versetzt in die fiebernden Tropen, scheint das reisende Ich am oft zitierten Ende der Welt eines Robinsonclubs angelangt. Das beliebte Motiv des Reisenden, Schieke spielt es intelligent auf fünfzig Seiten mit geringfügigen Längen durch, und wie könnte es anders sein als von Anfang an europäisch desillusioniert: „Man hat gelernt/den Koffer wie im Schlaf//wie einen Koffer voller Schnee zu tragen“. Es ist Zeit als Paradoxie, die in einer endlosen Auslaufrille rauscht, Geschichte als Loop, die in diesen lyrischen Stücken sichtbar wird. Resümierend heißt es zum Schluss: „Die Wochen vergehen/ohne dass jemals ein Ort//oder ein Datum durchsickert -“

Die Lektüre sei hiermit Zeitreisenden empfohlen, die ihre Version von Atlantis jetlag-technisch auffrischen wollen anhand gut geübter lyrischer Simulation.


Florian Voß:
Schattenbildwerfer

Lyrikedition 2000,
München 2007
9,50 Euro


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Florian Voß, Jg. 1970, hat seinem zweiten Gedichtband Schattenbildwerfer zumindest partiell eine Frischzellenkur verordnet. Eine Erweiterung der Themen und Stimmlagen ist erkennbar, mitunter sogar ein Kalauern über der Bewunderungspfalz: „Der deutsche Himmel ist aus Puffreis/dahinter lauern Nazi-Engel“. Es bleibt dem Leser überlassen, seine eigene politisch unkorrekte Lesart zu finden, wenn Voß zwei Zeilen aus dem Horst-Wessel-Lied in sein Gedicht stellt und damit parodiert. Legitim ist das allemal und so heißt es in Volkslied: „Am Brunnen vor dem Tore/vor der Kaserne/steht eine Tribüne/Die Fahne hoch/die Schellenkappe auf/Die Reihen fest geschlossen/ihr lieben Volksgenossen/und immer um den Lindenbaum“. Ansonsten herrschen dunkel gefärbte melancholische Töne vor, Elegisches, manchmal Morbides, ein Mix aus Spätexpressionismus und barocken Anklängen.

Das alles kommt bei Florian Voß mittlerweile stilistisch ausgewogener daher als noch vor Jahren, im Bemühen um sprachliche Konzentration, im Ringen um das gelungene Bild, im Gelingen von Rhythmus und Klang. So stellen sich hier und da Verse von beinah klassizistischer Schönheit ein, die sich auf ihre Art in die sprachmusikalische Gedächtnisplatine einbrennen: „Mit der Hitze des Sommers bin ich per Sie …// Die Bauarbeiter am Weichselplatz/gehen auf ein Bier in den Landwehrkanal“.


Monika Rinck:
zum fernbleiben
der umarmung.

Kookbooks 2007
14,90 Euro

Monika Rinck: zum fernbleiben der umarmung
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Die Gedichte von Monika Rinck versprühten schon immer die Aura des Besonderen. Mit ihrem neuen, zweiten Lyrikband zum „fernbleiben der umarmung“ ist ihr jetzt der große Wurf gelungen, von dem die meisten ihrer dichtenden Kollegen und Kolleginnen nur träumen können. Die 1969 geborene Autorin gelangt hierin zu einer Symbiose aus Sprach- und Zeitkritik, wie sie hierzulande äußerst selten zu finden ist: „was ist denn das fürne pflanze? die hat heidrun mitgebracht, man hat/schon hunde ohne fell gezüchtet, hat man, aber pflanzen ohne blätter?/ vor diese pflanze stelle ich mich hin und sage in das surren der rechner: einst ruhe ich ewige zeit. und denke das draußen, ein wehen, zärtlich,/die blätter, die blätter, bewegt im verbund und unter ihres-irisgleichen …“.

Man muss Monika Rinck als die mit Abstand beste Dichterin ihrer Generation bezeichnen: kühn in ihren Mitteln, mit radikalen Einsichten. So heißt es in: „was machen die Frauen am Sonntag“: „die frauen vergrößern sich endlos und gehen/darüber hinaus. wir posten fotos von unseren fotzen./es wird egal. was wird genommen, was gegeben./es entspricht sich nicht. schreiben. schicken./weitermachen. schreien. nicht verständlich sein./am cap finisterre der empathie. wir sind am end.“. Das Ende von Gender, das Ende von Jeglichem, der Verzicht auf noch spätere Warengesellschaften, sexuelle Selbstversklaverei, schlechten Geschmack; in diesen Gedichten wird all dies begreifbar, es ist mit den Händen zu greifen, mit den Sinnen, dem Tasten, dem Schmecken, Hören und Sehen. Und provokativ ausrufen, selbst das kann sie noch die Dichterin Rinck aus Moabit, wo immer das liegen mag: „nutten zur literatur. keiner lachte.“ Der Verfasser dieser kleinen Abhandlung kann sich das beim besten Willen nicht verkneifen … Zu guter Letzt sei gesagt, die hier vorgestellten Gedichtbände sind unkäuflich. Man möge sie durch die Shoppingmalls und Discounter schleifen. Und an Sonntagen durch den Zoo streifen zu den Lamas, die man nicht mit nach Hause nehmen kann, dafür aber jenes Lied von den ramponierten Tieren, die nicht mikrowellentauglich sind und vor dem Schaden klug werden …