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Juni 2007
Dominik Irtenkauf
für satt.org

Andrej Belyj: Glossolalie.
Poem über den Laut

Andrej Belyj gehört zu den produktivsten Schriftstellern Rußlands in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Er veröffentlichte Lyrik, Romane, Novellen, Kritiken und theoretische Schriften. Das vorliegende Werk mäandert zwischen Gedicht und Traktat. Es kommt in seiner strukturellen Absicht William Blakes The marriage of Heaven and Hell nahe, wenn auch Belyj eine andere Strategie verfolgt.


Andrej Belyj:
Glossolalie / Glossolalia.
Poem über den Laut /
A Poem about Sound

Pforte Verlag, Dornach 2003

Andrej Belyj: Glossolalie / Glossolalia. Poem über den Laut / A Poem about Sound

264 Seiten, 34 €
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Die Arbeit an der „Glossolalie“ nimmt er nach der Bekanntschaft mit Rudolf Steiner, der Gallionsfigur der Anthroposophie, auf. Inspiriert von dem künstlerischen Austausch im Umkreis der Anthroposophen und der Verbindung zwischen wissenschaftlichem Denken und künstlerischer Kreativität, schafft er ein theoretisches Konstrukt, das einer strengen philologischen Analyse niemals standhalten wird. Darauf kommt es ihm nicht an. Im Vorwort von Thomas R. Beyer, jr., einem Belyj-Forscher aus den USA, heißt es: „Seine lautbestimmten Assoziationen überschreiten Sprach-, Fach- und Traditionsgrenzen. Fortwährend betont er seine eigene Subjektivität, räumt ein, dass dieses Selbstbewusstsein des Lautes in unserem Innern sich noch in einem kindlichen Stadium befinde, und bringt eine Geschichte vor, die für einige ein Märchen sein mag, für ihn jedoch die absurde Wahrheit [dikuju istinu] ist.“

Das Werk besitzt etwas eindeutig Prophetisches. Prophetie wird, genau wie Glossolalie, im religiösen Sinn als auch im dichterischen verwendet. Das Sprechen in vielen Zungen, das sich im christlichen Kalender zu jedem Pfingstfest wiederholt, zumindest potentiell. Belyj, der eigentlich Boris Nikolajevitsch Bugajev heißt, setzt sich in die Mitte und dirigiert mit einem Zauberstab die Laute zu einem munteren Tanzreigen. Seine Analogieschlüsse aus Rudolf Steiners Eurhythmie-Konzept überzeugen auf dichterischer Linie. Weist man als Poet eine Schwäche für William Blake auf, so kann man sich den synkretischen Herleitungen Belyjs nicht entziehen. Er versucht, in den Lauten als Grundbestandteilen der artikulierten Sprache eine transzendente Welt zu fassen zu bekommen. Wer die Phonetik beherrscht, wird ein begnadeter Dichter werden können – so läßt sich der Gedanke Belyjs hinter seiner mystischen Sprache weiterführen. Belyjs Erfahrungen mit Rudolf Steiner haben ihn stark geprägt; der anthroposophische Einfluß ist unverkennbar, und das sieht man nicht nur am Verlagshaus, in dem diese dreisprachige Ausgabe erschienen ist.

„Glossolalia“ beschreibt ein kosmologisches Projekt: wie entwickelt sich die Welt, der Kosmos, in dem sie liegt, weiter, wenn der Mensch zu sprechen anfängt und wie vereinen sich vor allem die einzelnen Sprachen zu einer Universalsprache und vollziehen Novalis‘ Gedanken einer Symphilosophie nach? Im gelungenen Vorwort wird auf diese Referenzen hingewiesen. Bedenkt man Belyjs Engagement in der Anthroposophie, ist dieser Bezug zwischen anatomischer Erklärung und phonetischer Semantik wenig verwunderlich. Die Querverbindungen zwischen den verschiedenen Sprachen der Welt verdanken sich mehr einer dichterischen Intuition denn linguistischer Redlichkeit. Kommt Belyj erstmal in sprachliche Fahrt, läßt er sich nicht leicht aufhalten. Der Leser folgt gebannt den Flockenbildern, denn statt wie in der Sprachwissenschaft Stammbäume zu pflanzen, erinnern die Belyj’schen Wortspiele an manieristische Salzlösungen, an Kristallbilder.

Dieses Bild schließt sich gut an Goethes naturphilosophische Metaphorik an. So scheint bei Belyj immer wieder naturwissenschaftliche Erkenntnis im ganzheitlichen Sinne Goethes durch: "Was ist die Erde? - Lava; nur die Kruste der Kristalle (der Steine) schmiedete die Flamme; und das Grollen der Lava schlägt gegen die Krater der Vulkane; und die oberste Schicht der Erde - wie dünn; mit Gras bedeckt ist sie." Geologie und kosmogonische Poesie gehen hier Hand in Hand.

Das Poem über den Laut ist bewußt eklektisch gestaltet. Belyj nutzt ihm alle zur Verfügung stehenden Erkenntniswege, um dem Laut hinter der Oberfläche des Sprachmaterials näher zu kommen:

„Der Laut ist – der Kreis der Kreise: man kann scharf denken in Bildern, wenn der einheitliche Laut gefunden ist, der sie verbindet; in den Bildgestaltungen des Mythos verzehrt sich der Laut. Der Laut ist bildlos, unbegreiflich, aber – durchdacht; wenn er den Sinn entwickeln würde, unabhängig vom vorhandenen Sinn der Begriffe – könnten wir, hinter das fallende Laub der Sprachen sehend, diese Sprachen durchschauend, auch uns bis auf den Grund durchschauen: unser verborgenes Wesen könnten wir dann schauen; und die Lautsprache ist – ein Versuch; in ihr ist die Weltschöpfung wiedererstanden.“

Dabei bleibt Belyj nicht stehen; er geht verschiedene möglichen Lautkombinationen durch und ordnet sie in sein kosmologisches Weltbild ein. So steht „ch“ zum Beispiel für Rauch, „sv“ für russisch sveth = Licht, „rs“ ist rasswet [Morgendämmerung, Tagesanbruch] rost rassweta [Aufsteigen der Morgenröte]“. Im gesamten Werk findet man eine Fülle an mythologischen, mystischen und religiösen Querverweisen zwischen Lauten, Wörtern und esoterischen Zuordnungen.

Belyj gesteht seine höchst subjektivistische Vorgehensweise ein, was der freien Assoziation Tor und Angel öffnet. Diese Art von Bücher haben es an sich, allein für Eigenpraktiker in poetischen Dingen interessant zu sein. Zu speziell ist ihr Anliegen; weder goutierbare Literatur noch sonore Wissenschaft – eine Vision eines anderen Sprachbewußtseins. Fast mutet „Glossolalia“ wie ein Bastelbuch für verregnete Wochenenden an.

„Ich bin zurückgekehrt in meinen Mund, um die Schöpfung der Sprache zu belauern: erzählen werde ich ein Märchen, an das ich wie an eine Wirklichkeit glaube; das Märchen der Laute wird vergehen: mag es für euch – ein Märchen bleiben; für mich ist es – Wahrheit; die wilde Wahrheit des Lautes werde ich erzählen.“

Belyj fährt mit der Entstehung der Welt fort, in starker Anlehnung an die Genesis. Besonders häufig rekurriert er auf Rudolf Steiners Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriss“. Dieses Erweckungserlebnis kann für Belyjs theoretische Arbeit nicht überschätzt werden.

Das vorliegende Werk ist natürlich alles andere als Poesie, sondern eher poetologische Schöpfungstheorie, also: Kosmologie des Lauts. Im Kontext des (russischen) Symbolismus wird die Aneinanderführung verschiedener Konzepte – wie Weltentstehung und Phonetik – verständlich. Man kann Belyj mehr noch unter dem Aspekt der ,Pseudo-Wissenschaftlichkeit‘ fassen, die in den 1920er Jahren in unseren Breitengraden florierte. Man denke eben an Rudolf Steiner, aber auch an Größen des Okkultismus, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts eine wissenschaftliche Aufwertung durch Menschen wie Papus oder Eliphas Lévi erfährt. Es soll hier kein Urteil über Steiners Gesamtprojekt gefällt werden und der Begriff der ,Pseudo-Wissenschaftlichkeit‘ verdankt sich eines polemischen Diskurs des Ausschließens nicht-verifizierbarer Modelle. Ein Trugschluß ist es sicherlich, das Leitbild einer schlüssigen Argumentation in den Geisteswissenschaften auf das Erstarken der Naturwissenschaft rückführen zu wollen. In der abendländischen Philosophie war die Sonorität der dargelegten Erkenntnisse und ihre fehlerfreie Herleitung stets ein Diktum wissenschaftlicher Redlichkeit und Überprüfbarkeit.

Gerade im Feld der Poesie ist eine interdisziplinäre Annäherung an die Welt möglich; Belyj gibt sich jedoch nicht allein mit der Lyrik zufrieden, sondern geht ähnlich wie Novalis weiter und bezieht alle möglichen Wissenszweige in seinen Entwurf mit ein.

Das Buch wirkt wie eine Aufzeichnung von Assoziationen, die im Nachhinein in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden. Die „Glossolalia“ ist eine Symphonie der Imagination, unterstützt durch Philologie, (zuweilen gebrochene) Etymologie, Linguistik und Esoterik. Als Ziel hat er einen neuen Menschen durch eine neue Wissenschaft (der Kunst) im Sinn. Die willkürliche Grenze zwischen Laut und Semantik hebt Belyj durch mehr oder minder willkürliche Zuschreibungen auf.

Wie bereits angeklungen, kann Belyjs Traktat mit William Blakes „The Marriage of Heaven and Hell“ oder Jean-Arthur Rimbauds „Alchimie du verbe“ verglichen werden, wenn auch deutliche Unterschiede durch den esoterischen Einfluß auszumachen sind. Die Gedanken werden zu einem „Spiegelbild des Wesens des Lebens des Engels“. Die uns umgebende Welt wird belebt durch unseren Hauch, die Mimik, die Gedanken, die wir uns machen. Die Gedanken werden zu Wesen, die durch die Laute zu uns in der Symbolik der Schöpfung sprechen. Statt eine Tafel von Konkordanzen aufzustellen, wie es seinerzeit John Dee (1527-1608) mit seinem Medium Edward Kelley hielt, gibt Belyj anhand einer Interpretation der Sprachgeschichte Anreize, die transzendentale Welt mit unserer Sprache zu erklimmen. „Der ,Mime‘ ist ursprünglich – der Magier; ,mime‘ ist litauisch der Geist (meine ich); er ist mim minowanij [der Mime des Vergänglichen], er trägt Maja; menejuschtschij [winkender], mnjaschtschij [eingebildete], manjaschtschij [lockender] und machi-natio – Absicht des Lebens; machina ist das Unklare: maino; später kommen: meinen und Meinung [menen’ja]; die Imaginationen verdichten sich als Maschinen; die Maschine ist die Verkörperung unserer Gedanken außerhalb unser selbst; ihre Mißgeburten, Homunkuli [usw.]“

In seiner Anwendbarkeit als Erklärungsmodell stößt man immer wieder auf unklare Passagen im Werk. Es ist eine freie Interpretation diverser gnostischer Modelle. In diesem Sinne regt es ganz praktisch dazu an, den Finger in den Rachen zu stecken und Zungenschnalzer plus andere Übungen mit der Mundhöhle und dem Kehlkopf anzustellen. Allen Experimentatoren, Grimassenschneidern und Logogourmets sei dieses Werk anempfohlen.