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Die Box




Mai 2007
Enno Stahl
für satt.org

Junge Lyrik und ihre Verlage

In einer Welt des flächendeckenden Konsums, auch Bücherkonsums, fragt man sich, welche Rolle Lyrik eigentlich noch spielt bzw. spielen kann. Lyrik ist ein Medium der Langsamkeit, sie verschließt sich dem schnellen Verbrauch. Wenn der Kölner Rock-Musiker Jürgen Zeltinger vor gut zwei Jahrzehnten eröffnete, dass er der Lyrik an einem ganz speziellen Örtchen fröne, einem sehr privaten zumal, so erscheint das heute als eine Reminiszenz. Eine Erinnerung an eine Zeit, als Lyrik noch eine Rolle spielte. Zwar gibt es auch heute namhafte deutsche Poeten, die sich der öffentlichen Wahrnehmung sicher sein können. Doch mehr als eine Handvoll ist das nicht und bei manchen wundert man sich auch ein wenig.

Gleichzeitig ist es aber so, dass – wenn man sich die Anzahl der nachwachsenden jungen Autoren anschaut - die Lyrik den größten Boom seit der expressionistischen Epoche verzeichnet. Ja, wir versteigen uns zu der Behauptung: noch nie haben so viele junge Autorinnen und Autoren auf so hohem Niveau Gedichte geschrieben wie im Augenblick. Nicht umsonst wird von vielen Seiten süffisant die Tatsache kolportiert, dass es eben so viele Lyrik-Produzenten gebe wie -Rezipienten. Das mag so sein, ist aber auch nicht schlimm, denn der Umgang mit Lyrik erfordert ein gewisses Expertentum. Man muss sich mit der spezifischen Formensprache und ihren Traditionen schon vertraut machen, will man überhaupt einen halbwegs adäquaten Zugang und damit Kunstgenuss erlangen.

Die Lyrik befindet sich also in einem – auch selbst verantworteten – Ghetto. Das erklärt, warum immer mehr Publikumsverlage davon Abstand nehmen, aktuelle Gedichte zu veröffentlichen. Selbst anerkannte Lyrikergrößen wie der Berliner Dichter Bert Papenfuß oder Jürgen Theobaldy, nach dem Tod Nicolas Borns und Rolf Dieter Brinkmanns der letzte Zeitzeuge der Neuen Subjektivität, veröffentlichten ihre jüngsten Gedichte im Alternativverlag von Peter Engstler.

Letztlich ist das nichts Neues: wenn die Großen abwinken, schafft das Platz für die Kleinen. Und analog zur neuen Generation von Dichtern sind junge Verlage entstanden, die beachtliche Debüts publizieren. Etwa der Münchner Yedermann Verlag, betrieben von Oliver Brauer und Sebastian Myrus, wo Autoren wie Gerald Fiebig, Adrian Kasnitz und Achim Wagner ihre Lyrikbände herausbrachten. Oder Kookbooks, der ungemein erfolgreiche Nachwuchsverlag Daniela Seels, die im letzten Jahr für ihre kreative verlegerische Arbeit mit dem Kurt-Wolff-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Hier veröffentlichen Hendrik Jackson, Daniel Falb, Steffen Popp und Ron Winkler – fast alle der Kookbooks-Autoren wurden prompt mit Stipendien und Preisen überhäuft. Uljana Wolf erhielt gar für ihren allerersten Gedichtband – nebst einigen anderen Auszeichnungen - den Peter-Huchel-Preis, der bislang gestandenen Poeten der mittleren bis älteren Generation vorbehalten war. Über mangelnde Aufmerksamkeit können sich die Kookbooks-Autoren also nicht beklagen.


Tom Schulz:
Vergeuden, den Tag

Kookbooks 2006



80 Seiten, 14.90 Euro
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Das ist umso erstaunlicher, als dass ihre Literatur von einem hohen Reflexionsniveau geprägt ist. Stellvertretend dafür erklärt Tom Schulz, der 2006 seinen Gedichtband „vergeuden, den Tag“ bei Kookbooks veröffentlicht hat, seine Konzeption der modernen Lyrik:

Tom Schulz: „Ich denke, dass Gedichte mehr oder weniger was Offenes sind, sie sind nicht dieser geschlossene Raum, und sie haben auch ne andere Sprechsituation als die, die wir vielleicht kennen, noch aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sie sind für mich also auch offene Formen, sie haben mit Fragment zu tun. [ …] Was ich damit meine, ist, dass es nicht mehr dieses traditionelle Modell gibt: ein Gedicht wird eröffnet, am Ende gibt es so eine Engführung, dass das Anfangsmotiv wieder auftaucht, also es ist halt nicht so ein geschlossenes Gebäude, sondern es gibt halt verschiedene Wege, vielleicht Fluchtwege, und verschiedene Ebenen, so wie es halt verschiedene Ebenen auch in einem Prosatext geben kann, so hat auch ein Gedicht mehrere Ebenen, das können sprachliche Ebenen sein oder Denkebenen, auf jeden Fall ist dieses eindimensionale Gedicht passé.“

Eine recht selbstbewusste Aussage! Wenn das eindimensionale Gedicht passé sei, wie ist dann die Konzeption des „neuen Gedichts“, wie es sich Tom Schulz vorstellt:

Tom Schulz: „Das Vorrangige in der Lyrik ist die Sprache oder das Spiel mit der Sprache, ja, es hat nicht diesen klaren Rahmen und es gibt auch keine Antworten und stellt auch keine Fragen, es hat mit so einem Moment der Sprache zu tun und vielleicht auch mit dem Versuch, die Möglichkeiten, die der Autor hat, in Richtung Sprache oder Form, die irgendwie zu erweitern, oder auch Schritt für Schritt zu erweitern und irgendwo auszureizen.“

Das bleibt vage. Während er in früheren Texten schon thematisch deutlich soziale Positionen bezog, mag Tom Schulz hier nicht recht sagen, was seine spezifischen Themen sind:

Tom Schulz: „Im Grunde sind es ja überwiegend Liebesgedichte, auch wenn sie vielleicht vorgeben, Reisegedichte zu sein. Die Themen finden sich von ganz allein. Also die Herangehensweise ist ja eher so, dass man von der Sprache ausgeht, also die Themen spielen eigentlich gar nicht so eine große Rolle, das Thema findet einen selber.“

Monika Rinck:
Ah. Das Love-Ding!
Ein Essay.

Kookbooks 2006

Monika Rinck: Ah. Das Love-Ding! Ein Essay

200 Seiten, 18.90 Euro
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Monika Rinck:
zum fernbleiben
der umarmung.

Kookbooks 2007

Monika Rinck: zum fernbleiben der umarmung

80 Seiten, 14.90 Euro
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In dieser Beziehung hält sich also der Dichter des Jahrs 2007 ähnlich bedeckt wie seine Vorgänger Mitte des letzten Jahrhunderts. Ebenfalls bei Kookbooks erschienen ist der Essayband „Ah, das Love-Ding!“ von Monika Rinck, die vor allem als Lyrikerin in Erscheinung getreten ist. Die Art, wie sie hier das Thema „Liebe“ in ihrer Generation behandelt, ist allerdings tatsächlich mehr „poetisch“ denn auf Verständigung ausgerichtet, was man ja von Essays für gewöhnlich erwarten dürfte.

Im Frühjahr 2007 erschien jetzt ihr nächster Lyrikband bei Kookbooks, in dem sie, die bislang für filigran-hermetische Verse bekannt war, durchaus etwas deftiger daher kommt: „meine stumme fresse feige vor tristesse / DA fiel mir die fresse runter, wo ich als eine andere unbeirrt / und ohne wimpernzucken weitermachen würde, das allerdings / in einem schrank, wo ich nicht alleine, sondern unter priestern wäre / zwischen jogginghosen, frotteemänteln, negligées könnte ich dort / alles sagen, es käme frisch aus mir heraus als wäre ich gedüngt“


Adrian Kasnitz:
innere sicherheit

Yedermann 2006

Adrian Kasnitz: innere sicherheit

126 Seiten, 10 Euro
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Während die Kookbooks-Publikationen große Kunstanstrengung verraten, und sich im übrigen weitgehend aus der jungen Berliner Lyrikszene speisen, orientiert sich der Yedermann Verlag geografisch wie inhaltlich anders. Der Kölner Lyriker Adrian Kasnitz etwa legt in seinem Band „innere sicherheit“ einen ziemlich ungeschminkten sozialen Realismus an den Tag: „barackenwhiskey / hinter butzenscheiben krepieren die alten / seit jahr und tag. Das kölsch nährt sie / der rauch verlängert ihr leben, solange / bis heike klaren nachschenkt“.

Das sind Töne, die man von seinem ersten Gedichtband her nicht kennt:

Adrian Kasnitz: „Es ist natürlich eine Zusammenstellung von Texten, die ich halt bewusst so gewählt habe. Ich hab jetzt nicht nur sozial-realistische Texte. Aber ich hatte halt vor, so einen Band zu machen und so gezielt zusammen zu stellen. Also Texte, die einfach rauer sind in ihrer Tonart. Teilweise auch ins Vulgäre gehen von der Sprache her.“

Doch nicht nur sozialer Realismus kommt hier zum Vorschein, auch politische Themen werden angesprochen, da wird das „lied der langzeitarbeitslosen“ angestimmt: „in der tasse kalk und aufgeplatzt / der beutel. schlieren als dämmernder / morgengruß. krümel als spuren von leben und sterben.“ - ist das Zufall oder wie kommt es dazu?

Adrian Kasnitz: „Es ist halt eine Reaktion auf verschiedene Verhältnisse, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Globalisierung, politischer Situation in Deutschland, gesellschaftlichen Umbrüchen. Klar, die absolute Talfahrt ist zwar gerade überwunden, aber zu der Zeit, als die Texte entstanden sind, ja eben nicht. Also, es ist natürlich etwas zeitverzögert. Man kann jetzt aber auch nicht sagen, dass sich die Situation rapide verbessert. Die Probleme sind ja einfach da. [ …] Ich versuche, mit der Sprache diesen Zustand, diese Realität zu greifen.“

Achim Wagner:
Vor einer Ankunft

Yedermann 2006

Achim Wagner: Vor einer Ankunft

126 Seiten, 10 Euro
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Man höre und staune, politische Zugriffe waren in der deutschen Lyrik seit langem verpönt! Deutet sich da etwas an? Achim Wagner, ebenfalls aus Köln, ebenfalls mit einer neuen Publikation bei Yedermann vertreten, spricht sich gegen politische Bekenntnisse aus, obwohl auch er die soziale Realität als Problemhorizont der zeitgenössischen Lyrik auffasst:

Achim Wagner: „Mit politischen Bekenntnissen als Begrifflichkeit tue ich mich sehr schwer, weil ich aus den Beobachtungen einfach sehe, dass es sehr, sehr viele Splitter gibt. Ich sehe die Gesellschaft als komplett zersplittert an, es gibt viele Parallelgesellschaften. Die Thematik Migration zum Beispiel kommt auch bei mir - wenn vor, dann ganz am Rande, und ist dann auch eine Ebene, die Migranten dann selber bearbeiten in literarischen Formen, und das fällt weg, weil es unheimlich schwer ist, das aufzugreifen, und politisch natürlich unheimlich interessant ist. Aber wozu kann ich mich bekennen oder sollte ich mich bekennen, wenn ich nicht sehe, dass es noch eine politische Aussagekraft gibt. Zumal sich auch viele Ideale als überkommen erweisen, momentan, und man versucht einfach seinen Teil dazu beizutragen, einfach einen Puzzlestein, der sich da einfügt.“

Der Titel seines Bandes „vor einer ankunft“ ist eher aufs Subjektive gerichtet. Denn wer noch nicht angekommen ist, ist offensichtlich unterwegs. Um Reisen im üblichen Sinne oder gar Reisegedichte als Form ist es Wagner nicht zu tun, um welche Form des Unterwegs-Seins geht es ihm dann?

Achim Wagner: „Um ein inneres Unterwegs-Sein, um Pausen, die es im Unterwegs-Sein gibt, innere Pausen, äußere Pausen. Letztendlich beschreibt der Band eine Art moderne Odyssee und stellt einen großen Zyklus dar, unterteilt in fünf Unterzyklen, die jeder für sich abgeschlossen sind, aber in der Gänze dann wieder einen großen Bogen schlagen. [ …] Der Band beginnt mit einem Rückblick und endet mit einer Aufforderung zum Rückblick im letzten Gedicht. Also sprich: „Coburg beleuchtet“, ein Gedicht, das meine Geburtsstadt Coburg zum Thema macht, als äußere Fassade, bis hin zum Liebesspiel ganz am Ende mit der letzten Zeile „Lies mich bis an den Anfang“. Das heißt, es geht vor uns zurück und schlägt Haken.

Das, was Wagners Gedichte in ihrer Bildlichkeit vorführen, ist einmal mehr die städtische Realität mit ihren sozialen Abgründen und Elendsbildern, worin sich durchaus ein Bezug zu Kasnitz’ Band einstellt. Trotz solcher Parallelen – auch zu den Büchern der Kookbooks-Lyriker Schulz und Rinck – zeigt der Blick auf diese Publikationen nur zweier Verlage, dass die heutige Lyrik eine große Spannbreite besitzt. Dass soziale und politische Themen zumindest nicht völlig ausgeschlossen werden, ist erstaunlich und lässt hoffen.



» www.kookbooks.de
» www.yedermann.de