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Die Box




Mai 2007
Nele F.C. Schüller
für satt.org

Gelähmt im Land der
unbegrenzten Möglichkeiten

„Relevanten Realismus“ forderte Thomas Hettche 2005 in der Zeit. In seinem Roman „Woraus wir gemacht sind“ zeigt er, was er sich darunter vorstellt: Eine gelungene Mischung aus Gesellschaftskritik und philosophischer Reflexion.


Thomas Hettche:
Woraus wir gemacht sind.
Roman.

Kiepenheuer & Witsch 2006

Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind. Roman.

320 Seiten, 19,90 Euro
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„Moskau“, seufzten Tschechows „Drei Schwestern“ sehnsuchtsvoll wenn sie an den Ort dachten, an dem alles besser werden sollte. Die drei Schwestern aus Janusz Glowackis 1999 erschienenen Stück „Die vierte Schwester“ leben bereits in Moskau, seufzen „New York“ und sehnen sich nach Amerika. Wie ihnen geht es vielen Menschen, denen die USA ein Ort sind, an dem Träume in Erfüllung gehen. Ein Ort, an dem Filmaufnahmen Wirklichkeit werden. Das erlebte auch der Schriftsteller Thomas Hettche so, als er zum ersten Mal in Amerika war: „Ich hatte sofort das Gefühl im Mittelpunkt der Welt zu sein. Die Vorstellung von diesem Land wurde mit dem echten Erleben deckungsgleich.“

Sein Roman „Woraus wir gemacht sind“ fängt dieses Gefühl ein. Der Protagonist Niklas Kalf erliegt der Faszination des Traumlandes, obwohl er sich in ihm bald in einem Alptraum befindet: Denn seine schwangere Frau Liz wird während einer Lesereise in New York, ein Jahr nach 9/11 entführt. Ihre Kidnapper suchen Informationen über Experimente, die Eugen Meerkaz, ein jüdischer Emigrant, der vor den Nationalsozialisten nach Amerika floh, durchgeführt haben soll. Kalf schreibt gerade an einer Biografie über Meerkaz und so sehen die Erpresser in ihm einen geeigneten Informanten. Verzweifelt versucht der Biograph klar zu machen, dass er nichts über dieses Kapitel aus Meerkaz Leben weiß. Die Witwe von Meerkaz gibt vor, ihm nicht weiterhelfen zu können. Auch dem Verleger Albert Snowe und der Übersetzerin Lavinia Sims kann er nicht trauen, ist ihre einzige konkrete Hilfestellung doch der Rat, auf keinen Fall zur Polizei zu gehen. Als man ihm nicht glaubt, bricht er aus der scheinbar auswegslosen Situation aus, indem er einem Hinweis aus seinen Unterlagen nach Texas folgt. Im Dorf Marfa droht er sich und den Bezug zu Liz und seinem ungeborenen Kind zu verlieren. Der Hinweis verläuft im Wüstensand, Kalf trifft faszinierende Menschen und ist kurz davor sein bisheriges Leben zu verraten und hinter sich zu lassen. Doch dann treten Gewalt und Tod in sein Leben. Er beginnt wieder zu handeln, muss um sein Leben kämpfen und stößt dabei zufällig auf eine unglaubliche Spur …

Die Handlung von „Woraus wir gemacht sind“ ist die eines Thrillers. Dabei ist Niklas Kalf alles andere als ein dynamischer Retter. Trotzdem oder gerade deswegen entwickelt der Roman einen starken Sog. Denn die Figur Kalf erzeugt durch ihre Lethargie teilweise eine solche Wut, dass man gar nicht anders kann, als weiter zu lesen. Hettches Protagonist erzeugt gleichzeitig Mitleid und entsetztes Unverständnis, er kann nichts tun aber soll „gefälligst“ etwas tun. Er ist ein passiver Held, der sich nicht entscheiden kann ob er sich oder Liz suchen soll. Er hat mit seiner Frau die Orientierung verloren. Und muss sie in sich wieder finden, bevor er handeln kann. Das deutet sich schon kurz nach der Entführung an als Kalf sich fragt: „Es ging um Liz. Und zugleich ging es nicht um Liz. Worum ging es?“

Mehrdimensionalität findet sich auch im Stil von Hettche: Ein angenehm klarer, nüchterner Tonfall bestimmt das Buch. Er verändert sich fließend, wenn Emotionen bebildert werden. So wechseln sich beschreibende Außen- und psychologische Innenschau gekonnt ab: „Die roten Ziffern des Digitalweckers neben dem Bett zeigten exakt elf Uhr vier. Erst jetzt realisierte Niklas Kalf wirklich, dass Liz verschwunden war, und dieses Wissen flutete ihn, kalt und schwarz schäumte es durch alle Räume seiner Erinnerung und Selbstgewissheit, nichts als brackige, ölschlierige Angst, die ihn lähmte und in der er widerstandslos und still ertrank, bis noch jener feine, leuchtende Punkt an der Spitze der Zunge, mit dem man ‚Ich’ sagt, einfach verlosch. Seine Hand strich über ihr Kissen, bis nichts mehr darin war vom Abdruck ihrer Gestalt.“

Hettches überwältigenden Landschaftsbeschreibungen bestechen derweil durch gewagte und gelungene Metaphern: „Das Blau des Himmels war dunkel und kalt, als sei die schützende Membran zum Weltraum weg geschmolzen.“

Ein weiteres wichtiges Element ist der Einsatz von philosophischen Betrachtungen und antiken und modernen Mythen. Zum Beispiel ist Rom, die Ewige Stadt, für Kalf das Sinnbild für Europa: „Rom ist, dass Du mit Geistern schläfst. In jedem Raum, in dem du übernachtest. Und bei jeder Frau, die du küsst.“

Dagegen ist Marfa für ihn der Ort, der Amerika am besten repräsentiert: „ Wenn Du hier ein paar Meilen aus dem Ort hinausfährst, bist du an einem Platz, an dem höchstwahrscheinlich noch niemals ein Mensch gewesen ist. Hier ist jedes Kind das erste Kind der Welt.“ - treffender kann man die Gegensätze zwischen dem „alten Europa“ und dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ kaum beschreiben.

Auch der Gegensatz zwischen gut und böse spielt in Hettches Roman eine Rolle - und die Tatsache, dass dieser Gegensatz immer schwieriger zu definieren ist: So begegnet Kalf dem Teufel an einer Tankstelle. Das Böse denkt gar nicht daran, sich als der greifbare, schwarzrote Pferdefuß zu präsentieren. Seine Gestalt wechselt, er wird zu immer neuen Mediengrößen, ist mal der Christopher Walken aus dem Musikvideo zu Fatboy Slim’s Song „Weapon of Choice“, wird zu Henry Fonda in „Spiel mir das Lied vom Tod“ und zu vielen anderen Filmfiguren.

Das Böse trifft auf den Vertreter einer Generation, die beigebracht bekommen hat, nicht mehr in Kategorien zu denken. Und durch unkalkulierbare Vorkommnisse wie dem 11. September in ihrer Idee von changierenden Werten bestätigt wird. So findet Kalf heraus, dass Opfer einer faschistischen Diktatur über Leichen gehen, um ihre scheinbar weiße Weste zu behalten.

Er erkennt bei George W. Bush, der das amerikanische Volk in einer Rede auf den Irak-Krieg vorbereitet, den „Blick eines wachsamen Tieres“ und ein „winziges hechelnd-bleckendes Lächeln“. Bush wird von Hettche als selbstgefälliger Wolf beschrieben. Ein gutes Bild für Bush, den Vertreter eines Bonmots vom englischen Geistlichen Thomas Fuller, das deutlich macht, wie gerade in Machtpositionen die Werte unbestimmbar werden: „Politik besteht darin, Gott so zu dienen, dass man den Teufel nicht verärgert.“

Thomas Hettche hat mit „Woraus wir gemacht sind“ einen Thriller geschrieben, der mit den Erwartungen an diese Gattung bricht und trotzdem spannend ist. Mit herausragenden Sprachmitteln porträtiert er einen vielschichtigen Helden in einer Welt, die den einzelnen bei der Wertefindung auf sich zurückwirft. Er zeichnet das heutige Amerika als ein Land, dass die kritische Beobachtung die es erfährt, verdient und gleichzeitig als Projektionsfläche der unendlichen Freiheit dienen kann. Ihm gelingt es so, Gesellschaftskritik, philosophische Reflexion und Mythen in einem Werk zusammenfließen zu lassen, das einen gerne darüber nachdenken lässt, woraus man gemacht ist.