Anzeige:
Die Box



Januar 2007 Sigrid Gaisreiter
für satt.org

Grab in Schrift

In ihren Texten sprechen Dichter und Denker so lange nach ihrem Tod in einem imaginären Dialog zu den Lebenden, wie sie gelesen werden. Einen solchen führt der Dichter Cees Nooteboom mit verstorbenen Kollegen, deren Grabstätten er, zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Fotografin Simone Sassen, auf der ganzen Welt besuchte. Sie setzte ins Bild die, so auch der Titel, Tumbas, Grabmale.


Cees Nooteboom:
Tumbas. Gräber von
Dichtern und Denkern

Photographien
von Simone Sassen.
Aus dem Niederländischen
von Andreas Ecke
Verlag Schirmer Mosel 2006

Cees Nooteboom: Tumbas. Gräber von Dichtern und Denkern

geb., 255 S., 120 s/w und
19 farbige Abb., € 39,80
   » amazon

Entstanden ist ein großformatiger Bildband, der in 80 Porträts Nootebooms persönliche Literaturgeschichte enthält, keinen Kanon, das Genre leidet an Überfüllung. Aus der Fülle, Nooteboom war viel auf Reisen, schöpft der Autor, durcheilt Zeit und Raum in seiner Pilgerfahrt zu den Großen der Großen. Die ältesten Toten sind Vergil (70-19 v.Chr.), Dante Alighieri (1265-1321) und Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616). Nooteboom legte eine Lieblingsliste mit Dauergästen, aber auch kurzzeitigen Bewohnern, denn bei erneuter Lektüre erschienen manche Texte auf einmal ganz anders, vor. Darüber gibt der Dichter in einem einleitenden Essay ausführlich Auskunft. Zu diesen Ersten im Totenreich zählt Marcel Proust, dessen Grabmal das Künstlerduo auch als Entrée zu ihrer labyrinthischen Friedhofswelt wählte. Auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit umging Nooteboom durch die Wahl eines formalen Gerüsts, der alphabetischen Anordnung, jede Hierarchie. Friede also auch da. Manchmal passierte es dem Schriftsteller, dass auf seinem "geträumten Friedhof" wie auf dem wirklichen Eugène Ionesco (1909-1994) und Samuel Beckett (1906-1989) nebeneinander liegen. Das Reich des Cees Nooteboom ist aber so verzweigt, dass nicht alle nebeneinander liegen können und er ist viel größer als Platz für Einzeldarstellungen war. Bei einem, Fernando Pessoa, wäre es sehr schwierig den Toten zu finden, da er sich, bereits zu Lebzeiten, "auf mindestens vier Dichter verteilt" hat. Pessoa schrieb unter mehreren Namen.

Tot ist nicht tot. Als Unsterblicher von Literaturfreunden verehrt wird mit Antonio Machado (1875-1939) eifrig kommuniziert, neben seinem Grab hängt ein Briefkasten. Mit solchen Geschichten, die Nooteboom sowohl im einleitenden Essay als auch in den Kurzporträts von der illustren Schar erzählt, versteht er es, brillant zu unterhalten. Dabei führt er auf Seitenwege, die aber stets zur Hauptstraße zurückführen, gelegentlich läßt er auch die Toten miteinander reden. So sucht er in Brasilien das Grab von Carlos Drummond de Andrade (1902-1987), den er mit Joaquim Maria Machado de Assis (1839-1908), dessen karges Grab nur durch eine Nummer identifiziert werden kann, sprechen läßt. Sehr prächtig dagegen liegt Adolfo Bioy Casares (1914-1999) in einer Marmorgruft, aber getrennt von seinem Partner Jorge Luis Borges, der in Genf seine letzte Ruhestätte fand. Das paßt Nooteboom nun wieder nicht und so legt er sie zusammen. Borges, umgebettet, gibt den Staffelstab an eine Reihe von hierzulande Unbekannten weiter: Louis Hyacinthe Bouilhet (1821-1869), Pierre Kemp (1886-1967), Charles-Marie-René Leconte de Lisle (1815-1894), gefolgt von Christiaan Frederik Louis Leipoldt (1880-1947), Adriaan Roland Holst (1888-1976) und César Vallejo (1892-1938). Meist wird neben die Fotografie ein Auszug aus dem Werk des jeweiligen Künstlers gestellt und Nooteboom schrieb einen kurzen Text dazu. Bei einigen jedoch machte er eine Ausnahme und druckt neben die Fotografie nur einen Werkauszug ab. Das ist bei Gregory Corso (1930-2001), Heimito von Doderer (1896-1966), Marcel Duchamp (1887-1968) und William Butler Yeats (1865-1939) so. Aus der Reihe fallen auch zwei Paare, das Klassiker-Gestirn Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) / Friedrich Schiller (1759-1805) und eines der berühmtesten Paarläufer der Moderne, Jean-Paul Sartre (1905-1980) und Simone de Beauvoir (1908-1986). Immerhin, mit Mary McCarthy (1912-1989), Susan Sontag (193März 2004), Percy Bysshe Shelley (1792-1822) und Virginia Woolf (1882-1941) schafften auch einige Frauen den Einzug in Nootebooms Parnaß. In einem Epilog schließlich erinnert Nooteboom, am Beispiel von Paul Celan (1920-1970) und Joseph Roth (1894-1939) an Opfer des politisch extremen 20. Jahrhunderts.

Im Fluß der Wiederkehr setzte Simone Sassen mit kühlen Fotografien der Gräber einen optischen Kontrapunkt zu Nootebooms einfühlsamen Texten. Leicht war es nicht, alle Bewohner des geistigen Olymps ausfindig zu machen, das Künstlerpaar verschlug es an entlegene Orte und private Gärten. Des Lebens Dernier Cri hat eine eigene Ästhetik, auch die ist in den Grabmälern sichtbar. Die wahren Denkmale sind nicht aus Stein, sondern aus Schrift und Bild. Ein gemischtes Doppel liegt als Buch zu den Büchern des Chors der Toten vor. Für Kopfreisen sorgten Nooteboom/Sassen und gaben im Anhang Hinweise zur Suche nach den Vermächtnissen vieler bekannter und bekannter Geistesgrößen.