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Die Box



Dezember 2006 Marc Degens
für satt.org

Reiche Ernte

Marion Pfaus: Aus den Memoiren einer Verblühenden

Dieser Bücherherbst ist eine gute Zeit für SuKuLTuR-Autoren. Im Verlag Voland & Quist erschien soeben Marion Pfaus stilistisch brillanter und ungeheuer humorvoller Roman „Aus den Memoiren einer Verblühenden“, deren Anfangskapitel SuKuLTuR als „Schöner Lesen“-Heft Nummer 36 mit dem Titel „Unverblümt“ im Februar 2005 veröffentlicht hat. „Aus den Memoiren einer Verblühenden“ ist in meinen Augen eines der witzigsten deutschsprachigen Bücher der letzten Jahre. Wie alle Bücher aus dem jungen ambitionierten Leipziger Verlagshaus ist auch diesem eine Bonus-CD mit einer Lesung der Autorin beigefügt. Marion Pfaus präsentiert darauf „Dreizehn Geschichten in einem Satz“, zugleich bietet die Multitrack-CD zwei Kurzfilme der ebenfalls als Filmemacherin tätigen Autorin, darunter den preisgekrönten Klassiker „Videobrief von Rigoletti“, eine filmische Selbstdarstellung, bei der man sich vor Lachen die Seiten halten muß: Genial!

Jeffrey McDaniel: Katastrophenkunde

Nicht weniger genial sind die Prosa-Gedichte des Lyrikers Jeffrey McDaniel: „Meine Zunge ist ein roter Teppich, den ich nur für dich ausrolle.“ McDaniels Gedichte „entfachen ein Sperrfeuer ungezähmter Metaphern“, wie sein Übersetzer Ron Winkler, von 2003 bis 2005 Herausgeber der wöchentlichen satt.org-Lyrikanthologie Lyrik.Log, anläßlich der Veröffentlichung des „Schöner Lesen“-Heftes 55 mit dem Titel „Siamesische Gegensätze“ mit Gedichten des Amerikaners schrieb. Stattliche 33 Gedichte bietet gar die ebenfalls von Ron Winkler souverän übersetzte Sammlung „Katastrophenkunde“, die soeben in der „coast2küste“-Hardcoverreihe des Lautsprecherverlags erschien: „Ich glaube, Liebe sei, wenn zwei Leute an einem Strohhalm/saugen, um zu sehen, wessen Durst stärker ist“ …

Einer der eigenwilligsten und unverwechselbarsten deutschen Dichter ist HEL Toussaint, von dem in der „Schöner Lesen“-Reihe bislang drei Bände mit Langpoemen erschienen sind. Seine jüngste, im „Verlag Im Proberaum 3“ veröffentlichte, japanisch gebundene Gedichtsammlung „Clap Clap The Knieriem Rap“ ist auf dreißig Exemplare limitiert, numeriert und signiert und präsentiert auf ebenso vielen einseitig bedruckten DINA4-Seiten lyrische Arbeiten von Hel nach dem Originaltyposkript, ergänzt mit bestempelter Copy-Art und Grafiken des Dichters und „Verlag Im Proberaum 3“-Verlegers Frank Milautzcki. „Tage da riecht das weltall so kalt/Es scheint ewig kälter zu werden/Tage da hast du ein licht im zimmer/im zimmer verriegelt/im fenster gespiegelt/das einzige licht für immer“. „Clap Clap The Knieriem Rap“ ist ein tolles literarisches Künstlerbuch zu einem stolzen, aber gerechtfertigten Preis.

Thomas Wehler (Bdolf): Die Voodoo-Versuchsstrecke

Ein Augenpulver und wahres Schnäppchen hingegen ist Thomas Wehlers bzw. Bdolfs märzverlagsgelbe Warenprobe „Die Voodoo-Versuchsstrecke“, die auf knapp 400 Seiten umfassende Einblicke in Bdolfs mehr als doppelt so umfangreiche, bislang noch unveröffentlichte Romantrilogie bietet. „Die Voodoo-Versuchsstrecke“ ist ein abgedrehter, hirnverbrannter, hinreißend geschriebener Lesespaß voller Anspielungen, derber Späßchen, Sauereien und politischer Unkorrektheiten. Thomas Wehler ist der Thomas Mann der Punk- und Trashliteratur und diese Romantrilogie ein Monolith ähnlich wie Manns „Joseph“-Tetralogie.

Adrian Kasnitz: innere sicherheit Achim Wagner: vor einer ankunft

Im Münchener yedermann Verlag erschienen soeben Gedichtbände von zwei Kölner Autoren, die in der „Schöner Lesen“-Reihe jeweils einen Erzählungsband veröffentlicht haben: Adrian Kasnitz und Achim Wagner. Auch in den Prosagedichten aus „innere sicherheit“ präsentiert sich Adrian Kasnitz oft als Geschichtenerzähler: „vor der kamerafahrt legt sich stille in den saal. trottel/flucht der kameramann die kabelhilfe. ein kabel/liegt unterm rad. trottelige amerikaner, schimpft die/kabelhilfe das orchester.“ Sprachlich reduzierter und verspielter sind hingegen die meisten Arbeiten in Achim Wagners Gedichtband „vor einer ankunft“. Achim Wagner formt etwa aus Autokennzeichen das an August Stramm oder Franz Richard Behrens erinnernde Gedicht „auerbachplatz“. Mit diesen beiden Büchern und dem dritten, in diesem Herbst veröffentlichten Gedichtband „favoritensterben“ von Stefan Heuer hat der yedermann Verlag ein unübersehbares lyrisches Ausrufezeichen gesetzt.

Björn Kuhligk, Tom Schulz: Das Berliner Kneipenbuch

„Das Berliner Kneipenbuch“ heißt die von den vorwiegend als Lyrikern bekannten SuKuLTuR-Autoren Björn Kuhligk und Tom Schulz herausgegebene Anthologie, in der über 50 Berliner Schriftsteller über ihre Lieblingskneipe literarisch Auskunft geben, u.a. die SuKuLTuR-Autoren Tanja Dückers, Nikola Richter, Monika Rinck, Timo Berger, René Hamann, Maik Lippert, David Wagner. Einige der Texte wurden auch in dem Boulevard-Blatt und Berliner „Bild“-Pendant „B.Z.“ veröffentlicht – die Serie wurde aber nach wenigen Folgen eingestellt, da sie die Redaktion als „zu anspruchsvoll“ empfand. Gibt es ein schöneres Kompliment und Verkaufsargument?

Jörn Morisse, Stefan Rehberger: Driving Home

Im Suhrkamp Verlag hat satt.org-Mitarbeiter Jörn Morisse gemeinsam mit Stefan Rehberger die Anthologie „Driving Home“ veröffentlicht, eine Sammlung mit vornehmlich witzigen Geschichten über den elternlichen Weihnachtsbesuch von achtzehn jungen deutschen Schriftstellern, darunter die SuKuLTuR-Autoren Ulrike Sterblich a.k.a. Supatopcheckerbunny, David Wagner und Linus Volkmann. Die Begegnung mit der alten Heimat ist auch das Thema von Linus Volkmanns ersten Roman „Anke“, der soeben im Ventil Verlag erschien: „Na, toll. Gerade ist Gärtner 30 Jahre geworden, muss er auch schon wieder zurück in sein Ex-Kinderzimmer ziehen. Wieder zurück zu den Eltern. Der Umstände halber.“ „Anke“ ist ein vergnügliches, wunderschön lakonisches Buch, komisch, aber nicht albern, mit vielen tollen Einfällen und hinreißend lustigen Passagen. Getragen wird der Roman von Linus Volkmanns unverwechselbarem, warmen, klaren und präzisen Erzählton.

Hartmuth Malorny: Wendekreis der U-Bahn

Abgeklärt, schnörkellos und feingeschliffen durch jahrzehntelanges Schreiben und Dichten ist die Prosa in Hartmuth Malornys Sexroman „Wendekreis der U-Bahn“: „Als Sonja ins Bad gekommen war und ihren Slip runtergezogen hatte, war ich drauf und dran, sie auf der Kloschüssel zu vögeln. Sie war längst so verdorben wie ihre Mutter. Ich ließ kaltes Wasser über meine Erektion laufen und ging zurück ins Schlafzimmer. ,Du schmeckst salzig’, sagte Kerstin. ,Das liegt am Gin.’“ satt.org-Mitarbeiter Hartmuth Malorny ist ein überzeugender, sehr erwachsener Roman gelungen, der stilistisch in einer Liga mit den Werken von Jörg Fauser oder Wolfgang Welt rangiert.

Bodo Mrozek: Lexikon der bedrohten Wörter II.

Ein Bestseller wurde das „Lexikon der bedrohten Wörter“ des satt.org-Autors Bodo Mrozek. Der Kampf geht dieses Jahr weiter mit „Lexikon der bedrohten Wörter II“. Beim Lesen und Blättern durch das ebenso witzige wie lehrreiche Lexikon habe ich keine Zweifel, daß die Reihe recht bald ebenso viele Bände wie „Meyers Taschenlexikon“ umfassen wird. Bodo Mrozek sei Dank!



Hel Toussaint: Ckap Clap the Knieriem Rap
Gedichte. Verlag Im Proberaum 3 2006. 30 Seiten, 28,00 Euro.
Kontakt: wuestenschiff@t-online.de

Adrian Kasnitz: innere sicherheit
Gedichte. yedermann Verlag 2006. 130 Seiten, 10,00 Euro.
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Björn Kuhligk, Tom Schulz: Das Berliner Kneipenbuch
Berliner Autoren und ihre Kneipen. BTV 2006. 288 Seiten, 9,95 Euro.
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Jeffrey McDaniel: Katastrophenkunde
Aus dem Amerikanischen von Ron Winkler. Gedichte. Lautsprecherverlag 2006. 70 Seiten, 15,90 Euro.
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Hartmuth Malorny: Wendekreis der U-Bahn
Roman. Thomas Tonn Verlag 2006. 244 Seiten, 13,90 Euro.
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Jörn Morisse, Stefan Rehberger: Driving Home
Weihnachtsgeschichten. Suhrkamp Verlag 2006. 168 Seiten, 7,00 Euro.
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Bodo Mrozek: Lexikon der bedrohten Wörter II
Rowohlt 2006. 192 Seiten, 8,90 Euro.
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Marion Pfaus: Aus den Memoiren einer Verblühenden
Roman mit CD. Voland & Quist 2006. 176 Seiten, 18,90 Euro.
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Linus Volkmann: Anke
Roman. Ventil Verlag 20006. 208 Seiten, 14,90 Euro.
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Achim Wagner: vor einer ankunft
Gedichte. yedermann Verlag 2006. 132 Seiten, 10,00 Euro.
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Thomas Wehler (Bdolf): Die Voodoo-Versuchsstrecke
Warenprobe. printyourbook 2006. 392 Seiten, 14,90 Euro.
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