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Dezember 2006 Marc Degens
für satt.org

Dath total - Dietmar Dath im Interview

Dietmar Dath
Dietmar Dath
Foto: Uwe Dettmar

Neun Romane, zwei Essaybände, zwei Erzählungen und ein Sachbuch … Dietmar Dath, für dessen Werke schon Verlage (Verbrecher, Implex) gegründet wurden, ist nicht nur einer der außergewöhnlichsten, sondern wahrscheinlich auch der produktivste junge deutsche Schriftsteller. Der 1970 geborene, in Freiburg und Berlin lebende Autor war von 1998 bis 2000 Chefredakteur des Popkulturmagazins Spex und ist seit 2001 Redakteur bei der F.A.Z. Sein neuer Roman "Dirac" ist eine biographische Phantasie über den Physiker und Nobelpreisträger Paul Dirac (1902-1984) und eine Geschichte über eine Gruppe von Freunden auf der Suche nach Wahrheit und Schönheit. Menschen sterben, verschwinden, werden geboren. Roswell, Israel, die deutsche Gegenwart … Zeitreisen, Außerirdische, Weltaufgänge. Mit Dietmar Dath sprach Marc Degens über die Arbeit, das Leben, das Schreiben und "Dirac".

Marc Degens: Warum schreibst Du Literatur?

Dietmar Dath: Für mich sieht die Welt so aus, als funktioniere sie eher übers Erzählen als übers Begründen. Gründe haben zwar ihren legitimen Platz im Sozialverhalten - ohne sie, etwa als sprachliche Kürzel für Ursache-Wirkung-Zusammenhänge, zum Koordinieren gemeinsamen Handelns unter Leuten etc., geht's nicht. Aber das Große Ganze, die Totalität, ist eher eine Geschichte als ein Argument. Und weil sich das für mich so ausnimmt, komme ich immer dann, wenn es für mich grundsätzlich wird, auch selber ins Erzählen.

Marc Degens: Seit wann schreibst Du Literatur?

Dietmar Dath: Seit fünfundzwanzig Jahren; langsam geht's.

Marc Degens: Obwohl Du schon seit fünf Jahren in Frankfurt arbeitest, hast Du dort keine Wohnung, sondern übernachtest meist in einer Pension. Warum?

Dietmar Dath: Pension, möbliertes Zimmer, Untermiete: Das sind die Daseinsweisen des Auftragskillers. Aus genau dessen Position heraus treibe ich das, was man so Journalismus nennt, am liebsten, denn das macht diese Sachen auf wohltuende Art anstrengender, bodenloser, schneller und dringlicher. Wenn ich demnächst tatsächlich nach Frankfurt ziehe, hört der Spaß auf.

MD: F.A.Z.-Redakteur, Spex-Herausgeber – das sind aufreibende Full-Time-Jobs. Trotzdem ist Dein literarischer Output gewaltig.

DD: Schwere Anstrengungen sind etwas Fabelhaftes; wir Geistesmenschen sollten nicht den ganzen Spaß den Extremsportidioten überlassen.

MD: Stimmt es eigentlich, daß in Deiner Ära als Herausgeber die schlecht verkaufteste Spex-Ausgabe erschien? Wer war auf dem Cover?

DD: Ich glaube, es war dann doch nur die mit den zweitmiesesten Verkaufszahlen, aber die Legende war natürlich nützlich von wegen Rebell, Risiko, Wahnsinn und solchem Kitsch. Es handelte sich um die Teufelsausgabe mit dem schönen Felix-Reidenbach-Bild, Dezember 1998, und da es meine erste gewesen ist, liegt die Vermutung nahe, daß die Verkaufszahlen auch ein bißchen mit dem zu tun hatten, was vorher geschehen war. In Sammlerkreisen ist das Heft inzwischen viel … naja, nein, eher: überhaupt nichts wert.

MD: Ist die Ausgabe mit der Berliner Band "Mutter" auf dem Cover die schlechtverkaufteste?

DD: Kann sein, so genau weiß ich's nicht.

MD: In einem Interview hast Du den Journalismus als Dein ökonomisches Standbein bezeichnet. Ist die Existenz als Berufsschriftsteller eine erstrebenswerte Daseinsform für Dich?

DD: Berufsschriftsteller bin ich ja schon, wenn ich mir bei journalistischen Arbeiten, von denen ich lebe, bestimmte Gedanken über die Textgestalt, über Valeurs und Hintersinn mache, die an der Journalistenschule nicht gelehrt werden. Falls die Frage aber drauf abzielt, ob ich mir vorstellen mag, das ganze restliche Leben lang überhaupt nur noch Romane und Erzählungen zu schreiben, lautet die Antwort: Nein, denn dann entstehen wahrscheinlich Formen von Routine und Faulheit, die den Romanen und Erzählungen meiner Ansicht nach schwer schaden müßten.

MD: Hat das journalistische Tagesgeschäft Deinen literarischen Stil und Deine Arbeitsweise beeinflußt oder sind das zwei Paar verschiedene Schuhe?

DD: Jeder Stil eines jeden Textes wird vom Veröffentlichungsort ebenso wie vom gesamten Weltwissen bei der Niederschrift reguliert. Das Tagesgeschäft ist ein schöner Widerstand, den man auch bei der Zeitung jedes mal neu überwinden muß, um nicht zu verknöchern.

MD: Letztes Jahr hast Du für Deine Wortschöpfung "Charismakler" einen Medienpreis für kreative Wortschöpfungen erhalten. Mit welcher Wortschöpfung gewinnst Du den Preis dieses Jahr?

DD: Ja, die kreativen Wortschöpfungen, das passiert schon mal, wenn man ein bißchen unscharf auf den Bildschirm guckt beim Schreiben. Absichtlich darauf anlegen möchte ich's lieber nicht, sonst wird es leicht fad.

MD: In "Cordula killt dich!" schreibst du, daß Du zwischen 13 und 17 Jahren linksradikal auch in der Frauenfrage gewesen bist, und dann mit 18 plötzlich Amipornos kauftest. Ebenso radikal, wenngleich weniger abrupt erscheint dein Wandel vom "Konkret"- und "Edition ID"-Archiv-Autor zum F.A.Z.Redakteur. Hast Du damit alte und neue Weggefährten verstört?

DD: Du hast vergessen, den Kontext des Zitats mitzuliefern: Später, nach dem Zwischenspiel, wurde ich dann ja noch viel linksradikaler. Das Wesen richtiger Einsichten in ganz jungen Jahren ist nun mal leider, daß man sie sich bloß ausgedacht hat, anstatt sie in der Wirklichkeit zu erwerben, zu überprüfen und zu festigen. Falls ich vor meiner F.A.Z.-Zeit noch kein entschlossener Feind des bestehenden Systems war - jetzt bin ich's. Alte und neue WeggefährtInnen habe ich unterwegs überall kennenlernen dürfen, gerade auch in den letzten fünf Jahren. Die Verstörten haben nicht aufmerksam genug gelesen, was dasteht.

MD: Deine Interessen und Themen sind äußerst vielfältig. Erinnere ich mich richtig, daß Du damals in der F.A.Z. als Redakteur für den Bereich "Physik" vorgestellt wurdest?

DD: So war das, aber dann ergaben sich durch Umbau des Feuilletons rasch andere Aufgaben, vor allem bei der Bespielung der Schlußseite.

MD: Stimmt es, daß Harald Schmidt Deine F.A.Z.-Texte im Fernsehen gelobt hat?

DD: Er hat einmal einen Haßausbruch gegen Lou Reed von mir in der Sendung so vorgelesen, daß mir dieser Text für ein paar Minuten erheblich besser vorkam, als er wahrscheinlich ist.

MD: Du hast letztes Jahr die F.A.Z.-Buchanthologie "Klassiker der Comic-Literatur" redaktionell mitbetreut. Das war für Dich bestimmt eine sehr schöne Aufgabe. Welche Bände hast Du ausgewählt und mit Aufsätzen eingeleitet?

DD: Die Hauptarbeit lag bei Andreas Platthaus, wir anderen haben nur kommentierend eingegriffen. Ich habe mich zu Batman, den Schlümpfen und den Simpsons geäußert. Das haut hin, weil die Schnittmenge dieser drei Weltbetrachtungsweisen so ziemlich mein Hirn ergibt.

MD: Deine Zeit als Spex-Redakteur und Herausgeber hast Du in dem phantastischen Roman "Phonon" verarbeitet. Werden wir bald auch einen "F.A.Z."-Schlüsselroman von Dir zu lesen bekommen? Oder ein Werk wie "10 : 9 für Stroh" von Eckhard Henscheid? Die Redaktionseinblicke des Journalisten und Schriftstellers Robert Rolf in "Für immer in Honig" wirkten ja schon ziemlich realitätsnah.

DD: Mehr Schlüsselroman als jeder Roman notgedrungen ist - es geht ja immer um die Totalität der Haltung von Verfassern zur Welt - muß nicht sein. "Phonon" war möglich, weil der Stoff sehr speziell und zugleich versteckt universell war. Das gilt für die Frankfurter Allgemeine nicht: Was an ihr besonders ist, interessiert den Romancier nicht so sehr, den Publizisten natürlich um so mehr, und was an ihr allgemein ist, muß man nicht verschlüsselt erzählen, das sehen alle.

MD: Was hältst Du eigentlich von journalistischen Spezialisten. Zum Beispiel hauptamtlichen Theaterkritikern oder Popjournalisten?

DD: Wer gut schreibt, hat sofort meine Aufmerksamkeit. Manchen Leuten hilft Interessenvielfalt, anderen Spezialisierung. Der gute Text rechtfertigt beides.

MD: In Deiner Spex-Zeit wurdest Du oft als "Poplinker" bezeichnet. Wie empfandest Du dieses Etikett?

DD: Sehr ungenau, aber dadurch leidlich bequem. Pop? Heavy Metal! Links? Marx!

MD: Der Schriftsteller und Journalist David Dalek aus "Dirac" empfand den Zusammenbruch der Sowjetunion seinerzeit als schweren Schlag insbesondere für die junge bundesrepublikanische Linke. Du auch?

DD: David Dalek sieht, wie bei ihm üblich, da mal wieder nur sehr wenig. Der Schlag traf nicht den Heimatverein, nicht mal die Weltlinke, sondern die Menschheit, vor allem, weil er seitens der Sowjetunion nicht ganz unverdient war.

MD: David Dalek hat wie Du nach kurzer Zeit sein Physik- und Linguistikstudium abgebrochen, seine Begründung in "Dirac" ist äußerst originell: Ein Satz von Stalin und die Erkenntnis, daß Daleks Verstand nicht ausreicht, um in der Physik jemals etwas Neues herauszufinden. Was war Dein Grund?

DD: Die Absicht, Literatur zu schreiben. Das, was an Rohbegabung da war, bedurfte und bedarf massivster Trainingsanstrengungen, da bleibt für etwas so Ernstes wie Physik keine Zeit.

MD: Wie alt warst Du, als Du freier Autor geworden bist?

DD: Dreiundzwanzig.

MD: Wäre für Dich auch eine Universitätsausbildung zum Schriftsteller interessant gewesen? Wie bewertest Du die Möglichkeit, sich heutzutage in Leipzig oder Hildesheim zum Schriftsteller ausbilden zu lassen?

DD: Ich glaube, das geht nur da, wo die Staatsidee des Gemeinwesens, das solche Institute unterhält, selbst etwas mit Literatur, zumindest aber mit Kultur zu tun hat, statt nur mit Steuern, bewaffneten Abteilungen zum Schutz des Eigentums und Verwaltung des Elends. Nicht hier also, sondern nur im Sozialismus.

MD: Gab es eine Zeit, in der Du Sorge hattest, vom Schreiben nicht leben zu können?

DD: Immer. Auch heute noch. Es gibt keine Stabilität in diesem Beruf, wenn man ihn gut machen will; man soll sich von vorübergehenden Festanstellungen nicht einlullen lassen.

MD: Mit dem Literaturbetrieb hattest Du bislang recht wenig Berührung. Du hast keine Stipendien oder Preise erhalten, Du hast eher in Kneipen anstatt in Literaturhäusern gelesen, und Deine Romane wurden eher selten in den Feuilletons besprochen. War das eine bewußte Entscheidung?

DD: Das muß man eigentlich die Stipendienfüllhornbesitzer, Literaturhausmeister und Feuilletonchefs fragen; wie ich sie kennengelernt habe, war's allerdings wohl keine bewußte Entscheidung, denn bewußt entschieden wird da überhaupt sehr wenig.

MD: Woran mag das liegen?

DD: Fragt sich halt, wofür diese Institutionen, Jobs und so fort überhaupt da sind. Ich glaube, es muß viel gepinselt werden, bevor ein Leonardo dabei rauskommt, und dasselbe gilt eben für die Literatur: Es muß ganz viel normaler Krempel geschrieben, gelobt, gefördert werden, damit rein statistisch irgendwann einmal auch das eine Chance bekommt, was bei strengerer Auswahl als besonders gut oder schlecht den Betrieb stören, den Status Quo verändern und also all die lieben Leute vom Bodenpersonal verstören würde. Soll heißen: Wenn hundert Preise an Unsinn oder an banales Zeug vergeben werden, blockiert das gerade NICHT das Außergewöhnliche, sondern schafft im Gegenteil genau die nötige satte Behaglichkeit und träge Zufriedenheit des Betriebs mit sich selbst, die sich im entscheidenden Moment vielleicht als großzügiges Gewährenlassen gegenüber dem Besonderen äußern. Wenn der Tisch reich genug gedeckt ist, fällt eines Tages auch für die Guten was ab. Darum: Es lebe die Vielzahl der Preise, Stiftungen und Wursteleien; mögen es noch mehr werden.

MD: Du hast in vielen verschiedenen Verlagen veröffentlicht. In großen und in kleinen, in renommierten und in alternativen. Welcher Verlag ist Dein liebster?

DD: Jedes Buch von mir, das veröffentlicht wurde, paßt ideal an seinen jeweiligen verlegerischen Ort (sogar das eine abgrundtief schlechte). An offenen Wünschen bleiben mir nur noch ein kommunistischer Staatsverlag (das wird, fürchte ich, eine Weile dauern) und Tor Books in Amerika, die beste Adresse für literarisch wertvolle Science-fiction.

MD: Dein erster Roman "Cordula killt dich!", erschienen 1995 im Verbrecher Verlag, sollte der Auftakt der Hexalogie "Tensor oder die sehr anstrengende Reise in die mehr als ausreichende Verständlichkeit" werden. Die folgenden Bände wurden in dem Buch bereits mit Titel und Veröffentlichungsjahr angekündigt, sind aber nie erschienen. Warum?

DD: Die Ankündigung war ein Witz, der sich darüber lustig machen sollte, wie langfristig manche Leute sich an bestimmte Vorhaben ketten, anstatt die herrliche Gelegenheit zum Lernen zu nutzen, die der Intellektuellenberuf bietet. Der Witz ging am Ende auf meine Kosten: Was in den Nachfolgebänden stehen sollte, habe ich tatsächlich geschrieben; das heißt jetzt "Für immer in Honig", ist letztes Jahr erschienen und vergriffen. So kann's kommen.

MD: Ach so. Ich hatte gedacht, daß diese Langfristigkeit und Unbeirrbarkeit Dich gerade an Menschen wie Dave Sim fasziniert hat. Ich erinnere mich noch an Dein "Heaven Sent"-Interview mit Neil Gaiman, in dem Du mit ihm hauptsächlich über Dave Sim reden wolltest, einen Comicmacher, der seine Figur "Cerebus" zu seinem Existenzgrund erkor und 1977 beschloß, fortan jeden Monat mindestens ein "Cerebus"-Heft zu veröffentlichen. 300 Hefte lang. Vor zwei Jahren erschien die letzte Ausgabe.

DD: An und für sich finde ich solche Langzeitselbstverpflichtungen schädlich; Dave Sim etwa war dadurch an bestimmte Figuren, Rahmenerzählungen und so fort gebunden, von denen er sich andernfalls vielleicht mit Gewinn emanzipiert hätte. Andererseits hat er das Allergroßartigste daraus gemacht und hätte anders vielleicht gar nicht arbeiten können. Also auch hier wieder: Das Resultat rechtfertigt den Plan. Beharrlichkeit allerdings, also daß man fertig macht, was man anfängt, schätze ich immer. Nur sollte man bestimmte Dinge eben nicht unbedingt anfangen.

MD: In "Cordula killt Dich!" hast Du auch über Dein "Rainald-Goetz-Problem" geschrieben und Eure unglücklich verlaufenen Begegnungen. Die späteren Treffen waren hoffentlich erfreulicher. Jetzt veröffentlicht Ihr beide im selben Verlag. Steht Ihr in Kontakt zueinander?

DD: Sehr gelegentlich. Früher habe ich ihn bewundert, aber nicht gekannt; jetzt bewundere ich ihn und mag ihn.

MD: In Deinen Romanen gibt es viele verwickelte Handlungsstränge, Zeitsprünge, Intertextualität, Physik, Mathematik, Theorie … Man muß die Leser fordern. Hast Du manchmal auch Sorge, die Leser Deiner Bücher zu überfordern?

DD: Nein. Den modernen Nahverkehr, das Fernsehprogramm und den Arbeitsmarkt kriegen sie ja auch geregelt, und was da an verwickelten Handlungssträngen, Zeitsprüngen, Intertextualität, Physik, Mathematik, Theorie, Biologie, Islamismus und Mehrwertsteuer geboten ist, damit können meine simplen Liebesgeschichten sich nicht messen.

MD: Du hast ein Sachbuch über Computer geschrieben, "Schöner rechnen", und in Enzensbergers "Anderen Bibliothek" das Buch "Höhenrausch" mit dem Untertitel "Die Mathematik des XX. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen" veröffentlicht. In allen Besprechungen, die ich kenne, wurde Dir ein großes Lob für die phantasiereiche, stilistisch vielseitige literarische Umsetzung der Mathematiker-Biographien ausgesprochen, der Rezensent von "Spektrum der Wissenschaft" monierte allerdings fachliche Fehler. Andere Rezensenten kritisierten, daß Du Mathematik nicht erklärst und sich mathematische Sachverhalte durch die Lektüre nicht erschließen. Haben die Kritiker Recht?

DD: Wenn einem etwa für mathematische Größen, die "kommutieren" sollen, das an dieser Stell völlig sinnlose Wort "kommunizieren" reinlektoriert wird, oder wenn die Endkorrektur derartiges anstellt, weil sie den betreffenden Ausdruck nicht kennt, ist das natürlich bitter. Wenn es Rezensenten merken, regt man sich zum zweiten Mal auf. Und daß man bei zwanzig Porträts von Genies aus einem der spannendsten Jahrhunderte in der Wissenschaftsgeschichte auch ein paar tatsächliche Schnitzer baut, die selbst die Filter befreundeter Fachleute ungehindert passieren, ist wohl unvermeidlich. Diese Sorte Kritik höre ich gern; man lernt daraus, und ich hätte mir jene Themen ja nicht ausgesucht, wenn's mir nicht drauf ankäme, über Sachen zu schreiben, bei denen der Unterschied zwischen richtig und falsch eine Rolle spielt. Unleidig wird es aber, wenn die Literaturkritik wegen Mathematikhaltigkeit eines Textes passen muß und das Ding dann an einen Menschen weitergibt, der sich ereifert, man lerne daraus nicht rechnen - vor allem, wenn mehrfach drin- und draufsteht, etwa in Vor- und Nachworten, daß das nicht intendiert ist. Daher jetzt die Klarstellung im "Dirac"-Nachwort: "Es ist nicht Sinn und Zweck des Gemäldes der Alexanderschlacht, Betrachtern den Geschichtsunterricht zu ersparen." Peter Hacks hat sehr zu recht darauf hingewiesen, daß Dichtung weniger Kenntnisse über die Welt als vielmehr Haltungen zu ihr mitteilt. Dabei können Kenntnisse freilich nützlich sein.

MD: Sehr beeindruckt hat mich Dein Buch "Sie ist wach" über die TV-Vampirjägerin Buffy. Du analysierst die TV-Serie nicht nur oder goutierst sie augenzwinkernd, sondern nimmst sie ernst und beschreibst, warum, wie und was Dir zu Herzen ging. Findest du, daß das in der Auseinandersetzung mit Populärkultur zu selten geschieht?

DD: Es geschieht in der Auseinandersetzung mit JEDER Form von Kultur zu selten. Die Kritik begreift nicht oft genug, daß ihr Anlaß ein unkritischer ist, und verstopft mit diesem Unverständnis eine wichtige Erkenntnisquelle.

MD: Kürzlich war ich auf einer sehr gediegenen Lesungsveranstaltung, auf der Stephen Kings "On writing" als eines der besten Bücher über das Schreiben gepriesen wurde. Die Frau des Veranstalters, eine Buchhändlerin, konnte überhaupt nicht begreifen, wie man Bücher von Stephen King lesen kann. Ärgern Dich solche Vorurteile?

DD: Absolut nicht, wozu auch? Wer etwas nicht versteht, hat Pech gehabt, aber die Welt ist ja voll von dergleichen und ich selber begreife schließlich auch nicht ein Hundertstel dessen, was ich gern begreifen würde. Friede den Unkundigen.

MD: Stehen King ist ein Autor, auf den Du in Deinen Büchern oft zu sprechen kommst. Was fasziniert Dich an seinem Werk?

DD: Das Bestürzende und Bestrickende an King ist doch, daß sich in Gestalt seiner Laufbahn erleben läßt, was einer heutzutage für ein guter Schriftsteller sein kann, ohne daß es irgendjemand merkt - außer der Leser. Ob Charles Dickens Klassikerstatur hatte, darüber hätte man im viktorianischen neunzehnten Jahrhundert nicht lange nachdenken müssen. Aber das viktorianische neunzehnte Jahrhundert war ja auch der Gipfel der menschlichen Zivilisation (Marx, Darwin, Maxwell, Jack the Ripper), während wir traurigen Pappnasen unseren Größten dazu verdammen, als Bestsellermillionär ungetröstet vor sich hin zu rackern. Der Himmel mag's ihm lohnen.

MD: Science-Fiction- und Horrorliteratur erfährt in Amerika ebenso wie Comics eine viel größere Akzeptanz als in Deutschland. Glaubst Du, daß sich das in naher Zukunft wie beispielsweise beim Film oder Fotografie ändern wird?

DD: Ist mir vollständig egal. Ich will doch nicht die Akzeptanz von Genres fördern, sondern dazu beitragen, den Unterschied zwischen guten und schlechten Sachen in ALLEN Genres deutlicher zu machen.

MD: Du hast die Horrornovelle "Die Ehre des Rudels" im MAAS Verlag veröffentlicht und den Science-Fiction-Roman "Am blinden Ufer" im Verbrecher Verlag. Sicherlich gibt es in Deutschland einschlägigere Verlage für Horror- und Science-Fiction-Literatur. Wie werden in diesen Leserkreisen Deine Bücher aufgenommen?

DD: Das weiß ich nicht, weil ich mit dieser Szene wenig mehr gemeinsam habe als einige Vorlieben. Die Zeitschriften, Websites und so fort, die mir meine Informationen und Kritiken zu solchen Genres liefern, sind fast alle englisch, das heißt: amerikanisch.

MD: Auch viele Schriftsteller, die Dir wichtig sind, kommen aus Amerika. Stephen King, Harlan Ellison, Norman Mailer, William T. Vollmann … Woran mag das liegen?

DD: Am Imperialismus natürlich. Der hat nämlich auch gute Seiten: Man lernt viel über die Wechselwirkung von Weltmacht und Weltliteratur. Das bildet einen eminent politischen Literaturbegriff heran und stellt auch an den eigenen Formwillen höchste Ansprüche.

MD: Gibt es auch deutsche Science-Fiction- und Horrorautoren, die Du gerne liest?

DD: Science-fiction: Carl Amery, Arno Schmidt, Wolfgang Jeschke, William Voltz. Horror: Thomas Bernhard.

MD: Dann ist es bestimmt auch eine große Freude, zu der Neuausgabe von Arno Schmidts "Die Gelehrtenrepublik" ein Nachwort beizusteuern?

DD: Absolut. Schade nur, daß er mir und meinem Lob nicht mehr widersprechen kann.

MD: 2003 hat Barbara Kirchner mit Dir den Implex-Verlag gegründet. Hast Du durch die Implex-Aktivitäten Einblicke in die Verlagsbranche erhalten, die Dir neu waren und Dich überraschten?

DD: Ich habe, da ich ins Tagesgeschäft des Ladens nicht verstrickt bin, nur am Rande mitgekriegt, wie schnell jemand verrückt wird, wenn sie oder er Einblicke in die Verlagsbranche erhält. Soweit ich's verstanden habe, geht es dabei hauptsächlich um Rabatte, Halsabschneiderei, Lieferschwierigkeiten und Schwachsinn.

MD: Zwei Bücher sind bislang im Implex-Verlag erschienen, beide von dir. Zum einen "Sie ist wach", zum anderen der knapp 1.000 Seiten lange Weltrettungsroman "Für immer in Honig". Hätten diese Bücher in dieser Form auch anderswo erscheinen können?

DD: Bestimmt; ich war bloß zu faul zum Suchen. Das Abfassen der Bücher ist ja gesundheitsschädigend genug.

MD: Letztes Jahr erschien dein erstes Buch im Suhrkamp Verlag. Dort finden intern zur Zeit viele personelle und inhaltliche Veränderungen statt. Hast Du als Autor davon viel mitbekommen?

DD: Genug. Es geht bei alledem jedenfalls immer darum, was inhaltlich gewollt wird, also letztlich um Texte. Das empfinde ich "trotz aller unerfreulichen Einzelzüge" (Sigmund Freud über die Sowjetunion) als sehr angenehm.


Dietmar Dath:
Dirac

Suhrkamp 2006

Dietmar Dath: Dirac

380 S., geb., € 19,90
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MD: Dein neuer Roman "Dirac" ist nun Spitzentitel von Suhrkamp, dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit des Betriebs zwangsläufig auf Dich. Bewirbst Du Dich demnächst auch mit einem Text für den Ingeborg Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt?

DD: Das mit der Zwangsläufigkeit und dem Betrieb schauen wir uns in einer Weile nochmal genauer an. Klagenfurt: So weit fahren, um vor so wenigen Leuten so wenig Zeug vorzustellen, kommt mir ein bißchen unwirtschaftlich vor. Aber vielleicht erklärt's mir noch jemand.

MD: Einige Protagonisten aus "Dirac" kennt man bereits aus "Die salzweißen Augen", Deinem Briefessay zur Faszination der Drastik in der populären Kultur. Schreibst Du immer nur das eine, gleiche Buch immer wieder neu?

DD: Man erfährt im ersten der beiden genannten Bücher andere Dinge über diese Leute als im zweiten; die Darstellung weicht mitunter sogar so stark ab, daß man sich fragen könnte: Sind das wirklich dieselben Menschen? Dasselbe Buch zweimal liegt also auf keinen Fall vor. Alle Bücher zusammen ergeben aber selbstverständlich am Ende eins, dessen Titel heißen muß: Wie ich mir's zurechtgedacht habe.

MD: Literatur und Physik, da denke ich sogleich an Thomas Pynchons Kurzgeschichte "Entropy", die ein thermodynamisches Gesetz motivisch verarbeitet. In Deinem Nachwort schreibst Du, daß Physik und Literatur zwei Arten der Welterschließung sind und der Gegenstand von "Dirac" nicht die physikalische Wissenschaft, sondern die dadurch bestimmte Haltung zum Leben in der Moderne ist. Hat die Physik auch Deine Haltung zum Leben verändert?

Dirac
Dirac (Foto: wikipedia)

DD: Ja, hat sie. Es ist sehr nützlich, zu begreifen, daß es richtige und falsche Aussagen über die Welt gibt. Viele Menschen, die Kunst machen, wissen das nicht.

MD: In vielen Deiner Bücher taucht Paul Dirac auf, in "Höhenrausch" hast Du ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Was fasziniert Dich an ihm?

DD: Er hat nicht nur mit mathematischen Werkzeugen die Welt bearbeitet, sondern diese Werkzeuge ihrerseits zu Gegenständen der Bearbeitung gemacht. Das verbindet ihn mit Malern, die sich Farben und Formen zuwenden, Tonsetzern, die ihr Material analytisch überdenken, und natürlich mit sehr vielen Menschen heute, die irgendwas am Computer machen. Die Werkzeuge wie Werkstücke zu behandeln ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Moderne, und wenige haben das konsequenter getan als er. Außerdem schaffte er es, zu Zeiten, als von Physikern philosophische Parteilichkeit verlangt wurde, etwa für oder gegen den Positivismus, für oder gegen bestimmte Ontologien, darauf zu bestehen, daß die Arbeit des Wissenschaftlers nicht darin besteht, den Sack zuzumachen oder dem gegebenen Arbeitsabschnitt mit großartigen erkenntnistheoretischen Gesten vorzugreifen, sondern darin, herauszufinden, was man noch nicht weiß. Sich so klug und anständig zu verhalten, verrät eine Form von Liebe, die für mich sehr gut zu den anderen Arten der Leidenschaft, Hingabe, Freundschaft und Größe paßt, um die es in "Dirac" geht.

MD: "Die salzweißen Augen" ist eine Sammlung mit Briefen des Autoren-Ichs David Dalek an seinen alten Schulschwarm Sonja. In "Dirac" reden Sonja und Dalek nun über diese Buchveröffentlichung und den Umstand, daß Dalek Sonjas Person ungefragt literarisch verarbeitete – natürlich mit kleinen Veränderungen. In vorgeblich autobiographischen Werken ist das ein ungemein trickreicher Kunstgriff, der eine extreme Dichte und Kontinuität erzeugt. Dieses Verfahren ist mir zum ersten Mal in der Comicserie "Peepshow" von Joe Matt begegnet. Du kennst sicherlich noch andere Beispiele?

DD: Tja, Metafiktion. Am manischsten natürlich bei Arno Schmidt, wo seine "Ich"-Typen immer mal wieder Schmidts Bücher geschrieben haben; am Schönsten bei John Crowley in "Engine Summer", wo sich schließlich herausstellt, daß der Erzähler das Buch IST, das man liest, und daß er stirbt, wenn man die Lektüre beendet.

MD: In Deinen letzten Büchern beschäftigst Du Dich stark mit der Weltsicht und den Problemen Pubertierender. Warum?

DD: Weil das die Lebenszeit ist, in der man schon denken kann, aber noch kein Geld verdienen muß, also der beste Lebensabschnitt für Intellektuelle. Denn wer Geld verdienen muß, kriegt Angst und verblödet. Kinder dagegen haben zwar noch keine Angst, können aber auch noch nicht denken. Fünf kurze Jahre zwischen dem 13. und dem 18. Lebensjahr - mehr Zeit läßt uns die über Lohnarbeit vergesellschaftete Zivilisation nicht, den Verstand auszuprobieren und zu entwickeln, und ausgerechnet in dieser Phase bringt dann der Sexualkrempel alles durcheinander. Das ist so tragisch, wie es witzig ist.

MD: In "Dirac" gibt es zwei Erzählebenen. Einerseits das Geschehen um David Dalek und seine Freunde, andererseits die Passagen aus der "Dirac"-Biographie, an der David Dalek schreibt. Warum hast Du nicht zwei Bücher geschrieben?

DD: Weil es um das Verhältnis dieser beiden Geschichten zueinander geht - daraus ergibt sich eine dritte Geschichte, und um die geht es.

MD: Wie viel von Dir steckt in der Figur der Schriftsteller und Journalisten David Dalek?

DD: David ist der liebenswerte Versager, der ich gern geworden wäre. Leider habe ich Glück gehabt.

MD: Du bist bekennender Heavy-Metal-Fan. Hast Du auch mal wie David Dalek in einer Heavy-Metal-Band gespielt und gesungen?

DD: Ja. Mehr Bandmitglieder als Publikum, wechselnde Namen, laut und undeutlich, so war das.

MD: Schockierst Du gern?

DD: Nein. Sich mit Schockierten auseinanderzusetzen, ist meistens entsetzlich öde, weil sie einem dauernd erzählen, was einen nichts angeht: Wie's in ihnen aussieht.

MD: Warum heißt David mit Nachnamen Dalek? In einer Vorlesung hat Ingeborg Bachmann einmal die Bedeutung von Namen für Schriftsteller thematisiert.

DD: Das verrate ich Frau Bachmann lieber nicht. Sie kann ja ein bißchen googeln und dann raten, wie's zusammenhängt.

MD: Und woher rührt Deine Vorliebe für Vornamen mit C? Die wundersamen Frauen in Deinen Büchern heißen Cordula, Candela, Cathrin.

DD: Betriebsgeheimnis; es hat was mit Copyright zu tun.

MD: Der coole Paul, die schlaue Johanna, die geheimnisvolle Candela … Haben diese Figuren aus "Dirac" und anderen Deiner Bücher eigentlich so reale Vorbilder wie David Dalek?

DD: Ja. Alle. In unterschiedlicher Mischung, Zusammensetzung, Verdichtung, Verschiebung. Erfinden ist umbauen.

MD: Bist Du auch in einem so engen Kontakt zu ihnen wie David in "Dirac"?

DD: Ein Romancier, der nicht den allerengsten Umgang mit seinen Romanfiguren pflegt, taugt nichts - gerade auch, wenn sie erfunden sind.

MD: Ich kann mir vorstellen, daß David ebenso wie Paul oder Johanna in Deinen nächsten Büchern weiterhin eine gewichtige Rolle spielen werden. Oder bin ich auf dem Holzweg?

DD: Mag sein.

MD: Jetzt mal eine Lektorenfrage: Wie stellst Du dir den idealen Leser von "Dirac" vor?

DD: Sie sollte ein paar eigene Ansichten darüber mitbringen, was derzeit auf der Welt los ist und wie die letzten hundert Jahre Leben, Alltag, Wissen, Kunst und Politik zu diesem Zustand beigetragen haben. Dann wird sie diese Ansichten von mir und meinen Figuren, von deren Liebesgeschichten und sonstigen Abenteuern hoffentlich sehr grundsätzlich bestätigt oder infrage gestellt finden. Davon haben wir dann alle was.

MD: "Dirac" hast Du Harlan Ellison gewidmet, einem Autor, der nicht nur zahlreiche Romane, Erzählungen, Drehbücher und Comicszenarien geschrieben hat, sondern sich auch häufig gesellschaftlich und politisch zu Wort meldete.

DD: Er schreibt so gut, daß man konventionellerweise annehmen müßte, er habe nicht auch noch Zeit, sich mit dem Unrecht auf Erden zu befassen. Er tut das dennoch, und vielleicht hat dieser Umstand sogar damit zu tun, wie gut er schreibt.

MD: Im Vergleich zu "Für immer in Honig" wirken deine beiden Suhrkamp-Bücher stilistisch enorm dicht, verknappt und pointiert. Wurde "Dirac" oft überarbeitet?


Bibliographie:
  • Cordula killt dich!
    Roman. Verbrecher 1995
  • Die Ehre des Rudels
    Roman. Maas 1996
  • Charonia Tritonis
    Erzählung. SuKuLTuR 1997
  • Am blinden Ufer
    Roman. Verbrecher 2000
  • Skye Boat Song
    Roman. Verbrecher 2000
  • Phonon
    Roman. Verbrecher 2001
  • Schöner rechnen
    Sachbuch. Berlin Verlag 2002
  • Schwester Mitternacht
    Mit Barbara Kirchner
    Roman. Verbrecher 2002
  • Höhenrausch
    Essays. Eichborn 2003
  • Sie ist wach
    Essays. Implex 2003
  • Ein Preis
    Erzählung. SuKuLTuR 2003
  • Für immer in Honig
    Roman. Implex 2005
  • Die salzweißen Augen
    Briefroman. Suhrkamp 2005
  • Dirac
    Roman. Suhrkamp 2006.

DD: Die Suhrkamp-Bücher sind dicht, weil es darin um präzis auszufräsende Themen geht. Ein Witz ist kurz und knapp, ein Epos nicht. Außerdem hilft das Suhrkamp-Lektorat, weil es nicht kreuz und quer durch den Text schmiert, um am Ende möglichst viel angerichtet zu haben und hübsch kreativ dabeigewesen zu sein, sondern sich an wenigen, aber wohlerwogenen Stellen um verbesserbare Einzelheiten bemüht. Ich hatte bei Suhrkamp erst einen Lektor, dann eine Lektorin - beide haben mich beeindruckt, weil sie ihre Arbeit nach dem schönen Motto Lenins "lieber weniger, aber besser" erledigen.

MD: Hat das Internet als Recherche- und Inspirationsquelle Einfluß auf die handwerkliche Seite Deines Schreibens? Gehst Du beim Schreiben häufig ins Internet?

DD: Das Internet lügt viel und weiß viel, das macht es interessant und lästig. Das Fernsehen aber spielt für meine Arbeit eine viel größere Rolle.

MD: Von Deinem "Dirac"-Romanprojekt hat man schon vor Jahren gehört und auch Auszüge gelesen. Wie lange hast Du insgesamt an "Dirac" gearbeitet?

DD: Rund sieben Jahre.

MD: Werden wir von dir demnächst auch noch Gedichtbände oder Theaterstücke lesen können?

DD: Das kommt auf die Definition von "demnächst" an. Morgen: Nein. Niemals: Würde ich nicht sagen.

MD: Wie ist es eigentlich, auf Fragen zu antworten, zu denen man sich an anderer Stelle schon ausführlich geäußert hat.

DD: Irgendwann wird man sehr mißtrauisch gegen bestimmte Antworten, die man schon einmal gegeben hat, oder gar mehrmals. Dann gibt man wieder andere. Das ist sehr anregend.

MD: In einem Interview hast Du den voraussichtlichen Weltuntergang für den 22. Dezember 2012 vorhergesagt. Was wird an diesem Tag geschehen? Und woher kennst Du das Datum?

DD: An diesem Tag beginnt entweder eine Invasion nichtmenschlicher Intelligenzen, oder die Zeit hört auf. Das weiß ich aus dem Kalender der Mayas. Nachlesen kann man's unter anderem in dem Werk "Maya Cosmogenesis 2012" von John Major Jenkins, erschienen 1998 im Verlag "Bear & Co". Der Untergang der gegenwärtigen Welt könnte allerdings, wenn die darauf folgende nächste sehr hübsch würde, auch als Glücksfall angesehen werden.

MD: Kann der Weltuntergang noch verhindert werden?

DD: Wahrscheinlich nicht. Er könnte aber früher eintreten als erwartet.

MD: Hast Du noch eine Frage, die Du gern beantworten möchtest?

DD: Frage: Was ist wichtiger, Stil oder Gedanke? Antwort: Allerdings.

MD: Ich bedanke mich für das schöne Gespräch und das inspirierende Buch.

DD: Ich habe zu danken; und damit zurück zur Arbeit.



Erstveröffentlichung in Volltext 5/2006. Das Gespräch entstand als email-Interview zwischen dem 27. August und dem 10. September 2006. Weitere Informationen zum Buch inklusive einem Gespräch mit Dietmar Dath und unveröffentlichten "Dirac"-Passagen stehen im Internet auf www.johannarauch.de.