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Die Box



November 2006 Marc Degens
für satt.org

Blätterwald

Zwei unmittelbare Reaktionen gab es auf die erste Folge der „Blätterwald“-Zeitschriftenschau. Gunther Nickel, Gutachter und Projektbetreuer des Deutschen Literaturfonds, wies mich auf drei Sachverhalte hin, die ich bezüglich der Förderung einer Sonderausgabe der Wiener Literaturzeitung „Volltext“ falsch dargestellt habe: 1) Bei den vom Deutschen Literaturfonds bereitgestellten 300.000 Euro handelte es sich nicht um einen „Zuschuß“, sondern um eine Ausfallbürgschaft. 2) Nicht 300.000 Euro von 726.795 Euro, sondern neben 726.795 Euro weitere 300.000 Euro wurden vom Literaturfonds für die Volltext-Ausfallbürgschaft bereitgestellt. 3) Gunther Nickel ist nicht persönlich an „Volltext“ beteiligt, sondern war lediglich in sieben Fällen freier Mitarbeiter. Für meine Fehler und die ungenauen Formulierungen entschuldige ich mich an dieser Stelle. Eine zweite, erfreulichere Rückmeldung erhielt ich am Abend der „Kultur & Gespenster“-Präsentation im Berliner „nbi“. Ein Leser wunderte sich über mein Lob eines in der ersten Folge vorgestellten Literaturmagazins. Der Gesprächsverlauf zeigte, daß wir an der „Zeitschrift für junge Literatur“ zwar dieselben Punkte bemängelten – trotzdem blieb ich bei meinem günstigen Gesamturteil und konnte sogar meine im Fall von Literatur- und Kulturzeitschriften grundsätzlich waltende rosinenpickenden und schönfärbenden Urteilsmaßstäbe überzeugend verteidigen: Insbesondere für junge Autoren sind solche Organe als erste Veröffentlichungsorte enorm wichtig, die Vorzüge und Mängel solcher Texte überträgt sich dann meist auch auf die Gesamtauswahl. Daher ist es für die Herausgeber einfacher, statt einer einheitlichen, souveränen und dennoch unverkennbaren Auswahl einen bunten Textreigen zusammenzustellen. In dem Fall lockt die Entdeckung, es droht die Beliebigkeit. Eine Zeitschrift, die beide Konzepte in sich vereint, die mit wagemutigem Schwung und reifer Gelassenheit zur Sache geht und gleichzeitig Überblicke und Überraschungen bietet, ist nur schwer vorzustellen. Am Beispiel der „Zeitschrift für Verkehrswissenschaft“ „Tumult“ kann man immerhin ablesen, wie sich eine Zeitschrift im Laufe der Zeit von einem Pol zum anderen bewegt hat.

„Als im 14. Jahrhundert nach Christus die Große Pest sich über Europa breitete, da dauerte es vier Jahre, bis sie den Kontinent überquert hat. In unseren Tagen brauchen Epidemien wie das Große Disco-Fieber nur noch wenige Monate, um beide Hemisphären zu überziehen.“ Das ist die Einleitung des Aufsatzes „Disco: Studio 54 revisited“ von Ulrich Raulff, erschienen 1979 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Tumult“. Der kluge, hellsichtige und durch die zeitliche Distanz stellenweise recht komische Aufsatz des heutigen Direktors des Deutschen Literaturarchivs Marbach wird u.a. von einem Gespräch mit Paul Virilio, einem Porträt der Zeitschrift „Traverses“, einem tollen Text über „Kierkegaards Ende“ und begeisterten Sätzen zur „Geilheit der Brandstiftung“ flankiert. Euphorie, Naseweisheit und Missionierungsdrang kennzeichnen die erste „Tumult“-Ausgabe, die durch eine geschickte Textzusammenstellung den damals herrschenden Zeitgeist in sich speichert. Zeitlos dagegen präsentiert sich die jüngst erschienene dreißigste „Tumult“-Jubiläumsausgabe. Der Ton ist abgeklärt, an einigen Stellen zu selbstgewiß, die Autorenauswahl hochkarätig, das Thema gediegen: „Römisch“. Was sollen emeritierte Professoren auch über „Tokio Hotel“ schreiben? Überrascht liest man im Autorenverzeichnis, daß der zu „Tumult“ beitragende Mailänder Professor für Ästhetik Massimo Cacciari gleichfalls auch Bürgermeister von Venedig ist. Großartig sind die Artikel, die weniger mit Prunkwissen als mit enormer Sachkenntnis aufwarten, etwa Nadine Grotkamps pointierte Überlegungen zur antiken Praxis, internationale Verträge mit Geiseln abzusichern. Dazu kommen wunderbare Erkenntnisse wie die von Paul Veyne: „Manche Forscher empfinden eine heftige Sympathie für die Zivilisation, die sie studieren. Wie viele Arabologen und Japanologen sind mit ihrem Forschungsgegenstand geradezu verheiratet! Wenn es in 1000 Jahren Nazilogen’ geben wird, werden sie Zuneigung zu den Nazis empfinden.“ Höhepunkt des Heftes ist für mich Wilhelm Blums konzentrierter Aufsatz zur „Rom-Idee im Zentrum und an den Rändern Europas“, ein Parcours-Ritt durch fast zweitausend Jahre Geschichte, der bis zur Gegenwart und Jacques Chirac führt.

Um den deutsch-französischen Gedankenaustausch macht sich seit 2004 die großformatige, durchgängig zweisprachige Zeitschrift „La mer gelée“ verdient. Die dritte Ausgabe widmet ihr Dossier dem außergewöhnlichen Thema „Gefangenschaft“ – und noch außergewöhnlicher sind die essayistischen und künstlerischen Beiträge zum Thema, die von lyrischen Innenschauen, origineller Kurzprosa bis hin zum bewegenden, auf Gesprächen mit Inhaftierten beruhenden Artikel „Die Auswirkungen von Inhaftierung auf den Körper und das Selbstwertgefühl“ reichen. Ein Essay über Terézia Moras Roman „Alle Tage“ und die phantastischen Zeichnungen von Annika Müll runden das Bild ab: „La mer gelée“ ist eine der schönsten und bemerkenswerten Literatur- und Kulturzeitschriften, die ich kenne. Anders als viele multikulturelle (Zeitschriften-)Projekte beschreibt „La mer gelée“ nicht die Andersartigkeit, sondern demonstriert in der Praxis, wie bereichernd und inspirierend andersartige Sichtweisen sind.

„La mer gelée“ wurde im Jahre 2000 als Internetmagazin gegründet – sich fortan auf ihren Internetauftritt konzentrieren wird die von Peter Schaden herausgegebene, in Wien erscheinende, fast 15 Jahre alte Zeitschrift „frei zeit art“. Die letzte, in klassischer Fanzineaufmachung als doppelgeklammertes DIN A5-Heft veröffentlichte Printedition ist eine Doppelnummer und richtet ihren „focus“-Teil mit Kurzbesprechungen und einem Gespräch auf den österreichischen Aktionskünstler Hermann Nitsch, während die „labor“-Rubrik hauptsächlich Beiträge eines von der „fza“ ausgelobten Lyrik- und Kurzprosapreises präsentiert. Peter Schaden erklärt die Einstellung der Printausgabe mit finanziellen und zeitlichen Gründen, angesichts der durch den Mix sehr gelungenen letzten Ausgabe ist dieser Verlust äußerst bedauerlich.

1996 wurde das Zentrum für Literaturforschung Berlin (ZfL) gegründet, anläßlich des Jubiläums erschien kürzlich eine Sonderausgabe von „Trajekte“, der halbjährlich, inzwischen schon im siebten Jahrgang erscheinenden Zeitschrift des ZfL. Die überaus ansprechend gestaltete Zeitschrift ist ein Vorzeige-Organ der literaturwissenschaftlichen Avantgarde, und die Extra-Ausgabe bietet auf knapp 100 Seiten kurze Schlaglichter auf die Forschungsarbeit des ZfL. Das Abonnement von „Trajekte“ ist übrigens kostenlos, ebenso wie das der Zeitschrift „fluter“, dem flotten Wissens-Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Das Thema der vor mir liegenden Ausgabe ist Energie – und wenn man sieht, wie ansprechend in Text und Layout die Macher Wissen und Unterhaltung insbesondere für eine junge Leserzielgruppe verbinden und aufbereiten, fragt man sich, warum vergleichbare kommerzielle Zeitschriften ihre Leser permanent unterfordern. Das relevante Themen und ein journalistischer Anspruch die Attraktivität einer Zeitschrift steigern, das beweist „fluter“ seit Jahren.

Zum Schluß noch ein Hinweis auf eine Perle unter den Studentenzeitschriften. Seit drei Jahren erscheint an der Universität Osnabrück die nach Wiglaf Drostes Kultbuch benannte „Zeitschrift für facts und fiction“ „Kommunikaze“. Das alle 2 Monate in 500er Auflage erscheinende, kostenlos verteilte Heft bietet satirische Erzählungen, kurzweilige Berichte, Comics, Listen mit Lieblingsliedern … alles mit viel Charme und Witz und augenzwinkernder Coolness. Wahrscheinlich gibt es nicht viele Gründe, sich an der Universität Osnabrück einzuschreiben: „Kommunikaze“ ist einer.

P.S. Soeben landete die neue, dreizehnte "Trajekte"-Ausgabe auf meinen Schreibtisch – mit der Nachricht, daß das Abonnement ab der nächsten Nummer kostenpflichtig ist.

  • fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Online-Bestelladresse: www.fluter.de/abo
  • freie zeit art 54/55. 56 S., 3,50 Euro. c/o Introvis Media Verlag, Mailbox 119, Wienerbergstraße 9, 1100 Wien. www.freizeitart.net
  • Kommunikaze. Zeitschrift für facts & fiction. c/o AStA der Universität Osnabrück, Alte Münze 12, 49074 Osnabrück. www.kommunikaze.org
  • La mer gelée 3. 112 S., 10 Euro. www.lamergelee.org
  • Trajekte. c/o Zentrum für Literaturforschung Berlin, Jägerstraße 10/11, 10117 Berlin. www.zfl.gwz-berlin.de
  • Tumult 30. 144 S., 19,90 Euro. www.diaphanes.de


Erstveröffentlichung in Kultur & Gespenster 2 (November 2006).