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Die Box



August 2006 Enno Stahl
für satt.org

Kultur & Gespenster
erscheint vierteljährlich im Hamburger Textem-Verlag

Cover

251 S., 12 €
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Kulturgespenster

Ob wohl irgendwo in der Welt soviel über Kultur geredet wird wie in Deutschland? Aber welche Kultur? Es ist eine Kultur des Common Sense, des gemeinsamen Marktes, Trend-Aktien, Waren.

Ein essenzieller Diskurs darüber, was Kultur ist oder sein sollte, ein Diskurs, der sie politisch einordnete oder gar kritisch verortete, findet weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Überdies wird er beherrscht von Altvorderen, den übrig gebliebenen Kündern der Alten Republik, ex-linken Konvertiten. Oder aber er ist geprägt von akademischen Diskussionsritualen und somit für ein größeres Publikum ungeeignet.

Um so mehr muss man eine neue Zeitschrift für Kulturwissenschaften begrüßen, insbesondere, wenn sie so ambitioniert und betont zeitgenössisch daherkommt wie „Kultur & Gespenster“ aus Hamburg. Die erste Ausgabe verdient sich ein zusätzliches Willkommen dadurch, dass sie sich Hubert Fichte zum Schwerpunktthema erkoren hat. Denn als Name mag Fichte vielen geläufig sein, doch reduziert man ihn zumeist auf sein Image als (vermeintlicher) Popautor, als illustrer Schwuler und Skandalhans. Gelesen wird Fichte nur wenig, trotz einer Neuauflage seiner Werke im Fischer Verlag, und eine ernsthafte, literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit seinem vielgestaltigen Werk hat gerade erst eingesetzt.

Die neue Zeitschrift hat hier mit ganzen neun, teilweise längeren Essays einen wichtigen Beitrag geleistet. Dass man bei manchen Aufsätzen, etwa von Ole Frahm über afrikanische Psychiatrie und Gerd Schäfer über Heino Jaeger, nicht recht begreift, was denn hier Thema oder roter Faden sei, wird durch andere mehr als aufgewogen. Etwa durch Anna Echterhölters nahezu brillanten Essay über die ethnografischen Zugriffe Alexander von Humboldts, Fichtes und Daniel Kehlmanns. Letzterem bescheinigt sie eine ideologisch-verzerrende Humboldt-Darstellung, die den Universalgelehrten einer weltfremden Datenversessenheit zeiht und somit dessen durchaus poetische und polyphone Form der Phänomenbeschreibung unter den Tisch fallen lässt. Dadurch verschwindet das von Humboldt vermittelte adäquate Bild der anderen Kultur gleich mit. Auch Fichte hat sich einer solchen „mehrstimmigen“ Ethnologie verschrieben, indem er die Bewohner der so genannten Dritten Welt selbst zu Wort kommen lässt und sich zugleich vehement vom eurozentristischen Zugriff eines Lévi-Strauss distanziert.

Fichtes Arbeiten zur Kulturethnologie stoßen nicht nur in dieser Zeitschrift, sondern auch in jüngsten germanistischen Veröffentlichungen auf ein zentrales Interesse, da hier einige Probleme literarisch bereits gelöst zu sein scheinen, denen sich der theoretische Diskurs heute überhaupt erst stellt. So in etwa die These in Ulrich Gutmairs wohl ausgewogenem Essay „Ich sind die Anderen“. Neben einer Analyse von Fichtes Exotismus-Projektion bezieht Gutmair dessen Interesse und Methode unmittelbar auf die subjektive Erfahrungswelt des Autors, der sich als Homosexueller in der Bundesrepublik der 60er und 70er Jahre selbst noch wie ein Exot vorkam. Ebenso wie Echterhölter liefert Gutmair am Rande seiner eigentlichen Argumentationslinie fundierte Kritikpunkte an den Partikularitätstheoremen der post-kolonialistischen Kulturwissenschaften. Mit ihrer manischen Konzentration auf die minderprivilegierte „Gruppe“ verschleiert sie nämlich die Existenz des Individuums, des konkreten Subjekts. Nicht der einzelne Mensch ist dabei im Blick, sondern allein seine kollektive „Identität“ als Schwuler, Jude, Schwarzer etc. Fichte dagegen interessiere sich, so Gutmair, nicht für eine solche abstrakte „Identität“, sondern für Körper, Sprache, Gestik, Tradition des Anderen, also den Menschen selbst.

Weitere überzeugende Beiträge stammen von Robert Gillett, der Volker Hages und W. G. Sebalds Bombenkriegsbücher einer kritischen Lektüre unterzogen hat, dahingehend, dass Hubert Fichte bei beiden trotz Kenntnis der entsprechenden Texte absichtsvoll verschwiegen wird. Sowie von Kathrin Röggla, die einen interessanten semi-poetischen Versuch der Annäherung unternommen hat. Zwei „Autorinnen“-Stimmen stehen mit einer „Fichte-Zitatmaschine“ in einem fiktiven Dialog, um so einen vagierenden Diskurs über dessen Leben und Werk anzustrengen. Analog zu Fichtes eigener Methode, konkurrierende „Ich-Konstruktionen“ miteinander zu konfrontieren, werden hier mögliche Perspektiven durchgespielt, quasi an- und ausprobiert. Das auch ästhetisch anspruchsvoll gemachte Heft wartet zudem mit bildkünstlerischen Beiträgen auf, die sich dem Phänomen „Fichte“ nähern. Ein umfangreicher Rezensionsteil, Gespräche mit dem Systemtheoretiker Dirk Baecker und mit Alexander Kluge, ein Comic und ein Reisebericht aus Tansania runden das Bild ab.

Ein bisschen vermisst man biografische Angaben, da man bei manchen der Autoren gerne wüsste, welchen Hintergrund sie besitzen. Ansonsten darf man auf die nächsten Ausgaben von „Kultur & Gespenster“ sehr gespannt sein. Neben der Mainzer „Testcard“, welche sich schwerpunktmäßig mehr der Musik widmet, könnte „Kultur & Gespenster“ im Bereich literarisch-bildkünstlerisch motivierter Kulturwissenschaft eine echte Lücke ausfüllen.