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Die Box



Juli 2006 Hartmuth Malorny
für satt.org

A.L. Kennedy (Hrsg.): Cool Britannia
Junge Literatur aus Großbritannien
Wagenbach Verlag 2006

Cover

160 S., 9,90 €
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Cool Britannia
Junge Literatur aus Großbritannien

„Das Problem bei unseren jungen Schriftstellern ist, dass sie alle um die 60 sind“, bemerkte dereinst W.S. Maugham, doch die englische Literatur hat sich geändert – wie so vieles – denn es gibt sie überall, die wütend schreibenden Autoren, erstens, um mit Rebellion Aufmerksamkeit zu erzeugen, zweitens, um Zeichen zu setzen, dass man nicht so ist, wie es das Geschäft verlangt.

Der Herausgeberin A. L. Kennedy der Anthologie „Cool Britannia“ gelang der Spagat folgende Autoren und Autorinnen unter einen Hut zu bringen: William Ryan, Gwendoline Riley, Henry Shukman, Daren King, Suhayl Saadi, Erica Wagner, Tessa Hadley, Nicola Monaghan, Donald McLaughlin, Richard Beard, David L. Hayles und David Constantine - der zum Beispiel als Übersetzer u.a. von Hölderlin, Brecht und Goethe arbeitet. „Zwölf Künstlerinnen und Künstler von bemerkenswerter Intelligenz und Eloquenz zeichnen ein erschreckendes, wenn nicht gar verstörendes Bild,“ sagt A.L. Kennedy im Vorwort.

Anthologien sind eine persönliche Auswahl des Initiators. Herausgeber sind immer der verlängerte Arm eines Verlages. Der Verlag Klaus Wagenbach, seit 1964 ein Medium „für wilde Leser“, in Art und Weise der Publikationen und Skandalen dem italienischen Feltrinelli-Verlag ebenbürtig, steckte immer wieder Geld in eine Sache, wie es höchstens arme Schlucker tun die Lotto spielen. „Da es aber auch bei uns in Deutschland viele trübe Tassen, Dunkelmänner und Schlafmützen gibt, ist der Import von Geschirr, Beleuchtungskörpern und Wachmachern aus dem Ausland notwendig,“ erklärt Wagenbach zum 30-jährigen Bestehen des Verlages seinen Hang, ausländische Übersetzungen zu veröffentlichen.

Großbritannien hat seine „jungen Wilden“, ähnlich der bereits kommerzialisierten deutschen Pop-Literatur, denn größtenteils sind die hier Vorgestellten schriftstellerisch längst etabliert, und das ganz zu Recht. Die Themenbreite dieser Geschichten ist sicherlich bewusst so angelegt wie Erica Wagners „empfohlene Methode“ eine Brücke zu überqueren und was es bedeutet, nämlich: „Aufhängung, Spannung, Druck.“

Nicht alle Stories spielen in Großbritannien. Henry Shukmans „Roadmovie“ gleicht dem Skript eines Filmes, wo der Erzähler mit abgelaufenem Visum von New York Richtung Westküste aufbricht, um eine Frau zu heiraten, weil ihm die Einwanderungsbehörde auf den Fersen ist. Die Frau denkt spirituell, der Mann rational, er „vergöttert“ New York, die U.S.A., er will hier als Filmemacher Fuß fassen und nicht über Umwege nach New Mexiko düsen, aber sie „ist kein Vernunftsmensch. Vernunft beleidigt sie.“ Shukman schneidet die Geschichte in drei Perspektiven und berichtet mal ironisch, mal wehmütig, aber hauptsächlich durch das klare Auge eines Objektivs über diese Odyssee.

Ebenfalls Ausnahme der Szenerie ist Ryans „Dänemark“, ein fast melancholisches Stück, das Erinnerung und Vergessen der eigenen Person behandelt, das schmerzhaft jenen Punkt berührt, vor dem man sich am meisten fürchtet - nicht zu wissen, wer man ist.

Der Klappentext hält „Cool Britannia“ für very british, doch das hieße, sie sei mit dem typisch schwarzen Humor der Insulaner gespickt, den wir seit Monty Pythons Flying Circus kennen. Nein. Höchstens David L. Hayles greift auf die Persiflage zurück: Shandoman, eine Art Superman, leidet unter tiefen Depressionen, und just erreicht ihn das Hilfesignal des Bürgermeisters einer Stadt, die mal wieder vom Schurken Putzo terrorisiert wird. Hayles, der schon als Drehbuchschreiber fürs Fernsehen gearbeitet hat, verwendet einen an die Comic-Sprache angelehnten Dialogstil:

„Jetzt werden Sie ein bisschen hysterisch, Shandoman,“ sagt sein behandelnder Arzt, „Sie sollten einfach nicht mehr an Putzo denken ( …)“
„Nicht mehr an Putzo denken!“
„Wenn Sie wollen, kann ich Sie krankschreiben.“

Richard Beards Protagonist ist auch krank, er kann sich „nicht mehr denken hören“, vermutlich wegen des Lärms, denn er wohnt in der Einflugschneise des Londoner Flughafens Heathrow, den er in dieser Geschichte besucht, um bekannte Gesichter zu treffen. Zugleich erzählt er von seinem eigenen Scheitern und dem Erfolg seiner Frau, dem Umherwandern von Terminal 1 bis 3, den Wünschen und Zielen, die er aus der Vergangenheit hervorkramt. „Niemand scheint zu bemerken, dass ich nicht ganz bei mir bin. 63 Dezibel, 16 Stunden pro Tag, das unsichtbare Gift des ausströmenden Kerosins, ich kann mich nicht denken hören.“

Die Herausgeberin Kennedy weist darauf hin, wie schwer es ist, in Großbritannien Kurzgeschichten zu publizieren, und dass es tatsächlich schwer ist, kann der Autor William Ryan bestätigen, der in „Cool Britannia“ debütiert; alle anderen Autoren/Innen haben Preisauszeichnungen für Kurzgeschichten und Romanveröffentlichungen hinter sich.

Donald McLaughlin, 1961 geboren, schlägt „ohne zu wissen was wird“ eine Sprache an, die im mittlerweile globalisierten Underground überall gesprochen wird, eine freche und derbe Ausdrucksweise: „Ich fick das Kissen, und du Sack hast schön was zu gucken. Na lecker!“

Nicola Monaghans Kurzgeschichte „Der Frauenschwängerer“ ist zu absehbar, vielleicht, weil sie vorher im Finanzgeschäft tätig war, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, dafür brilliert Tessa Hadley mit dem „Stellvertreter“: Das alte Spiel, Studentin verliebt sich in ihren Dozenten. Jetzt könnte man sagen - und die Ich-Erzählerin sagt es selber: „Ich weiß, dass das nichts ungewöhliches ist …“, aber die Art und Weise den Dozenten zu lieben und stattdessen mit einem Gas- und Wasserinstallateur zu vögeln, nur weil er ähnlich aussieht, plus dem intimen Einblick, macht aus dem bekannten Thema eine neue Sichtweise.

Die meisten der 12 Geschichten halten ihr Ende offen, wie es Daren King in „Heim Weh“ besonders gelingt einen Schluss ohne Punkt zu setzen, sie zelebrieren sozusagen die Phantasie, und der Leser erwartet eventuell mehr, doch wenn er das tut, sollte er diese Anthologie nicht zur Hand nehmen. „Cool Britannia“ verpasst Denk- und Kopfstöße, genussvolle Dialoge, stilisierte Reife einer eher weniger „jungen“ britischen Literaten, die wie Suhayl Saadi auch nicht vor dem eigenen Land kritiklos stehen, wenn sie sagen lassen: „Aber sie war nach wie vor in England. Diese Fetzen gequälter Konversation, der abgestandene Gestank nach Pissoirs und Frittiertem und die aufkeimende Verzweiflung.“