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Die Box



Juni 2006 Frank Willmann
für satt.org

Andreas Gläser:
DJ Baufresse

Gustav Kiepenheuer Verlag 2006

Cover

216 S., 14,90 €
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Andreas Gläser:
DJ Baufresse

Vom hartn Schicksalsschlach
Berlin, zur Abwechslung mal von einem Berliner beschrieben:
»DJ Baufresse«, das zweite Buch von Andreas Gläser

Der Berliner Geschichtenerzähler und BFC-Dynamo-Fan-Poet Andreas Gläser hat endlich sein zweites Buch vorgelegt. Nachdem sein Erstling »Der BFC war schuld am Mauerbau« 2002 für einige Furore sorgte und vom Aufbau-Verlag immerhin in die zweite Auflage geschickt wurde, ist nun sein zweites Buch „DJ Baufresse“ im Gustav-Kiepenheuer-Verlag als Hardcoverband erschienen. Darin zeigt sich Gläser abermals als ein Meister der kurzen, pointierten Geschichten. In „DJ Baufresse“ hat er sich die Lebenswelt der Bauarbeiter vorgenommen, nach und vor der Wende.

„Meine Kollegen wollten ihre Ruhe haben. Schlechtwettertage waren besonders gefragt. Als mit dem Sommer die Studentinnen flöten gingen, lauerten wir zum jeweiligen Tagesbeginn auf den großen Regen, damit wir die Baracke nicht verlassen mußten. Wir soffen, als wären wir uns bewußt, daß wir damit den Untergang der DDR beschleunigten. Die Alten spielten Skat, frühstücken wollten sie trotzdem. Stift, wofür biste Stift? Bier holn! Wir waren zehn Leute, für ein Frühstück mit Bier mußte mir jemand tragen helfen. Dirk, der Jungfacharbeiter, rief: Ich hab schon ausjelernt! Rainer antwortete: Aber trinken willste ooch wat, oder biste schwul.“

Nicht nur die Seelenzustände des Berufsstandes Baufacharbeiter werden von Andreas Gläser fesselnd ausgeleuchtet. Der rote Faden in Gläsers Geschichtensammlung ist der Durchschnittsmensch Baufresse, gefangen zwischen Kleinfamilie, merkwürdigen Jobs und Freizeitvergnügen. Das ist bei Gläser natürlich in erster Linie Fußball.

„Hörn Se mal. Mein Vater stand an der Mauer, mein Onkel is bei der Stasi, ick jeh zum BFC. Ick krieg schnell raus, ob dit hier allet nach Vorschrift abläuft.“

Der BFC Dynamo wird ausführlich berührt, natürlich auch Baufressens anderes Hobby, die Schallplattenunterhaltung Tanzwütiger zu später Stunde. Denn nicht umsonst trägt Herr Baufresse den schönen Vornamen: DJ.

„Jemand beugt sich übers Pult, beginnt zu gestikulieren, als wäre er nach dem Millennium nicht mehr zum Stich gekommen. Sein Basecap hängt ihm tief ins Gesicht, seine Augen sind bei der dezenten Beleuchtung nicht zu sehen. Wie ick heiße?, wiederhole ich seine Frage genervt. DJ Baufresse. Er hakt nach: Von Taufe oder spitze Name? Vom hartn Schicksalsschlach.“

Im anmutsvollen Berliner Dialekt murmelt sich der DJ durch Berlin. Er trägt das Scheitern der Beziehung zu seiner Freundin standhaft und resümiert lakonisch über sich, die Freundin und deren Ansprüche ans Leben im allgemeinen und besonderen. Das Buch ist eine wunderbare Geschichtensammlung, die immer dann besonders stark ist, wenn sich Andreas Gläser den angeblichen Freuden des Alltags widmet.

„Wenn das Wetter nicht schlecht genug war, irrten alle zwischen den Sandbergen scheinbar beschäftigt umher. Es hieß: Noch ’ne halbe Stunde bis zum Frühstück. Wer jeht vor? Den ersten beißt der Alte!“

Berlin, geschildert zur Abwechslung mal von einem echten Berliner mit original Berliner Berlinerfahrung. Andreas Gläser ist der Ostberliner Lesebühnenszene längst entwachsen, hier und da lugt bereits ein Klaus Schlesinger aus seinen intensiven Geschichten. Der Kiepenheuer-Verlag hat Gläsers Buch mit einem törichten Aufkleber versehen. W. Kaminer: »Hart, aber herzlich. Gläser kämpft tapfer gegen das Spießertum«. Nichts beschreibt das Buch schlechter als dieses steinalte und in völlig anderem Zusammenhang erwähnte Zitat.