Anzeige:
Die Box



Februar 2006 Hartmuth Malorny
für satt.org

Hunter S. Thompson:
The Rum Diary

Übersetzt von Wolfgang Farkas. Roman. Heyne 2005

Umschlagmotiv

208 S., 7,95 €
   » amazon

Hunter S. Thompson:
The Rum Diary

Im Winter 1959 verlässt ein gewisser Paul Kemp New York, hektisch, halb betrunken, und bricht nach Puerto Rico auf, wo er sich Sonne und Abenteuer verspricht. Hier beginnt der Roman "The Rum Diary" von Hunter Stockton Thompson - Autor des Bestsellers "Angst und Schrecken in Las Vegas". Es geht, neben einem unberechenbaren Chefredakteur, einem verwegenen Fotografen und einem undurchschaubaren Freak, um den gut dreimonatigen Aufenthalt des Journalisten Paul Kemp, der gleich zu Anfang gefragt wird, was ihn hierher treibe, worauf dieser antwortet, dass es Schlimmeres gebe als die Karibik. "Das hier ist nicht die Karibik, da hättest du weiter nach Süden fahren müssen."

Vierzig Jahre nach seiner Entstehung wurde der Roman in den USA als Entdeckung gefeiert, weil man sich an das damalige Puerto Rico erinnerte, das von einer U.S.-amerikanischen Welle überschwemmt worden war - Mc Carthys Kommunistenjagd frisch im Gedächtnis und das Bemühen, die Insel zum 51. Bundesstaat zu machen. Die dritte deutsche Auflage des Buches brachte nun der Blumenbar Verlag heraus, die Taschenbuchausgabe erschien im Heyne Verlag, und es liegt am Übersetzer Wolfgang Farkas, der das Rum-Tagebuch in der für Thompson angemessenen Sprache ins Deutsche katapultierte.

Beim ersten Blick erinnert man sich an Jack Kerouacs Werke, der zweite Blick ist stark mit San Juan und dem tristen Leben der Einheimischen verwebt, dazu der das Stadtbild verändernde Boom, geprägt vom tropischen Wetter und der Anstellung eines Journalisten, dem sich der Protagonist Kemp in einer Sufflaune verschrieben hat.

Auftragsarbeit, Rum in rauen Mengen, Suff bis zum Exzess sind der Faden dieses Buches. Und Thompson holt ganz weit aus, er liefert immer wieder Gründe mit Hochprozentigem zu versinken: Bars, Hotels, Partys und das Stammlokal bei Al, wo man Hamburger und Rum zum Frühstück, Mittagessen und Abendbrot konsumiert. Seine Mitstreiter, die oben genannten: also der Fotograf Sala, der dauernd über die Insel schimpft (" … Oh, Gott, die Tropenfäule, dieses ständige Saufen ohne Sex …"), dann der Freak Yeamon und der Chefredakteur Lottermann, dem es hart an die Nieren geht, weil er so ein mieses Personal hat: "Sala schert sich einen Dreck um das Blatt … Moberg ist ein Säufer. Vandervitz ein Psychopath. Noonan ein Idiot. Benetiz kann nicht mal Englisch - mein Gott."

Eines Abends brechen die Sala, Yeamon und Kemp auf, landen in einem puertoricanischen Lokal, wo sie hoffen in Ruhe ein paar Flaschen Rum zu trinken und ein paar Steaks zu verzehren. Doch da baut sich eine Spannung zwischen Gringos und Einheimischen auf, und obwohl es nur um 11 Dollar 50 Cent und ein kleines Missverständnis geht, eskaliert der Frust der gegensätzlichen Kulturen. Nach einer Schlägerei landen die Amerikaner im Gefängnis, und müssen wegen Zechprellerei und Widerstand gegen die Staatsgewalt drakonische Haftstrafen befürchten. Zum Glück treffen sie während des Verhörs Moberg, den dauernd besoffenen Polizeireporter des Blattes, der die nötigen Hebel bewegt.

Dann ist da die kleine und rassige Chenault, die Kemp schon im Flieger nach Puerto Rico auf sich aufmerksam machen wollte und weshalb er einen alten Spanier verprügelte, nun Freundin von Freak Yeamon, und die drei möchten sich den besonderen Karneval auf St.Thomas anschauen, sprich, zwei Tage lang saufen. Abermals gerät etwas aus den Fugen. Thompson deutet nur an, dass sich die körperlich üppig ausgestattete Chenault mit einem Dutzend Puertos einlässt. Sex bleibt züchtig, der Plot dieses Romans ist der ewig fließende Rum, mal mit Eis, mal tropenwarm, die Dreieinhalbliter-Flasche für 75 Cent im Angebot oder das Glas für 50 Cent.

Das Buch ist Zeitzeuge der Karibik-Insel, der Stadt San Juan: "Das Rennen machen nicht die Schnellen, und die Schlacht gewinnen nicht die Starken, sondern diejenigen, die rechtzeitig zur Seite springen." Später löst sich alles auf: die Daily News schlittert in die Pleite, Chefredakteur Lottermann drückt sich um die ausstehenden Zahlungen - wo doch sein Tenor lautet: "Wie soll ich nur eine Zeitung machen mit lauter Saufköpfen?" Aer zum Schluss erwischen sie ihn auf einer Party und dann, nach dem Fiasko, entschwinden sie in alle Richtungen.

Hunter S. Thompson, dessen biographischer Roman Jahrzehnte vergessen irgendwo rumlag, bekommt heute, aus der Sicht der Ferne, die so sehr gesuchte "vierte Dimension". Rum Diary steht im Vorzeichen seines später begründeten Gonzo-Journalismus. Man kann das Buch gerne mit einer Flasche Rum genießen, on the rocks, weil es fließt, und wenn man schnell genug trinkt und im Fluss der Sprache liest, zergehen die Eiswürfel weniger als der Schweiß, "der eine Qual war, und der Rest des Tages war übersät mit den toten Überresten all der Dinge, die vielleicht hätten passieren können, aber der Hitze nicht standhielten."