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Die Box



Februar 2006 Manske
für satt.org

Bibiana Beglau und Falk Richter: GOTT IST EIN DJ von Falk Richter
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André Jung und Sylvana Krappatsch: WINTER von Jon Fosse. Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
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Bernd Moss: DER WEG ZUM GLÜCK von Ingrid Lausund.
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Alle erschienen in der Edition "sprechtheater" im Henschel Verlag

Die Hörspielreihe
sprechtheater:«

In der Edition "sprechtheater:«" bringt der Henschel Verlag seit einiger Zeit ausgewählte Texte als Höspielproduktionen auf den Markt. Im Herbst des letzten Jahres erschienen drei neue Tonträger, die die Qualität dieser Reihe ein weiteres Mal untermauern.

Cover

Der bereits 1999 als Buch erschienene Text "Gott ist ein DJ" von Falk Richter wird von Bibiana Beglau und dem Autor selbst gelesen. Es ist mittlerweile eines der meistgespielten Theaterstücke der jungen Dramatik, übersetzt in mehr als 15 Sprachen, und die "sprechtheater:«"-Produktion mit der eingespielten Musik verschiedenster Komponisten und DJs macht aus dem modernen Klassiker ein wunderbares Hörerlebnis. Besonders das Zusammenspiel von Beglau und Richter, die sich als Pärchen lieben und bekriegen, ist wunderbar. Der Musiker und die VJane, die ihr Leben live als Kunstprojekt an die Öffentlichkeit geben und die Kamera nur ausschalten, wenn sie zusammen ins Bett gehen – kann es ein besseres role couple für das untergehende 20. Jahrhundert geben? Fast schon nostalgisch, in Zeiten, in denen die zigste Staffel von "Big Brother" schon kein Schwein mehr interessiert.

Cover

Bernd Moss’ Soloprogramm "Der Weg zum Glück" hingegen, ein Text von Ingrid Lausund, kreist wie ein Hubschrauber auf dem Landeanflug immer um dieselbe Frage: Wer bin ich und was mach ich hier? Allerdings tut er das auf eine erfreulich komische Art und Weise. Der Ich-Erzähler befindet sich in einem running gag, den man auch Leben nennen könnte: Ein Geburtstag reiht sich an den anderen, ohne dass man an eben diesem Leben teilgenommen hätte. Da fällt das Ich eine Entscheidung: ab morgen wird alles anders, ab morgen wird man ein anderer sein. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Todesangst und Panik funken immer wieder dazwischen, wenn das Ich versucht, sich schöne Geschichten von glücklichen Menschen zu erzählen und am eigenen Geburtstag am Computer Punktetabellen für Canasta entwirft, ohne zu wissen, mit wem man – in Ermangelung von Freunden - im nächsten Jahr (oder überhaupt irgendwann) Canasta spielen sollte.
Panik macht sich breit. Doch wie lässt sich eine Panik in Schach halten? Indem man jemanden imitiert, der abends gemütlich in seinem Korbsessel sitzt und in einem Toskana-Bildband blättert? Indem man sich über seine gepflegte Küche freut und darüber, dass ein Knopf abgeht und man einen Knopfeinkauf planen kann, man also eine "kleine Sinneinheit" für den nächsten Tag hat? Der Versuch, einfach den unreflektierten Bauchmenschen zu geben, der nicht mehr ständig über alles und jeden und vor allem über sich selbst nachdenkt, geht dann aber auch in die Hose. Am Ende stehen die Worte "Ich fang noch einmal an". Man kann diesen (trotz der gelegentlichen Plattitüden) grandiosen Text also wunderbar in der Endlosschleife hören.

Cover

Ein weiterer Höhepunkt der Reihe ist das minimalistische Theaterstück "Winter" des norwegischen Autors Jon Fosse in der Hörspielfassung mit Sylvana Krappatsch und André Jung, nach einer Inszenierung von Jossi Wieler (letztere war im übrigen im letzten Jahr an den Münchner Kammerspielen zu sehen, wo auch die beiden Sprecher Jung und Krappatsch in der aktuellen Spielzeit fest engagiert sind). In diesem Text begegnet ein Mann in einer fremden Stadt einer fremden Frau auf der Straße. Sie spricht ihn an, bedrängt ihn beinahe, er nimmt sie mit auf sein Hotelzimmer und schläft mit ihr. Es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Der Mann beginnt Gefühle für die Frau zu entwickeln und bald schon verliert er sich in dieser Begegnung, verliert sein bisheriges Leben mit Frau und Kindern, setzt seinen Job aufs Spiel. "Winter" ist weniger ein handlungsreiches Theaterstück als vielmehr ein Spiel mit Worten und Andeutungen. Meist reichen gestammelte Worte wie "ja" und "nein" um verständlich zu machen, in welchen seelischen Situationen sich die beiden Akteure befinden. Als der Mann ernst macht und seine Familie verlässt, um ein neues Leben in einer neuen Stadt mit seiner neuen "Frau" zu beginnen, endet das Stück. Ob die beiden eine gemeinsame Zukunft haben bleibt offen; wichtig ist der Impetus des Hoffens auf dieses zukünftige Leben, das man dem bisherigen vorzieht. "So ist das nicht" sagt die Frau zum Schluss, und der Mann antwortet: "Alles ist so". Und trotzdem das naheliegende Scheitern in jedem der kurzen Sätze dieses Stückes mitschwingt - vielleicht stimmt es ja doch, das alles so ist und so geht, mit Mut zum Risiko und zum Neuanfang. Wie denn anders, wenn nicht so?