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Die Box



Januar 2006 Gerald Fiebig
für satt.org

Volker Strübing:
Das Paradies am Rande der Stadt

yedermann Verlag 2005

Umschlagmotiv

216 S., 12,90 €
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Marilpen, Marienstatuen und andere Monstrositäten

In Deutschland denken ja immer noch viele Leser, Science Fiction müsse so aussehen wie ein Perry-Rhodan-Heft. Der erste Roman von Volker Strübing räumt mit diesem Irrtum auf.

Das Umland von Berlin im Jahr 2042, lange nach dem Großen Schlamassel: Außerhalb der im Besitz eines indonesischen Konzerns befindlichen Matahari-Oase ("Stellen Sie sich einfach eine bewohnte Shopping Mall vor, die einen Sitz in der UNO hat"), wo die Menschen ihr Leben mit Dauerkonsum oder auf mit eigenem Geld bezahlten sinnlosen Arbeitsplätzen verbringen ("Rent-A-Job – gib deinem Leben einen Sinn!"), befinden sich nicht nur die Slums der Schlammstadt, sondern auch der schwarze, von einem künstlichen Regenbogen gekrönte schwarze Würfel von Eden.

Der Konzern Eden wurde von dem selbst ernannten Menschheitsbeglücker Edwin Ruben Lösser gegründet: Ein künstliches Paradies, in dem Menschen durch künstliche Stimulation ihres Glückszentrums das irdische Jammertal hinter sich lassen können – kostenlos und freiwillig, wobei sich der Zentralcomputer von Eden aber nicht scheut, chronisch unterfinanzierte Nazibanden als Seelen fangende Subunternehmer zu benutzen. Die Freunde der Menschheit, eine kleine Guerilla-Truppe aus der Aussteigersiedlung Wanheim, bekämpft Eden deshalb als Moloch, der den Menschen ihre Individualität raubt. Als ihnen unter mysteriösen Umständen eine Frau in die Hände fällt, die aus Eden ausgebrochen ist, scheinen sie vor dem entscheidenden Durchbruch zu stehen, denn noch nie hat jemand freiwillig das simulierte Paradies verlassen.

So weit die Grundsituation des Anfang Oktober erschienenen Romans "Das Paradies am Rande der Stadt". Sein Autor Volker Strübing, dem Berliner Publikum bekannt durch die Lesebühnen "LSD – Liebe Statt Drogen" und "Chaussee der Enthusiasten", wurde Ende Oktober in Leipzig auf dem National Poetry Slam zum "besten Storyteller 2005" gekürt. Sein erster Roman zeigt, dass er diesem Etikett nicht nur in kurzen Lesetexten gerecht wird, sondern auch auf einer längeren Strecke. "Das Paradies am Rande der Stadt" ist ein sehr lustiges Buch voller Action, Slapstick und Screwball-Comedy, zugleich aber auch spannend wie ein guter Krimi, weil bis zuletzt im Unklaren bleibt, wie der Kampf gegen Eden ausgehen wird.

Was die Komik betrifft, holt Strübing auch aus den Möglichkeiten des Science-Fiction-Genres das Maximum heraus, indem er satirisch überspitzte Lexikonartikel und Werbeanzeigen aus der Zukunft in den Text einmontiert, Zeitparadoxa in den Text einbaut (wenn er in einer Fußnote darauf hinweist, dass bestimmte Phänomene des Jahres 2042 "bereits Anfang des Jahrhunderts von Volker Strübing in seinem Roman Das Paradies am Rande der Stadt’ vorausgesagt" wurden) und sich selbst als alzheimernden Greis in der Besauferia "Zur schönen Aussicht" in einer Nebenrolle auftreten lässt.

Dabei ist der Roman aber keine 'Science-Fiction-Parodie' und auch kein postmodernes 'Spiel mit Versatzstücken des Genres', zumal die 'Versatzstücke', die im Buch vorkommen (der geniale jugendliche Hacker; der Supercomputer à la HAL, der sich gegen seine Schöpfer wendet), sich längst und mit gutem Grund zu kulturellen Archetypen unserer Zeit weit über den Kreis der Science-Fiction-Kenner hinaus entwickelt haben.

Vielmehr handelt es sich um einen höchst unterhaltsamen Roman, der bei allem Witz sehr ernsthafte Fragen zu Themen wie Arbeit, Privatisierung ("Ich liebe es ist ein eingetragenes Warenzeichen von McDonald’s."), Genpatenten, globalem Kapitalismus, Religion und virtueller Realität aufwirft.

Das zu schaffen, ohne zu moralisieren, ist meines Erachtens Science-Fiction-Romanen vorbehalten, wie die große Tradition von Autoren wie Kurt Vonnegut, Philip K. Dick, J.G. Ballard oder John Brunner belegt. Wie schön, dass es mit Volker Strübing nun einen deutschen Autor gibt, der die zeitdiagnostische Kraft solcher Science Fiction mit dem Humor eines Matt Ruff, Douglas Adams oder eben Kurt Vonnegut kombinieren kann.