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Oktober 2005 Gerald Fiebig
für satt.org

Bert Papenfuß:
Rumbalotte

199August 2002
Urs Engeler Editor 2005

Bert Papenfuß: Rumbalotte

Gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 19 Euro
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Bert Papenfuß:
Rumbalotte continua

1. Folge
Verlag Peter Engstler

Bert Papenfuß: Rumbalotte continua br, 44 S., 8 €
Bert Papenfuß:
Rumbalotte continua

Karin Kramer Verlag 2005, Großformat, 50 S., 10 €

Kapitalflussabwärts auf Kaperfahrt

Käpt’n Papenfuß wirft neue Flaschenpost in die Untiefen des Lyrikbetriebs

Bert Papenfuß, Verfasser „schwieriger Lyrik“ (Papenfuß über Papenfuß), Mitherausgeber einer Zeitschrift „gegen Politik“ und einziger bekennender Anarchist in der deutschen Literaturlandschaft, feuert eine neue poetische Breitseite ab. Liegt der letzte umfangreichere Gedichtband „SBZ“ (den der Rezensent für Papenfuß’ bestes Buch hält) immerhin schon sieben Jahre zurück, erschien in den letzten Monaten gewissermaßen ein Doppelband in zwei verschiedenen Verlagen: Neben der umfangreichen Sammlung „Rumbalotte“ (Urs Engeler Editor 2005) legte der Verlag Peter Engstler bereits Ende 2004 „Rumbalotte continua. 1. Folge“ vor – ein „Prequel", das vermuten lässt, Papenfuß habe sich mit dieser Piratenlosung ("hoch die schotte, zu die schotte, rumbalotte / fickt die fotte, gott zum spotte, rumbalotte / kommt zu potte, her die grotte, rumbalotte") ein neues poetisches Schibboleth geschaffen, ein Ein-Mann-Einheitsfrontlied, einen postkommunistischen Rotfrontgruß, der ihm als Folie auch für künftige Attacken gegen den Zeitgeist dienen wird: Im Karin Kramer Verlag ist pünktlich zur Buchmesse bereits eine weitere Folge erschienen.

Der charakteristische Papenfuß-Sound, der sich aus Witz und Wut, Edda und Punkrock, Mundart-Slang und Merseburger Zaubersprüchen speist, gibt sich in „Rumbalotte“ häufig die Form revolutionärer Sea-Shantys: Aus der Geschichte der legendären „Gleichteiler“ um Klaus Störtebeker bastelt sich Papenfuß die Vision einer anarchokommunistischen Guerillamarine, die statt der mittelalterlichen Ostsee doch bitte auch das unter kapitalistischen Vorzeichen osterweiterte Europa aufmischen solle. (Das erstmals in der Anthologie Lyrik.Log auf satt.org veröffentlichte Gedicht „der kampfbund der feinde der hansestädte“ ist programmatisch für diese Textgruppe.) Das bietet Raum für viele kernige, klar auf unsere Gegenwart bezogene Kampfslogans, die sich innerhalb des zeitenthobenen Piratengarns aber elegant vor dem Abrutschen in plumpe Agitprop-Lyrik retten lassen.

Der schön komponierte (und dank EU-Osterweiterung in der Tschechischen Republik, auch für einen Nischenverlag erschwinglich, als gediegenes Hardcover gedruckte) „Rumbalotte"-Band besticht nicht zuletzt durch die beiden als „Zwischenspiele“ eingeschalteten lyrischen Prosatexte. Sie bringen in einer neuen stilistischen Variante zum Vorschein, was Papenfuß’ Lyrik auszeichnet und sie zu einer einzigartigen Erscheinung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur macht: Eine radikal gegen die bestehende Gesellschaftsordnung gerichtete Haltung, die sich nicht in realpolitischen Petitessen verliert, sondern sich, genuin poetisch, in einem lustvoll-aggressiven Umgang mit Sprache ausspricht: „Protest, Revolte, Revolution. Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, Grundeigentum und Geld. Abschaffung der Prostitution und des Trauergottesdienstunwesens. Zinsverbot. Reklameverbot. Hundeverbot in den Städten. Relevanz- und Tiefenschärfekontrolle der Massenmedien. Wirtschaftsprüfung der sogenannten Hochtechnologie. Das sollte für den Anfang reichen. Los geht’s!"

Vielen Dichtern geriet die verbalradikale Ausfälligkeit gegen die Zumutungen der Moderne zu apolitischem Hader mit der zeitlosen condition humaine oder zu faschistoid grundiertem Kulturpessimismus – oft auch beides zugleich. Papenfuß, der sich nicht umsonst mit seiner Zeitschrift Gegner um eine Gegengeschichtsschreibung revolutionärer Strömungen außerhalb des (prä-)stalinistischen Kaderkommunismus bemüht, lässt in seinen neuen Büchern jedoch keinen Zweifel daran, im Namen welcher Utopien er das Bestehende kritisiert: Das Gedicht „fäulnis & verwesung“ ist eine über weite Strecken hochtheoretisch klingende marxistische Kapitalismuskritik, und „KAPD“ ist ein nicht minder wissenschaftlich daherkommender Abriss der Geschichte der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands ("arbeiterkomischen / schlandpardeuts / teimunist / streng").

Wer überrascht ist, Papenfuß’ „explicit lyrics“ neuerdings (unter anderem) im Programm von Urs Engeler zu finden, dem vermögen gerade diese Texte auf die Sprünge zu helfen. Deutlicher noch als in vielen anderen Texten zitiert, montiert, reflektiert Papenfuß hier Textvorlagen, wobei er die Grenze zwischen Hommage und Persiflage oft bewusst verwischt. (Das Langgedicht „Gryf Pomorski dreht am Rad der Geschichte“ aus „Rumbalotte continua“ listet hingegen mit großer Akribie die Quellen auf, mittels deren es die nationalen Identitäten von Polen und Deutschen als Ideologie entlarvt.) Das Sprachmaterial der linksextremen Tradition ist für den Dichter Papenfuß also eine „Fachsprache“ unter mehreren (im Sinne seines Labelmates Ulf Stolterfoht, dessen dritter „fachsprachen"-Band auf satt.org jüngst von Tobias Lehmkuhl gewürdigt wurde), deren sich seine Sprachkunst bedient. Diese Verfahrensweise, zusammen mit dem ihr eigenen selbstkritischen Sprachwitz, passt ausgezeichnet zum sprachreflexiven Profil von Engeler-Autoren wie Pastior, Waterhouse und Stolterfoht. Oder, mit großer Geste formuliert: Bert Papenfuß weiß, dass die politische Sprengkraft der modernen Lyrik auch in ihren späten Ausläufern nicht ohne deren sprachreflexive Haltung zu haben ist.