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Die Box



Oktober 2005 Marc Degens
für satt.org

Detlef Opitz: Der Büchermörder. Ein Criminal
Eichborn Verlag, Berlin 2005

Umschlagmotiv

356 Seiten, 24,90 €
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Detlef Opitz:
Der Büchermörder

Auf dem Weg in die Masuren lernt ein Tramper aus der DDR im Sommer 1978 in Warschau eine Rucksacktouristin kennen, die, wie sie sagt, aus Frankfurt am Main kommt. Die zwei reden über die verschiedenen Staatssysteme, doch das Gespräch ist unaufrichtig und wird von den eigenen Rollenerwartungen beherrscht. Am Ende lädt sie ihn in ihr Zelt ein, Alkohol fließt, er vergewaltigt sie. Am anderen Morgen erwacht der Tramper elend: „Felizitas schlief noch, friedlich: zufrieden. Leise suchte ich meine Sachen zusammen. Angst dabei, sie würde mich auf der Flucht erschießen. Geradezu selbstgefällig, wie sie da lag, flüchtig mit einem Schlafsack bedeckt. Dummer Bunditourist! Tourist wie fast alle! : Politiker werfen noch fliehend Bomben: ich brauchte Westgeld. Ich brauchte es nicht, doch so einfach weggehen, das kann kein Sieger! Ihre Umhängetasche. Ihre Briefmappe. Ihr …: blauer Personalausweis! Blau wie meiner, ausgestellt in Potsdam. Felizitas Kannegießer, Juri-Gagarin-Allee."

Die vierzehnseitige Geschichte „Fliehend Bomben“ von Detlef Opitz ist eine der verstörendsten Erzählungen über die Befindlichkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen vor dem Mauerfall. Der Autor wurde 1956 in Steinheidel im Erzgebirge geboren, lebte als Schriftsteller ohne Werk in der DDR, und verdiente seinen Lebensunterhalt als Bibliothekstechniker, Buchhändler, Kellner, Puppenspieler, Verkäufer und Briefträger. Die Geschichte „Fliehend Bomben“ wurde bereits Anfang der 80er Jahre geschrieben, erschien aber erst 1990 mit weiteren Erzählungen und Kurztexten in Detlef Opitz’ Prosadebüt „Idyll“ im Mitteldeutschen Verlag. Über die vergeblichen Mühen, seine Texte zuvor in der DDR erscheinen zu lassen, gibt nicht nur das Nachwort, sondern auch der in dem Buch abgedruckte, aberwitzige, knapp vierzigseitige Auszug aus dem mehrjährigen Briefkrieg zwischen Opitz und verschiedenen Behörden der DDR Auskunft. Es ist ein unfaßbares und unfreiwillig komisches Dokument aus einer Kunst und Künstler zerstörenden Zeit, die Opitz sogar eine Verurteilung wegen „gesellschaftlichen Mißverhaltens“ einbrachte.

Sechs Jahre später, rechtzeitig zum 450. Todestag des Reformators, erschien im Göttinger Steidl Verlag Opitz’ Romanerstling, die Martin-Luther-Phantasie „Klio, ein Wirbel um L.". Es ist ein knapp 200 Seiten langer, wild zusammengeflunkerter Biographie-Entwurf voll derbem Spott und wüsten Zoten und einem ebenso umfangreichen, gelehrig-dreisten Anmerkungsapparat mit vielen Anspielungen auf Schriftstellerkollegen und Seitenhieben auf die Nachwende-Gegenwart. Die arnoschmidtsche Diktion der früheren Werke ist zugunsten eines kräftigen, freien und äußerst erfindungsreichen Luther-Deutsches zurückgetreten, ein Stil, den auch Thomas Kapielski in seinen Büchern oft und meisterhaft verwendet. Ohne Zweifel zählt „Klio, ein Wirbel um L.“ mit seinen zwei Lesebändchen zu den bemerkenswertesten, eigenwilligsten und hübsch gestaltetsten deutschsprachigen Romanen der letzten Dekade, der seinerzeit aber leider nur wenig und kaum außerhalb des Literaturbetriebs wahrgenommen wurde. Ähnlich erging es übrigens auch Opitz’ Verlagskollegen Michael Rutschky mit dem meisterhaften Großessay „Lebensromane“ (1998) und Stephan Wackwitz mit seiner Romansatire „Walkers Gleichung“ (1996).

Maßgeblichen Anteil am Entstehen von Detlef Opitz’ zweitem, soeben im Eichborn Verlag erschienenen Roman hat, wie der Leser zu Beginn des Buches erfährt, sein alter Verleger. Im Laufe der Nachforschungen zu einem von Gerhard Steidl angeforderten kurzen Text über Goethe stieß Opitz auf einen gewissen Johann Georg Tinius (1764-1846), einen sächsischen Pfarrer und laut Lexikon „Räuber und Mörder aus Büchersammelwuth". Sieben Jahre lang recherchierte Detlef Opitz zu diesem Thema, besuchte Archive, studierte Gerichtsakten … den Text über Goethe lieferte Opitz nicht ab, dafür nun endlich, neun Jahre nach Erscheinen seines ersten Romans, diesen wundervollen und wunderlichen, rund 350 Seiten dicken Schmöker.

"Der Büchermörder“ nähert sich dem kriminellen Bibliophilen, der zur Finanzierung seiner Sammelsucht nicht nur Kirchengelder unterschlagen, sondern auch zwei Morde begangen haben soll und in einem spektakulären, mehr als zehnjährigen Indizienprozeß 1823 zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, auf vielerlei Weise. Zum einen rollt Opitz in seinem Roman den Fall neu auf, präsentiert Zeugenaussagen, Vernehmungsprotokolle und belastende Kassiber des die Taten zeitlebens leugnenden Angeklagten, andererseits aber bemüht sich Opitz auch um eine Typisierung von Tinius’ Charakter und präsentiert Zeitungsartikel über mordende Pfarrer, beschreibt andere Büchersammler und verfolgt die Spuren früherer Tinius-Forscher bis nach Amerika. Und zu guter Letzt ist Detlef Opitz selbst ein Bücherschwärmer und begeistert sich in seinem Buch für einzelne Stücke der Sammlung des Magister Tinius, die nach dessen Verurteilung zwangsversteigert und in alle Winde verstreut wurde.

Ebenso abwechslungsreich ist der stilistische Reichtum des Buches. Opitz spricht viele Sprachen, Dialekte und Stimmen, er springt vom Amts- und Kanzleideutsch zum Kneipengespräch der Gegenwart und eröffnet auf vielen Druckseiten mit Randbemerkungen zusätzliche Sprach- und Textebenen. „Der Büchermörder“ ist zwar kein geradliniger Kriminalroman, ganz im Gegenteil, aber ein spielerisches „Criminal“ und für Freunde der Literatur und deutschen Sprache ein großer Spaß. Das Buch beginnt mit einem lateinischen Vorsatz, es folgen ein Schopenhauer-Zitat in Spiegelschrift, eine Widmung, ein Motto, zwei Prologe …. so vergehen dreißig Seiten. Selbst die klein- und enggeschriebene Danksagung am Ende des Romans beansprucht gut acht Seiten für sich und ist der letzte der vielen Höhepunkte des Buches. In ihr findet Opitz Gelegenheit, auf die „blutlosen feuilletonschnecken und -pimmel“ zu schimpfen, sich über einen früheren Leiter des New Yorker Goethe-Instituts, der ihn um einen Teil seines zugesagten Honorars geprellt haben soll, zu beklagen, und sogar eine persönliche Verfehlung – den Aktendiebstahl während eines Archivbesuchs – zu gestehen: „das für mich wichtigste [Dokument] darunter war die scheidungsklage der frau tinius. leider mußte ich sie stehlen, weil, wie gesagt, meine zeit nicht für die entzifferung & eine zuverlässige übertragung ins heutige schriftdeutsch reichte. die klageschrift liegt heute, in feines tuch gehüllt, in einer häßlichen und überproportional großen dokumentenmappe, die ich eigens dafür anschaffte, sie wartet derart wohlbehütet auf eine gelegenheit, zurückgeschmuggelt zu werden.“ Angesichts der vermeintlichen Verbrechen des Magister Tinius nimmt sich diese Untat allerdings harmlos aus.