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Mai 2005 Lothar Glauch
für satt.org

Michel Leiris: Spiegel der Tauromachie eingeleitet durch Tauromachien
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2004

Michel Leiris: Spiegel der Tauromachie …

Mit Zeichnungen von André Masson.
Aus dem Französischen von Verena von der Heyden-Rynsch

148 S., 19,80 €
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Michel Leiris:
Spiegel der Tauromachie eingeleitet durch Tauromachien

Auch der Stierkampf hat eine philosophische Seite. So zeigt Michel Leiris (1901-1990) beispielsweise auf, was den Schriftsteller und den Torero verbindet. Es war eine intellektuelle Spezialität des Franzosen, ungewöhnliche Bezüge herzustellen, und so hat er auch in "Spiegel der Tauromachie" eingeschliffene Denkgewohnheiten gegen den Strich gebürstet.

Leiris verfasste "Spiegel der Tauromachie" kurz vor dem zweiten Weltkrieg, und der Geist dieser Zeit ist im Hintergrund des Textes zu erahnen. Obwohl Leiris auf aktuelle Themen nicht eingeht, zeigt sein Bemühen, den Akteuren im Stierkampf die Rollen von Gut und Böse zuzuweisen, sowie menschliches und tierisches Verhalten zu klassifizieren, ein Zwiegespräch mit dem Zeitgeist an. Aber Leiris agiert nie eindimensional. Das Polarisieren ist ihm fremd, er versucht, das Thema von vielen Seiten zu beleuchten. So ist der "Spiegel der Tauromachie" in Wahrheit ein Panoptikum: Der Leser kann sich in ihm mal als Zuschauer, mal als Torero und mal als Stier erkennen.

Die Neuauflage des Matthes & Seitz Verlag Berlin besticht insbesondere durch ihre optische Gestaltung: Die Illustrationen von André Masson fügen sich thematisch bestens in den Text ein, und das Schriftbild ist ebenso geschmackvoll wie großzügig gesetzt. Insbesondere das selten gebrauchte Quartformat erweist sich für diese zweisprachige Ausgabe als bestens eignet: Auf der linken Seite findet man das französische Original abgedruckt, auf der rechten hingegen die deutsche Übersetzung von Verena von der Heyden-Rynsch.

Wer mit Leiris' Werk vertraut ist, weiß um den essayistischen Charakter seiner Prosa ("Die Spielregel", "Krempel"). Ebenso mischförmig gestalten sich seine Betrachtungen zum Stierkampf. Als kurze Einleitung fungieren die Prosasplitter der "Tauromachie", Fragmente, in denen die wichtigen Fachbegriffe eingeführt, mitunter erläutert, mitunter poetisch ausgekleidet werden, zum Beispiel den Torero:

"In den Schleier der Göttin gehüllt setzt der Torero seinen Fuß auf den Gefahrenherd. Ganz in Gefahr gekleidet, Schleier, der ihn umschließt und schützt."

Dem folgt die intensive Auseinandersetzung mit der "Tauromachie" (manchmal auch "Tauromaquia"). Die Surrealisten hatten dieses Thema für die Kunst neu entdeckt. Allen voran Picasso, dessen Radierung "Minotauromachie" 1935 den Stiermenschen als Ungeheuer zeigt, das den Menschen das Fürchten lehrt – aber auch Matisse oder Masson haben sich dem Thema immer wieder zeichnerisch angenähert. Michel Leiris schließlich brachte die Tauromachie in poetische Form: "Spiegel der Tauromachie" entstand 1937 in der Provence.

Leiris wählte hierfür einen ungewöhnlichen Themenaufschluss: Zwar spricht auch er von dem Stier als dem tierischen Halbgott, der bei den spanischen corrida de toros öffentlich hingerichtet wird, aber verzichtet bewusst auf die mythische Geschichte von Zeus, der in Stiergestalt die Prinzessin Europa nach Kreta entführte, auf jene Insel also, von der erstmals von den Stierspielen berichtet wurde. Sogar Theseus, der den Stiermenschen Minotauros niedergestreckt haben soll, bleibt unerwähnt.

Obgleich auch die heutigen Stierspiele in diesen Mythen verwurzelt sind, vermeidet Leiris die Kulturanthropologie. Er konzentriert sich vielmehr auf den Kampf Mensch gegen Tier und die Koketterie des Toreros mit dem Tod. Doch selbst hier bleibt Leiris seiner bewährten Mischung aus Verallgemeinerung und Konkretisierung treu:

"Gewisse Orte, Ereignisse oder Gegenstände, gewisse sehr seltene Umstände erwecken in uns das Gefühl, wenn sie plötzlich vor uns auftauchen oder wir in ihnen verstrickt sind, daß ihre Funktion im allgemeinen Weltlauf darin besteht, uns mit dem in Kontakt zu bringen, was es in uns am Ureigensten gibt und was gewöhnlich völlig verschwommen, wenn nicht geheimnisvoll verborgen ist."

Für Leiris ist der Stierkampf nicht nur ein tödliches Spiel von Flucht und Angriff, das in einem festlichen Rahmen zelebriert wird. Wortgewandt und detailreich setzt er sich mit der Ästhetik der Corrida auseinander, wobei er neben dem dramatischen auch den voyeuristischen und den katharsischen Charakter dieser Veranstaltung diskutiert.

Und hierbei beweist Leiris einmal mehr seine unkonventionelle Denkungsart. Es läge nahe, hinter all diesen Erscheinungsbildern den Thanatos auszumachen, aber Leiris will das zentrale Motiv der Corrida nicht in dem Todesstoß suchen, wenn der Torero den Degen in den Nacken des schmerzgebeugten Tieres stößt.

Leiris fokussiert lieber den Eros, der sich in jenen schnellen Bewegungen manifestiert, wenn der Torero dem noch nicht erschöpften Stier die rote Capa vor dem Kopf schwenkt, ihn links und rechts an sich vorbeiführt, und dabei nur um Haaresbreite dessen Hornstößen entgeht. Und in dieser Figur drücken sich auch vier Leirissche Leitgedanken aus: Die Annäherung, der Tanz, die Gefahr – und der Eros.

Doch auch Thanatos bleibt nicht gänzlich ausgeklammert. In diesem Zusammenhang wird Leiris’ Vergleich von Schriftsteller und Torero besonders gerne erwähnt. Der Franzose zeigte sich von jenen Autoren beeindruckt, die in ihrem Leben und Wirken den Tod herausforderten, um eine Grenzerfahrung zu machen. Und manche scheiterten auch, zum Beispiel Leiris' Vorbilder de Nerval oder Raymond Roussel. Beide nahmen sich das Leben.