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Die Box



März 2005 Stan LaFleur
für satt.org

HEL:
Trostlied für Nada
KRASH Neue Edition, Stahl-Verlag, Köln 2005
Herausgegeben von Tom Schulz, mit einem Nachwort von Björn Kuhligk

HEL: Trostlied für Nada

ISBN 3-937846-02-6
80 S., 8,50 Euro

HEL in der SuKuLTuR-Leseheftreihe:
NA55PO3M

HEL:  NA55PO3M

HEL – Ein Portrait


Belgiernachschlag

Seit bald dreißig Jahren streut HEL, Berliner belgischer Abkunft, seine Gedichte vornehmlich in zahllosen Untergrund-Publikationen und diversen Einzelbänden bei Klein- und Kleinstverlagen. Völlig unbeachtet von Betrieb und Feuilleton üben seine eigenwilligen Texte seitdem maßgeblichen Einfluß auf weite Teile nachrückender Dichtergenerationen aus. Nun ist mit "Trostlied für Nada", das von Tom Schulz für die neue Kölner Lyrikreihe im Stahl-Verlag (ehemals KRASH) zusammengestellt wurde und eher kürzere Texte aus mehreren Schaffensperioden kompiliert, sein erstes Taschenbuch erschienen. Höchste Zeit, sein bis dato entstandenes Werk etwas näher zu beleuchten.

Mit liedhaften Texten begann HEL im Jahr 1977, angeregt durch Texte von Bob Dylan, Bertolt Brecht und Charles Bukowski, sein Werk, das bis heute rund 1500 Schreibmaschinen-Seiten Lyrik umfaßt, die auf schier enzyklopädischem Wissen ebenso wie auf Erfahrungen in den Straßen seiner diversen Aufenthaltsorte gründen. An der Weltlyrik fast aller Epochen und Regionen geschult, verfügt HEL über eine handwerkliche Bandbreite, die in dieser Form äußerst selten in einem einzigen Werk anzutreffen ist. Bekannte und weniger bekannte Metren transportieren seinen bisweilen überbordenden, stets am tatsächlichen Leben orientierten Mix aus lexikalischer Mottenkiste und modernem Jargon, der auf allesbestaunender Archäologie gründend ozeanische Spannungsfelder webt, plastische, klein- und großflächige Texte, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchmengen.

Ähnlich verwoben sind HELs Schaffenszyklen. Anschließend an die frühen Lieder entsteht, eingeleitet von Balladen über den Hundertjährigen Krieg, hauptsächlich in den 80ern eine wortgewaltige Nachtfahrt durch die Geschichte, an deren weniger bekannten Schauplätzen der Dichter ausführlich verweilt. In der Regel läßt er kleine, geschlagene und vergessene Helden zu Wort kommen: Zweifelnde Badesklaven, erfinderische Bäuerinnen oder den Wollkämmer Lioncino, dessen Morgenansprache an seinen Sohn während einer Erwerbstätigkeit HELs als Reinigungskraft auf einem Heizungsrohr als Schreibunterlage entstand. Zig Langgedichte gehören diesem bisher unveröffentlichten Werkblock an, darunter auch das über den Fesselballonpionier Cassivellaunus:

" ( …) Grenzgänger sind wir wächter der elemente / Bronzene spiegel aus Bedfordshire trugen wir und den / schild mit eulenaugen von Thamesis / eingelegt in farbigen glasfluß den geist zu tränken / geweiht in der warte von Stonehenge / Wo war ich stehn geblieben? ja / flieger des feuers sind wir und was ist die luft als / dünneres kühleres feuer ( …)"

In seinen historischen Texten klärt der Dichter die Grundlagen des Wissens und menschlicher Verhaltensweisen. Krieg und Verbrechen finden ihre lyrische Widergabe ebenso wie erhabene und schöne Leistungen, am besten in einem Atemzug.

Ein weiterer Zyklus, der bis Ende der 90er ensteht, beschäftigt sich mit der jüngeren Vergangenheit, die bis in die jeweilige Gegenwart reicht. "Den globalen Umweg" nennt HEL diese Periode, in der er von Kriegswitwen, Autobahnbauern oder stillen Beobachtern des Halbweltmilieus berichtet, von Geschehnissen aus der direkten Umgebung (wie etwa in seinem Langgedicht "Im Altamiracafé" über die atomare Bedrohung während des Kalten Kriegs) und solchen, die, in der Ferne entstanden, als Nachrichten kursierten. Wissenschaftliche Errungenschaften fließen ins Werk, plötzlich schießen Neutrinos durch die Zeilen, die durchaus zugleich am häuslichen Herd angesiedelt sein können, die Koordinaten dieser Lyrik scheinen unermeßlich, neuromantische Lieder über Natur und Stadt stehen gleichberechtigt neben humoristisch gefärbten Sonetten und anderen tiefgründigen Albernheiten, des Dichters Katze nimmt ihren gebührenden Platz im Werk ebenso ein wie die Arbeitslosenmaschine der verdoppelten Republik. Derart abgemischtes Geschehen weist auf die alte brauchbare Erkenntnis, daß alles, was der Fall ist, zusammenhängt, fließt und zyklisch geordnet scheint.

Ein massiver, derzeit noch wachsender Werkblock, überschrieben mit "4chen", ist einzig nach dem formalen Kriterium der herangezogenen Versschmiede-Technik benannt. Darunter zählt HEL die titelgebenden Vierzeiler nach dem Rubay-Schema altpersischer Dichtung, aber auch seine "ellefenten", Elfzeiler natürlich, die wie die Vierzeiler (letztere teilweise in Kooperation mit Dichterkollegen), zu grotesken Textfresken wachsen, sowie klassische Distichen, meist als zweizeilig-lyrische Aphorismen. Gleich ob früh- oder neuzeitlich, europäisch oder exotisch, Sonett, Ghasele, Pantum oder Haiku – es existieren kaum gängige Versformen, die HEL nicht erprobt hätte.

Nach den Reisen durchs Weltwissen ist HEL im neuen Jahrtausend vorerst zurück bei seiner Heimat angelangt. Die "Lammesheider Lyrchen" betitelten Erinnerungen an seine Eifel- bzw. Ardennenjugend spielen im Großraum des Aachener Dreiländerecks. Gerne benutzt HEL hierfür den urdeutschen Vierzeiler mit simplen AB-Reimschemata – und bezeichnet diesen jüngsten Werkkomplex als seine "basement tapes" und den Chanson, "aus welchem Material auch immer", als "einen Augenblick der Wahrheit", woran der Dichter nunmal zu arbeiten habe:

"Das war unsre erste türkin / Tut mir leid das mädchen stank / saß da wie ne graue schwester / auf der klassenaussatzbank // Hat nicht mitgespielt und schrieb nur / schrieb nur mit und sprach kein wort / schwarze haare auf den armen / und womöglich nicht nur dort // Und ich träumte jahre später / und der traum war ziemlich fies / wie ich ihr nen schnurrbart zwirble / Keiner weiß mehr wie sie hieß"

HEL ist Hauptpseudonym von Herbert Laschet, der 1957 in der deutschsprachigen Enklave Eupen-Malmedy in Ostbelgien zur Welt kam und gelegentlich auch andere Pseudonyme verwendet. Über Frankfurt am Main, Aachen, Köln, Hamburg und Düsseldorf zog es ihn 1990 nach Berlin, auf den Prenzlauer Berg, wo er oberhalb der Geräuschgrenze den Nächten magische Verse abzapft. Als Belgiernachschlag bezeichnet HEL eine reichliche zweite Essensportion: Nach einigen kleineren Einzelpublikationen bei u. a. SuKuLTuR, der edition roadhouse und einer geheimnisumwobenen Werkausgabe in progress bei Caroline Hartge, erschien im März 2005 "Trostlied für Nada" im kölner Stahl-Verlag.