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Die Box



01-April 2005 Frank Fischer
für satt.org

Webseite des Panorama-Musums

Wir vom Café

Gelegenheitslyrik und ihre Auslegung


Das schlechteste Gedicht aller Zeiten ist in deutscher Sprache geschrieben. Es handelt vom »Café P.«, dem Museumscafé des Panorama-Museums bei Bad Frankenhausen im Kyffhäusergebirge. Das lyrische Kleinod ist seit mehreren Jahren auf einer Unterseite der Website des Museums einsehbar. Es besitzt keinen Titel, sein Autor ist nicht näher bezeichnet:

Seien Sie herzlich willkommen im "Café P." des Panorama Museums.
Vor oder nach dem Besuch des Panorama Museums sind Sie gern bei uns gesehen.
Kaffee, Kuchen oder Eis - gibt es schnell auf Ihr Geheiß.
Wollen Sie "gut" essen - ist das nicht "Vermessen".
Ein gutes Essen braucht natürlich "seine Zeit".
Deshalb ein gut gemeinter Rat - haben Sie für "Ihr" Essen einfach etwas Zeit.
Sollte es "sehr schnell" gehen - dann wählen Sie für "schnell" - bedächtig aus,
dann wird auch "da was" draus.
Die regionale Thüringer Küche - das ist unser Metier.
Ihr kleines Team vom "Café P."

Dieses Stück naiver Dichtung soll in diesem Beitrag nicht als leichtes Opfer für einen exemplarischen Verriss herhalten, sondern als Artefakt verstanden und interpretiert werden.

Vorsicht, Kunst!



Panorama-Museum
Panorama-Museum
Quelle: Wikipedia


Das Panorama-Museum wurde gebaut, um Werner Tübkes monumentales Rundgemälde »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« angemessen präsentieren zu können. Im Eingangsbereich unterhalb des Rundbaus, der von Besuchern »Elefantenklo« genannt wird, hat auch ein Café Platz.

Das Museum ist so weit abgelegen, dass es keinen anderen Grund für den Besuch im Museumscafé gibt als die Besichtigung von Tübkes Bauernkriegspanorama. Das oben zitierte Gedicht soll die Botschaft transportieren, dass man als Kunsttourist auch im Museumscafé angemessen behandelt wird, die Geste ist eindeutig: Sobald man sich einem Museum nähert, hat man überall Kunst zu erwarten. Auch auf der Begrüßungsseite der Homepage des Museumscafés.

Neulich hat Ijoma Mangold in der »Süddeutschen Zeitung« (5. März 2005) ein paar Holocaust-Gedichte Rolf Hochhuths ohne weitere Begründung verrissen. Sie seien »so schlecht, dass es einen förmlich aus den Latschen haut«. Aus den Latschen hauen einen die »Café P.«-Verse natürlich auch, und normalerweise würde man sagen: gut, Gelegenheitsgedicht, Gebrauchslyrik, Schwamm drüber.

In diesem Gedicht aber wurde wirklich alles falsch gemacht, was man in zehn Zeilen falsch machen kann, es ist so systematisch misslungen, dass es schon wieder den Charme eines Artefaktes naiver Kunst verströmt, wie zum Beispiel auch die Bilder des »Zöllners« Henri Rousseau, der ja nicht ohne Grund von Picasso & Friends gnadenlos verkultet wurde.

»Welcher Anblick wäre kläglicher als der des Lebens, wenn es sich in der Kunst versucht?«, fragt Tonio Kröger in Thomas Manns Erzählung und echauffiert sich über einen Leutnant, der sich einmal bei Tisch erhoben und eigenfabrizierten lyrischen Schund vorgetragen hat. Die Existenz des Gedichtes von einem dahergelaufenen Café-Poeten ist aber kein Grund, eingeschnappt zu sein. Gedichtinterpretationen untersuchen Wirkungen, auch die von offensichtlichen grammatischen und inhaltlichen Fehlern, von Kakophonie und Talentlosigkeit.

Die zehn Zeilen lassen sich in fünf Zeilenpaare einteilen, die hier separat untersucht werden sollen.

Seien Sie herzlich willkommen im "Café P." des Panorama Museums.
Vor oder nach dem Besuch des Panorama Museums sind Sie gern bei uns gesehen.

Die ersten beiden Zeilen sind offenbar noch nicht als Gedicht gemeint. Beim Lesen bemerkt man nach einigen schwungvollen Daktylen einen schönen Hexameterschluss am Ende der ersten Zeile (betont wie »Náthan-der-Wéise«), die aber einfach zwei Versfüße zu lang für einen Hexameter ist, ganz zu schweigen von der Folgezeile. Diese beiden Prosazeilen haben einleitende Funktionen: Wer ist der Adressat? (Wir Kunsttouristen.) Worum geht es? (Um die Animation zum Besuch des Museumscafés.) Wer spricht? (Wir vom Café.)

Kaffee, Kuchen oder Eis - gibt es schnell auf Ihr Geheiß.
Wollen Sie "gut" essen - ist das nicht "Vermessen".

Zwei Verse, zwei Reime. Die Schwere, die Trochäen immer signalisieren, wird hier durch die Häufung des hellen Vokals »e« ausgeglichen. Wir haben es demnach mit zwei hellen, fast volksliedhaften Versen zu tun, die rechtschaffen sein wollen wie »Das Wandern ist des Müllers Lust«. All das wäre erschöpfend zu verstehen, wenn da nicht die Anführungszeichen um die Wörter »gut« und »Vermessen« [sic!] für Irritation sorgten. Diesen Strichen, die ein »sozusagen« signalisieren sollen, ein »nicht wirklich«, begegnet man noch häufiger im Gedicht. Schon an dieser Stelle sind sie völlig unnötig. Was ist denn der Unterschied zwischen gut essen und »gut« essen? Wird man in dem Café »vergiftet«? Das dann natürlich auch nicht. Das »gut« in Anführungszeichen soll vielleicht bedeuten, dass das mit dem gut essen nicht ernst gemeint ist. »Gut« essen kann man hier eigentlich nicht, ist ja »nur« ein Café und kein gutbürgerliches Restaurant mit Hirschgeweihen über den Tischen. Gibt eh nur »Kaffee, Kuchen oder Eis«.

Ein gutes Essen braucht natürlich "seine Zeit".
Deshalb ein gut gemeinter Rat - haben Sie für "Ihr" Essen einfach etwas Zeit.

Diese beiden Zeilen sind pure Anti-Poesie, ganz und gar »gegen die Poesie gerichtet« (Novalis über Goethes »Wilhelm Meister«). Dabei geht es eigentlich gut los mit einem vorbildlich gebauten Alexandriner-Vers, der sogar eine Mittelzäsur aufweist. Aber dann! Die Folgezeile lässt sich zunächst mal ziemlich schlecht lesen, weil zweimal zwei betonte Silben aufeinanderprallen. Der identische Reim (»Zeit« – »Zeit«) versaut den Klang dann völlig.

Inhaltlich regiert das Schulmeisterliche. »Deshalb ein gut gemeinter Rat«: so etwas sagt ein Mafia-Boss zu einem Verräter oder ein Abschnittsbevollmächtigter zu einem kleinen Jungen, der mit dem Fahrrad auf dem Gehweg gefahren ist. Ein bisschen versprühen diese Zeilen auch den maßregelnden Charme von Wiener Kaffeehauskellnern, man wird den Unterton jedoch gern überhören, vor allem wenn man hungrig ist.

Jetzt aber zur Konzeption von Essenszeit. Dass ein Essen sprichwörtlich »seine Zeit« braucht: einverstanden. Aber dann der misslungene Imperativ: »Zeit haben« lässt sich nicht befehlen, dass man sich »Zeit nehmen« soll schon eher. Aber auch so: Soll ich mir für »mein« Essen Zeit nehmen weil a) dessen Zubereitung so lange dauert oder b) ich nicht so schnell essen soll, sondern langsam und gesittet? Na ja, Mehrdeutigkeit ist immerhin ein vorteilhaftes Merkmal von Gedichten.

Sollte es "sehr schnell" gehen - dann wählen Sie für "schnell" - bedächtig aus,
dann wird auch "da was" draus.

In den Zeilen sieben und acht wird es kryptisch. Sie sind nicht eigentlich unverständlich wie Hamann-Philosopheme, die Unsicherheit liegt in der vermutlich dialektalen bzw. soziolektalen Formulierung »etwas für schnell auswählen«. Sollte »für schnell« so etwas wie »statt schnell« heißen, dann ist die Message dieser Zeilen klar: Wenn es schnell gehen soll, dann sind Sie hier falsch, los, raus, nun hauen Sie schon ab! Allerdings könnte auch gemeint sein (und davon gehen wir auf jeden Fall aus), dass man, auch wenn man es eilig hat und »schnell« wählen muss, dies trotzdem bedächtig tut. Also wieder: Vorteil Mehrdeutigkeit!

In diesen Zeilen kristallisiert sich auch so eine Art Funktion der Anführungszeichen heraus. Man kommt auf den Trichter, wenn man Zeile acht mit natürlicher Betonung liest, die sich dann deckt mit dem unnötigerweise durch Striche hervorgehobenen »da was«. Offensichtlich transportieren die Striche auch in den meisten anderen Fällen eine Betonungsanweisung für den mündlichen Vortrag.

Die regionale Thüringer Küche - das ist unser Metier.
Ihr kleines Team vom "Café P."

»Die vierhebige Zeile als Ordnungseinheit liegt uns seit germanischer Zeit im Blute«, schreibt Wolfgang Kayser in seiner »Kleinen deutschen Versschule«. Die beiden Schlussverse widerlegen diese Vermutung. Die letzte Zeile immerhin weist dementsprechende vier Hebungen auf, und die Zeile davor könnte dies ohne inhaltliche Einbußen ebenso. Sie müsste dann lauten: »Die Thüringer Küche ist unser Metier.«

Nun hat die Originalzeile aber sieben statt vier Hebungen, um zwei Pleonasmen unterzubringen, weiße Informativ-Schimmel sozusagen. Dass die »Thüringer Küche« eine »regionale« Küche ist: geschenkt. Das Relativpronomen nach dem Bindestrich (das grammatisch eher »die« statt »das« heißen dürfte) hebt noch einmal die Thüringer Küche rhetorisch auf den Schild. Künstlerisch ist diese Operation also vielleicht doch gelungen.

Diese Zeilen erweitern implizit auch die Speisekarte, denn »Kaffee, Kuchen oder Eis« gehören bestimmt nicht zur »Thüringer Küche«. Allerdings bleibt offen, was es gibt: Nur Thüringer Bratwürste? Oder auch Wildbret? Straußeneier?

Um das herauszufinden, muss man ins Café hinein! Ein spannender, offener Schluss, appellativ verweist das Gedicht an die Realität! Also nicht l’art pour l’art, sondern l’art pour le repas. Guten Appetit!