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Marc Degens: ERIWAN



Januar 2005 Anne Hahn
für satt.org

10 Jahre Reformbühne Heim & Welt
Die historischen Tondokumente
Doppel-CD

Umschlag

Mit:
Ahne, Bov Bjerg, Daniela Böhle, Hans Duschke, Uli Hannemann, Jakob Hein, Falko Hennig, Wladimir Kaminer, Manfred Maurenbrecher, Sarah Schmidt, Michael Stein, Heiko Werning, Jürgen Witte
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10 Jahre
Reformbühne
Heim & Welt

Man traut sich alles zu sagen, auch wenn es keiner hören will Reformbühne Heim & Welt – zum zehnten Geburtstag der dienstältesten Lesebühne Berlins


"Scheiße. Wieso haben wir den Nagel nicht rausjezogen? Ick hab noch gedacht, zieh den lieber raus, Alta! Jetzt isses zu spät. Gleich werd ick dran hängen bleiben! Siehste, und schon bleib ick am Nagel hängen … aua, mein rechtes Ohr och. Ick fliege derweil weiter, Richtung Boden. Da liegt mein Pausenbrot, von meene Olle jeschmiert. Wat wohl heute druff is?"

Das war meine erste Begegnung mit Michael Stein, der Anfang der 90iger Jahre im Schlot (damals noch in der Kastanienallee ansässig) Leseperformances veranstaltete. Mit Sonnenbrille verkleidet und von einem dubiosen Sascha begleitet, erzählte Stein Geschichten. Von abstürzenden Bauarbeitern zum Beispiel. Das war amüsant. Stein wertete gnadenlos aus, was ihm das Leben vor die Füße warf. Wenig später machte er eine eigene Lesebühne auf, eben die Reformbühne. Zu Hause im Schokoladen in der Ackerstraße. Da er sich nicht allzu verpflichtet fühlen wollte, delegierte Stein die Clubleitung an ein paar Berliner, die selten wirklich Berliner waren. Sie waren Exilschwaben, Sachsen, Fischköppe und Randberliner, später nahm man sogar Russen auf. Aber sie waren fleißig und schrieben jede Woche neue Texte, die dann sonntags nach der Tagesschau einem immer lachfreudigerem Publikum vorgetragen wurde.

Irgendwann las Michael Stein vermutlich Franz Jungs "Der Weg nach unten" und beschloss umgehend, sich unbeliebt zu machen. Er zeigte jungen Mädchen (auf der Bühne!) sein Dingsda und äußerte sich auch verbal in bedenkliche Richtungen, bis er endlich Hausverbot erhielt. Von nun an mit dem Privileg frischester Luft und weitestem Platze versehen, referierte Stein seine Beiträge von draußen über moderne Verstärkungstechnik ins Innere des Schokoladenladens. Aber irgendwann reichte ihm auch das nicht mehr, er wollte näher ans Theater und verlegte, wiederum durch Mittelsmänner ausgeführt, den Vorleseclub ins just zur Legende mutierende Kaffee Burger. Hier sammelten sich neue Mannen und Frauen an, mitzuwirken an den heiteren Abenden.

Aber wer ist eigentlich Micha Stein? Im Steckbrief der Lesebühne selbst wird er als Guru, Prediger und Kontrolleursalptraum beschrieben. Lebensalter unbestimmt. Keine Buchveröffentlichungen, Mitschriften oder ähnliches. Bei meiner elektronischen Recherche finde ich Dutzende Seiten zu Michael Stein. Ist er ein Elektroinstallationsmeister, stammt er aus Bautzen oder Sachsen-Anhalt? Leider habe ich seine Maxi-CD "Und darum lieb’ ich dich" noch nie gehört, und seine Fallschirmspringerausbildungstätte in Neuseeland noch nicht besucht. Dass Michael Stein als dienstältestes Mitglied bei raumfahrer.net aufgeführt wird, wundert mich nicht. Dort sind auch endlich nähere Angaben zur Person zu finden, Stein ist 1966 geboren und hat weitreichende Interessengebiete wie Marsforschung, Raumsonden und Beobachtung! Deshalb also diese Gebete und Ommmsimulationen und – hier steht es blau auf weiß, Michael Stein ist der Tagessieger im Chefduell! Na bitte, aber wieso bringt er dann in seinem edition-stein-verlag auch noch Audio CDs wie "Digitale Modellbahn für Einsteiger" heraus? Er muss ein vielbeschäftigter Mann sein, seinen Beitrag zu Japans Kurtisanen wage ich gar nicht erst anzuklicken und auch dem Hinweis nach dem Darsteller Michael Stein in "Geronimo, das Blut der Apachen" gehe ich nicht mehr nach. Dass er ein Abt der Prämonstratenserabtei Wadgassen sei und regelmäßig mit Megaphon zu den Spielen des Berliner Fußballclubs BFC Dynamo stromere und einmal Antiaggressionsbeauftragter der Zeitschrift "Gegner" gewesen sein soll, mag ich gar nicht glauben. Genug! Am Sonntag vor ihrem zehnten Jubiläum lesen die Reformbühnler im Kaffee Burger ohne Stein, keiner kann voraussagen, ob Stein kommt. Er selbst vermutlich auch nicht. Am Einlass sitzt die immer wohlgelaunte Sarah und verkauft Karten, flankiert von einem weißbärtigen Alten. Jürgen ist Stammgast. Er traut sich nie am Kartentischchen vorbei, außer einmal, als er aber auf dem Boden landete und weggefahren werden musste. Sein monatelanges Ausbleiben rührte die Crew, nun ist er wieder da. Alles gut. Auch Cäsar, der Baguetteverkäufer findet sich regelmäßig ein und verkündet manchmal in der Pause koranumschlungene Brötchenwerbung. Ahne, "normales Mitglied" der Reformbühne, liest vom verschollenen Rucksack und einem Zwiegespräch mit Gott, das Publikum feiert ihn. Stein kommt nicht. Die anderen Kollegen lesen oder musizieren, es wird spät. Am Ende singen alle zusammen – laut und tapfer. Es war ein guter Abend, räumen die Dichter und Musiker ein. Ahne lobt das Publikum im Kaffee Burger als das kritischste und die Kollegenreaktionen hier als die für ihn wichtigsten. "Man traut sich alles zu sagen, auch wenn es keiner hören will." Viele Reformbühnen sollten geschaffen werden, alle Leute die gut erzählen können, sollten ihre Auftrittschance erhalten. Lesebühnen sind für Ahne das Urtümlichste, was in jeder Stadt blühen müsste. In der Reformbühne läuft es seit jeher so, dass jeder einmal lesen darf was er möchte, danach entscheidet die Gruppe, ob er bleibt oder nicht. Texte werden untereinander kommentiert und diskutiert, nach der Lesung, versteht sich. Ihre Qualität ist sofort an den Reaktionen ablesbar, die Lesebühne ein mutiges Experimentierfeld. Das Publikum gibt dem Konzept Recht, seit Jahren brummt die Veranstaltung, deren Reiz durch die beinahe uneingeschränkte Tanzbarkeit des nachfolgend auflegenden DJ Lt. Surf wesentlich erhöht wird. Ein Besuch der Reformbühne kann locker in einer durchtanzten Nacht enden. Wir gratulieren und wünschen mindestens weitere 10 Jahre!


Reformbühne Heim & Welt, 199Mai 2005, aktive und ausgeschiedene Mitglieder: Ahne, Bov Bjerg, Daniela Böhle, Hans Duschke, Uli Hannemann, Jakob Hein, Falko Hennig, Wladimir Kaminer, Manfred Maurenbrecher, Sarah Schmidt, Michael Stein, Heiko Werning, Jürgen Witte