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Dezember 2004 Frank Fischer
für satt.org

Größenwahn und »Billigtristik«

Die Oktober/November-Ausgabe von VOLLTEXT, der Wiener »Zeitung für Literatur«, entwirft wieder ein ausgewogenes Panorama deutschsprachiger Gegenwartsliteratur.


Jede VOLLTEXT-Ausgabe hinterlässt denselben Eindruck wie das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Da stimmt alles, alles ist lesenswert, die Auswahl der Artikel ist ausgewogen und von thematischer Interessantheit bestimmt, nicht von der Pflicht zu Jubiläumsartikeln. Das Bekannte mischt sich mit dem Neuen, das wiederum nicht so unbekannt ist, dass es keinen interessiert.

Volltext 15/04

Die nicht mehr ganz aktuelle Ausgabe 5/2004 (Oktober/November) bietet als Schwerpunkt ein Helmut-Krausser-Special in vier Gängen: zunächst als Aufmacher ein langes Interview, dann ein Werkporträt von Stefan Gmünder, Auszüge aus dem gerade erschienenen Tagebuch des April 2004 sowie einige neue Gedichte.

Interviews mit Krausser machen Spaß, durch sein Tagebuchprojekt hat er Übung in bonmotischer Zuspitzung. Spätestens seit den Januar- und Februar-Tagebüchern gewinnt aber ein Duktus die Oberhand, in dem Krausser seinen Größenwahn nur noch behauptet statt wirklich größenwahnsinnig zu sein. Seine im Gespräch geäußerten Zukunftspläne fallen auch ganz und gar nicht megaloman aus: »was Prosa betrifft: Rente«.

Sein hauptsächliches Interesse gilt zurzeit seinen Gedichten, die oft zwischen Verspieltheit und (nicht allzu großem) Pomp oszillieren, irgendwo zwischen Robert Gernhardt und Durs Grünbein. Ein schönes Beispiel ist ein Vierzeiler über die Ewige Stadt, der in VOLLTEXT abgedruckt ist:

Hätte Romus den Remulus getötet (statt umgekehrt)
unser ehrwürdiges altes Rem hieße heute Rom.
Das heilige remische Reich hieße das heilige romische Reich. Komisch.
Aber man wäre dran gewöhnt und empfände es gar nicht als seltsam.

Krausser denkt sich hier einen sprachlichen Schmetterlingseffekt aus, wie das schon Ray Bradbury in seiner Erzählung »A Sound of Thunder« getan hat. Bei Bradbury wird nach der Rückkehr aus der ungewollt veränderten Vergangenheit »time« plötzlich »tyme« geschrieben, ein kleines Symptom für dann auch politische Folgen.

Bei Kraussers Gedankenspiel erscheint die Geschichte aus der Sicht einer fiktiven Historiografie auch als anders möglich. Der Weg von »Rom« zu »römisch« hätte genauso gut ein umlautloser Weg zu »romisch« sein können, nur die Sprache hat sich anders entschieden.

Neben dem Krausser-Special gibt es vier weitere ausführliche Autorengespräche, u. a. mit Georg Klein. Thomas Combrink befragt ihn zu seinen Romanen, vor allem zu der Neuerscheinung »Die Sonne scheint uns«, bevor sich Klein nach einem Exkurs über die Steigerung der Künstlichkeit des Erzählers gegen Literatur ausspricht, die das ästhetische Risiko scheut und erzählerisch auf »Nummer Sicher« geht, eine Strategie, mit der die Literatur bei all der Medienkonkurrenz nicht bestehen könne.

Nur eine Seite weiter stellt Anton Thuswaldner dann fest: »Die junge deutschsprachige Literatur wagt keine großen Sprünge.« Der Juror des aspekte-Literaturpreises hat bei der Durchsicht einiger 2004 erschienenen Debütromane herausgefunden, dass die Figuren, die sich die Debütanten ausgedacht haben, jedes Risiko scheuen: »sie meiden das Risiko und lecken die Wunden, die ihnen das Leben noch gar nicht geschlagen hat«.

Thuswaldners Plädoyer gegen erfahrungsarme Literatur kommt etwas spät. Umso erschreckender ist es, dass der spätestens seit 1998 immer mal wieder gemachte Befund noch derselbe ist. Immerhin lobt er die »betörende Sprache«, zu der die Jungautoren dann doch fähig sind, das Changierenkönnen zwischen verschiedenen Tönen. Überhaupt werde Literatur zu einer »Angelegenheit der Technik«.

VOLLTEXT widmet sich der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aller Altersklassen und lässt in der rezensierten Ausgabe des Weiteren einen an Arno Schmidt geschulten Uwe Dick im Fax-Interview über »Billigtristik« räsonieren, und Dorothea Dieckmann gibt gesprächshalber endlich zu, sich für ihre Guantánamo-Phantasie mal eine Minute so hingekniet zu haben, wie wir es von den Fotos mit inhaftierten Terrorverdächtigen kennen.

Volltext 16/04

Klaus Zeyringer rezensiert erfrischend textimmanent Martin Walsers neue, nun bei Rowohlt erscheinende Bücher. Der Schiller-Biograf Rüdiger Safranski, der bekannt dafür ist, Schwieriges verständlich machen zu können, fantasiert über Schiller-Zitate als Untertitel zu Schönheitsoperationen im Fernsehen (»Es ist der Geist, der sich den Körper baut«). Und Andreas Maier protokolliert einen sommerlichen Besuch in einem Frankfurter Schrebergarten, in dem sich über die Tour de France und den »Landesverräder« Jens Voigt ausgelassen wird: »Runnerprügele müsst merr den!« VOLLTEXT lässt seine Autoren also wieder in allen literarischen und literaturvermittelnden Genres schreiben und verbindet auf unterhaltsamste Weise die positiven Eigenschaften von Literaturzeitschrift und Feuilleton.

Das nachzuprüfen dürfte auch anhand der gerade erschienenen Ausgabe Dezember/Januar nicht schwer fallen. Darüber hinaus ist die Website VOLLTEXT.NET ein immer lohnender Anlaufpunkt, denn hier gibt es nicht nur einen Blick auf die Backlist, sondern als ideale Ergänzung zum Perlentaucher auch einen Ticker, der das literarische Leben in Österreich spiegelt und etwa auf relevante Artikel aus dem »Standard« und der »Presse« aufmerksam macht, die dem Perlentaucher durch die Lappen gehen.