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Die Box



November 2004
Frank Fischer
für satt.org

Zum 25. Jubiläum des Erscheinens von "456 und der Rest von heute" ist ein Artikel im TITEL-Forum vom 9. August erschienen.

Zu "Barfuß in Palermo" hat Michael Kleeberg in der Welt vom 20. Mai 2000 geschrieben.

Bücher
von Christian Klippel:

456 und der Rest von heute (1979) » amazon

456 und der Rest von heute

Störmer im Dreck (1989) » amazon

Mord zwischen den Zeilen (1991) » amazon

Welch ein Tag (1995) » amazon

Barfuß nach Palermo (1999) » amazon

Schiff in der Wüste (2000) » amazon

Produkte der Siebzigerjahre

Ein Interview mit Christian Klippel über seinen vor 25 Jahren erschienenen Bundeswehrroman "456 und der Rest von heute", über Horváth und Paris, den MÄRZ-Verlag und unveröffentlichte Bücher


satt.org: Richard Kämmerlings schreibt in der FAZ-Literaturbeilage vom 6. Oktober über Sven Regeners neuen Roman "Neue Vahr Süd": "Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die auf Generationenerfahrung spezialisierte deutsche Gegenwartsliteratur auch die Bundeswehrzeit als Stoff entdecken würde." Regeners Roman spielt 1980, also ein Jahr nach dem Erscheinen Ihres eigenen Debütromans. Frank Lehmann verweigert bei Regener zwar auch nachträglich den Dienst an der Waffe, aber das Geschick des Melancholikers wird von den Lesern als zutiefst lustig empfunden. Ist in Ihrer heutigen Erinnerung der Anti-Wehrpflicht-Furor immer noch aktuell, oder kehrt sich auch eher das Lustig-Anekdotische hervor?

Christian Klippel: Ich habe Sven Regeners Roman noch nicht gelesen. Dass er lustig sein soll, macht mich allerdings neugierig. Ich mag lustige Sachen. Wer würde heute nicht lieber beidhändig bei Lustig-Anekdotisch unterschreiben als sich zum Anti-Was-auch-immer-Furor zu bekennen? Insofern ist die Frage pointiert vorgetragen. Aber 1978, als ich mein Buch schrieb, hatte ich diese Alternative so nicht. Furor hat ja was mit Wut zu tun. Die hatte ich. Was ich nicht hatte, war Distanz. Ich habe "456" sozusagen aus der Hüfte geschrieben. Sehr unmittelbar nach meinen Erfahrungen. Ich wollte zeigen, wie es "beim Bund", wie man damals gesagt hat, zugeht. Möglichst konkret. Möglichst realistisch. Außerdem steckte ich bis zum Hals im Pathos der Siebzigerjahre. Gesellschaftliche Veränderungen und so. Ich nahm das sehr ernst. Vielleicht zu ernst. Ich sah mich als Berufsrevolutionär und wollte mit meinem Buch die Haltung meiner Leser beeinflussen. Das klingt 2004 an sich schon komisch genug. Heute sind wir abgeklärt. Wir haben bezahlt und wollen unterhalten werden. Vor 25 Jahren hätte ich in meiner etwas monströsen Dialektik vielleicht gefragt, was denn an unserer Existenzweise so traurig ist, dass dieser Bedarf an Komik überall zu Tage tritt und nach Befriedigung lechzt. Aber okay. Das sollen andere klären. Literarisch ist wohl jede Art von Furor nicht mehr aktuell. Da mag also Regeners Version die modernere sein. Wenn man auch sagen muss, dass die Komik des Soldatenlebens nicht erst von ihm, sondern bereits von Jaroslav Hašek im "Schwejk" mit einer gewissen Allgemeingültigkeit herausgekehrt wurde. Und so ganz ohne Humor kommt ja noch nicht mal mein Buch aus!


satt.org: Sie waren 1976/77 bei der Bundeswehr, das Buch erschien 1979, als Sie gerade 24 Jahre alt waren, damals ein sehr junges Alter für einen Debütanten. Wann und unter welchen Umständen ist das Buch entstanden?

Christian Klippel: Ich wurde im Anfang 78 aus der Bundeswehr entlassen. Danach versuchte ich einige Zeit, mein Philosophie-Studium in Heidelberg wieder aufzunehmen und so zu tun, als wäre nichts passiert. Das klappte nicht. Anfang Mai fuhr ich mit einer riesigen Rattantruhe im Käfer zweier Freunde nach Paris. Wir verbrachten dort ein gemeinsames Wochenende in einem Hotel. Am Montagmorgen fuhren sie zurück. Ich blieb. Ich hatte zuvor ein paar unbrauchbare Seiten zu Papier gebracht. Jetzt begann ich noch mal von vorn. In der Rattantruhe war auch eine Schreibmaschine. Marke Olympia. Monica. Deshalb heißt die weibliche Figur im Buch Monika bzw. Moni. Ich schrieb jeden Tag meine zwanzig, dreißig Seiten. Völlig ohne Plan und ohne jede Kontrolle. Ich fand bald ein Zimmer in einer WG, schrieb dort weiter, machte im Sommer lebenshungerbedingt eine längere Pause bis Winter und fing Weihnachten 78 wieder an. Am Schluss hatte ich einen Stoß von cirka 450 Seiten. Die Schreibmaschine hatte einen ziemlich unwilligen Anschlag. Die Punkte auf der Seite waren kleine Einschüsse. Was ja dem Thema angemessen war. Noch heute ist mein Schreibstil von dieser Erfahrung geprägt und für PC-Tastaturen eigentlich inkompatibel. Ich las mir das Ganze dann noch mal durch. Alles, was mir überflüssig vorkam, wurde mit einem Edding geschwärzt. Oft blieben auf einer Seite nur vier, fünf Sätze stehen, der Rest war schwarzer Strich. Das war mein Manuskript. Der Weismann-Verlag wollte das noch mal um dreißig Prozent eindampfen. Aber da habe ich mich geweigert und bin auch standhaft geblieben.


satt.org: Für ein Buch wie "456" gab es damals sicher nicht viele Verlage, wie kam der Kontakt mit Weismann bzw. Antje Kunstmann zustande?

Christian Klippel: Die Einschätzung ist nicht ganz richtig. Es gab damals jede Menge mehr oder weniger engagierter Verlage, die für dieses Thema in Frage gekommen wären. Trikont, Wagenbach, Rotbuch. Der Weismann-Verlag war da nur einer von vielen und vermutlich noch nicht mal der Beste. Wenn man in den Siebzigern über die Buchmesse lief, wurde man erschlagen von roten oder rot-schwarzen Sternen und anderen Devotionalien der linken Bewegung. Auch der Rowohlt-Verlag hatte Interesse an dem Buch und zu Beltz & Gelberg in Weinheim gab es ebenfalls einen Kontakt. Allerdings wollten die das Buch in einer Jugendbuch-Reihe unterbringen und das gefiel mir nicht. Rowohlt reagierte einfach zu spät, was ich im Nachhinein bedauerlich fand. Peter Weismann war in diesem Fall der Schnellste. Er rief mich in Paris an und sagte, dass er das Buch herausbringen wollte. Damit war für mich der Fall erledigt.


satt.org: Auf dem Autorenfoto tragen Sie eine verspeckte Lederjacke und schulterlanges Haar. Im Klappentext ist von KBW-, MSB-, DKP- und ASTA-Kontakten die Rede, politischen Gruppierungen, die im Buch nicht erwähnt werden. Ihr Protagonist Stefan Hofmann ist auch eher wie Horváths "Kind unserer Zeit" durch Kurzschlussaktionen und politische Unbedarftheit charakterisiert. Hat sich diese literarische Figur vielleicht aus einem autobiografischen Versuch heraus entwickelt?

Christian Klippel: Stefan Hofmann ist eine Kunstfigur. Der Leser sollte mit seiner Hilfe eine prototypische Entwicklung von der naiven Bundeswehr-Bejahung zu einer bestimmten politischen Bewusstheit mitgehen. Die Gruppierungen, die Sie erwähnen, sind für ihn kein Thema. Für mich waren sie es schon. In einer dieser Gruppen, die allerdings bei der Aufzählung nicht vorkommt, war ich aktiv. Mein Weg in die Bundeswehr war eine Entscheidung im Sinne des Degenhardt-Liedes, das den damaligen Zeitgeist wiedergibt: "Junge, wenn du stark genug bist, geh." Ich wollte das Waffenhandwerk lernen und die Wehrkraft zersetzen. Auch das klingt heute alles andere als unkomisch. Jedenfalls habe ich meinen Antrag auf Wehrdienstverweigerung zurückgezogen. Ich bin zu meinem Termin erschienen und habe den Herren, die zur Prüfung meines Gewissens zusammen gekommen waren, erklärt, dass ich kein Verweigerer mehr bin, was ihnen einen Moment der Verwirrung und eine halbe Stunde unverhoffter Pause beschert hat. Mich hat es mit Stolz erfüllt, meine Eltern mit Entsetzen. Den Gedanken, der meinen Protagonist umtreibt, nämlich mich für vier Jahre zu verpflichten, hätte ich allerdings empört von mir gewiesen. Auch wäre die Kurve meiner politischen Entwicklung auf der Zeitachse dieser Erfahrung eine andere gewesen. Als ich zum Bund ging, war ich kein Pazifist.


satt.org: Hatten Sie Vorbilder? Ich meine, eine Anfangsinspiration auf Horváth zurückführen zu können.

Christian Klippel: Ja, das stimmt. Horváth hat mit geholfen, die Angst vor dem leeren Blatt zu überwinden. In dem ich mich seiner Anfangssätze bediente, konnte ich den Erzählfluss in Gang setzen. Außerdem befand ich mich ja in Paris, wo er genau vierzig Jahre zuvor von einem herunterfallenden Ast erschlagen worden war. Bei ihm heißt es: "Ich bin Soldat. Und ich bin gerne Soldat." Ich schrieb: "Ich bin beim Bund. Ich bin ganz gern beim Bund." – und glaubte, in dem einschränkenden "ganz" bereits genügend Unterscheidendes angelegt zu haben, um meinen Ich-Erzähler gedanklich dann andere Wege gehen zu lassen. Horváth hat mir übrigens immer sehr gelegen. Ich mag seine ehrliche, unprätentiöse Art, seine Einfachheit, den poetischen Realismus in seinen Romanen und Stücken. Ihn zu zitieren, legte mich von vornherein darauf fest, genau zu bleiben und konsequent zu erzählen. Trotzdem bin ich, fürchte ich, der Versuchung zu räsonieren und Überzeugungen in die Handlung einzustricken, hin und wieder erlegen. Ein Horváth wäre da unbestechlicher geblieben.


satt.org: Kursierten damals schon andere Bundeswehrromane’? Wo kam die saftige Sprache her? Haben Sie dazu auf Notizen zurückgegriffen oder extemporiert? Ich meine auch besonders die langen Passagen mit den Reden der Vorgesetzten.

Christian Klippel: Es gab meines Wissens keine Bundeswehrromane. Aber es gab Sachbücher zum Thema Bundeswehr, auch in Form von Erfahrungsberichten. Sie kursierten in politischen Gruppen und sollten die Rekruten auf die Situation "beim Bund" vorbereiten. Die deftige Sprache war Teil des Realismus, der mir vorschwebte. Ich wollte den Umgangston dokumentieren. Nicht nur den vertikalen von oben nach unten, sondern auch den horizontalen zwischen den einzelnen Soldaten. Ich habe während meiner Bundeswehrzeit Tagebuch geführt. Das hat geholfen. Aber reingeschaut in meine Aufzeichnungen habe ich nie mehr. Durch das Notieren waren die Sprüche vielleicht tiefer ins Gedächtnis eingegraben, so dass ich die Vokabeln und Redewendungen parat hatte. Mein Kopf echote ja noch davon. Die Rede des Vorgesetzten ist Fiktion. Aber das war so der Stil wie sie gelabert haben, die Oberleutnants und Majore.


satt.org: Unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches erhielt der Verlag eine Einstweilige Verfügung, der Roman durfte nicht unverändert weiter verbreitet werden, weil Sie die Namen einiger Ihrer Vorgesetzter unverändert in den Roman übernommen hatten. Peter O. Chotjewitz spricht im Vorwort zur Neuauflage von einem "Missverständnis mit dem Autor".

Christian Klippel: Nachdem die Bundeswehr ein Jahr lang wenig Bereitschaft gezeigt hatte, meine Persönlichkeitsrechte zu respektieren, war ich naiv genug zu glauben, im Schreiben böte sich mir ein Mittel, mich dafür zu entschädigen. Es ging mir nicht um Rache, aber wie gesagt um Wut. Die Adressaten dieser Wut hatten Gesichter, Stimmen, Namen. Das System, das sie in meinen Augen vertraten, auch wenn sie es nicht verantworteten, war mit ihnen benennbar geworden. Und so ähnlich, wie mir die Horváth-Anleihe beim Einstieg half, war mir die Verwendung echter Namen dienlich, den Erzählfluss in Gang zu halten. Später habe ich versäumt, den Verlag darauf aufmerksam zu machen. Ich hatte keine Ahnung von Persönlichkeitsrechten im juristischen Sinne. Ich fühlte mich geschützt dadurch, dass ich lediglich beschrieb, was ich erlebt hatte. Bei der gemeinsamen Arbeit am Manuskript habe ich immer wieder von realen Erlebnissen erzählt und dabei die Namen verwendet, die auch im Buch vorkamen. Bei der Gestaltung des Umschlags wurden Fotos verarbeitet, die ich heimlich in der Kaserne gemacht hatte. Auch darauf waren Namen von Soldaten und Vorgesetzten zu sehen, die im Manuskript auftauchten. Peter Weismann hätte eine gewisse Sensibilität für das Gefahrenpotenzial in Sachen Namen entwickeln können. Stattdessen ließ er mich die Kosten für die Neuauflage im Alleingang bezahlen, was vielleicht ebenso wenig den proklamierten Prinzipien der Solidarität entsprach wie mein Verhalten schriftstellerischer Professionalität. Aber wer weiß schon mit 24, wie die aussieht? Immerhin war der Stern durch die Geschichte auf den Plan getreten und sorgte mit einem Artikel für Publicity. Der Verlag hätte mir eigentlich dankbar sein sollen.


satt.org: Waren Sie an der Umbenennung der Charaktere beteiligt?

Christian Klippel: Ja. Aber das war eine Herausforderung von überschaubaren Dimensionen. Es mussten lediglich Namen gefunden werden, die genauso viele Anschläge hatten wie die alten. Das Buch wurde im Bleisatz gefertigt. Jeder Buchstabe mehr hätte den Umbruch durcheinander geworfen.


satt.org: Ihre Verlegerin Antje Kunstmann hat dem Stern 1980 mitgeteilt, dass Sie auf irgendeiner Insel sitzen und bereits am nächsten Projekt arbeiten. Und Michael Kleeberg berichtet, dass das auch so gewesen ist, er spricht von einem 800-seitigen Paris-Roman namens "Metro Babylon".

Christian Klippel: Das stimmte. Nach der Zeit in Paris lebte ich ein Jahr auf Korsika und schrieb dort einen Roman, der im Wesentlichen in der Pariser U-Bahn spielt. Leider entpuppte er sich als unpublizierbar.


satt.org: War auch "456" und dessen Rezeption der Grund, dass Ihr Zweitling nicht erscheinen konnte?

Christian Klippel: "Metro Babylon" erzählt die Geschichte eines deutschen Aussteigers, der von Berlin nach Paris geht, in den Metroschächten Gitarre spielt und am Ende aus dem Denken aussteigen will. Allein der Begriff "Aussteigen" zeigt schon das Problem des Buchs. Ebenso wie manches in "456" ist dieser Roman ein Produkt der Siebzigerjahre. Wahrscheinlich bin ich das eben auch. Und selten ist ein Jahrzehnt schneller und gründlicher unpopulär geworden wie dieses. Die Themen, mit denen sich mein Protagonist in "Metro Babylon" herumschlägt, lassen ihn von der Frankfurter Schule über Marx und Hegel purzeln, um sich am Ende darauf zu versteifen, im Denken und in der Sprache den Grund für die atomare Selbstauslöschung der Menschheit zu sehen. Auch diese Furcht verweist wieder auf die Siebzigerjahre mit ihren endlosen Pershing-II-Diskussionen. Das klingt ziemlich abstrus und abstrakt. Ganz so schlimm war es aber nicht. Das Buch ist aufgebaut aus zwei Teilen. Einer erzählt, übrigens teilweise durchaus lustig, von den Irrungen und Wirrungen, die der Protagonist durchlebt, bevor er als Gitarrenspieler in den Metroschächten landete. Der andere ist ein innerer Monolog, der damit endet, dass sich der Held beim Tanz zu erdkerntiefen Reggae-Bässen und unter Einfluss von Amphetamin und anderen Drogen in die Stratosphäre eines Denken katapultiert, das die Tür aus dem Denken selbst aufstoßen will und die Schwelle zum Wahnsinn betritt. Falls es mir gelungen sein sollte – woran ich heute zweifle – dieses Motiv einigermaßen klar und zwingend herauszuarbeiten, dann braucht es eigentlich niemanden zu wundern, dass dieses Projekt nie näher an die Publikation heran gekommen ist als in Form von lauen Zusagen, die an den Erfolg von Folgeprojekten geknüpft gewesen wäre. Dass "456" nicht als "piece of literature" gelesen wurde, sondern als – ja was eigentlich? Dokumentation? – und sein Autor nicht als Schriftsteller gesehen wurde, sondern als renitenter Reservist, hat die Sache nicht unbedingt leichter gemacht.


satt.org: Ihre nächste Veröffentlichung war ein Krimi, 1989, zusammen mit Sven Böttcher. War das Brotarbeit? Ist der orthografisch geänderte Vorname ("Kristian Klippel") als Hinweis darauf gedacht?

Christian Klippel: Die Beobachtung dieser Namensänderung bringt mich zum Schmunzeln. Ja, das war in der Tat so. Nachdem "Metro Babylon" und ein weiteres Projekt, eine Novelle, die in Palermo spielt und ebenso tot geboren zu sein schien, das frühe Scheitern aller Ambitionen markierten, mir als Schriftsteller einen Namen zu machen, ging ich in die Offensive und machte mir selbst einen. Vielleicht, dachte ich, liegt es ja an der mangelnden Merkfähigkeit meines Markenzeichens, dass die Leute sich nicht durch meine 800-Seiten-Werke hindurch arbeiten wollen. Ich wollte irgendwie vermeiden, aus Buchstabentreue meinem Personalausweis gegenüber Chancen ungenutzt zu lassen. Inzwischen lebte ich vom Werbetexten, war also in ein Milieu eingetaucht, in dem aus Hans-Jürgens gerne mal Hajüs werden, wo Söhne Newton und Galilei getauft werden und allerlei anderer narzisstischer Mumpitz gepflegt wird. Christian mit K, das sah nordisch-frisch aus, war eine hübsche Alliteration und machte sich gut auf der Karte. Kann sein, dass es mir sogar half, als Freelancer den Weg in die Adressbücher der Art-Buyer zu finden. 1993 gab ich diesen Manierismus, diese Marotte, desillusioniert wieder auf, nachdem mir klar war, dass es mir nicht gegeben war, kommerziell erfolgreiche Bücher zu schreiben, was die beiden Krimis mit Sven Böttcher und ein weiteres Buch eigentlich sein sollten. Aber die Zusammenarbeit mit Sven hat Spaß gemacht. Und es ist alles in allem ja auch nichts Ehrenrühriges, zwei Bücher bei Haffmans (gehabt) zu haben.


satt.org: Wie kam es zur verspäteten Veröffentlichung von "Barfuß nach Palermo"? Es ist ja wirklich ein schönes Buch geworden, bei dem man nur bedauert, dass es nicht 15 Jahre eher erschienen ist.

Christian Klippel: "Barfuß nach Palermo" habe ich 1984 angefangen und Ende 85 beendet. Es beschreibt eine Reise, die ich im Jahr zuvor mit meinem Freund Pezzi durch Italien unternommen habe. Pezzi, den ich bei einem Job beim Zirkus kennen gelernt hatte, war ein Punk im edelsten Sinne. Ein fantastischer Pogo-Tänzer und großartiger Mensch. Wir rasierten uns die Schädel, zogen Fallschirmspringer-Uniformen an und zogen barfuß von Dorf zu Dorf, um den Leuten aus der Hand zu lesen. Das war das, was ich lustig fand: zwei No-future-Typen, die Zukunft verkaufen. Die Reise dauerte knapp sechs Wochen und brachte uns von Rom über Olbia bis Palermo und wieder zurück. Ebenso unmittelbar wie die Bundeswehr-Erfahrung verarbeitete ich diese Reise zum Roman. Leider nicht ganz so unbefangen und flüssig. Nach den ersten vier Kapiteln war auch klar, wo editorisch die Reise hin gehen sollte: Zum MÄRZ-Verlag, dessen gelbe Einbände in den Siebzigern und frühen Achtzigern aus jedem Bücherregal knallten. Jörg Schröder, der den Verlag mit seiner Lebenspartnerin Barbara Kalender machte, war verlegerisches Urgestein. Er hatte ein ziemlich todsicheres Gespür für Stoffe. Er machte genau die Art von Büchern, die ich mochte: provokativ, laut, poppig. Nachdem ich gehört hatte, dass er sich für "Metro Babylon" interessierte, schickte ich ihm die ersten Kapitel von "Barfuß" und er sagte, dass er das machen wolle. Erst "Barfuß", dann "Metro Babylon". Da war es mir dann auch egal, dass der Rowohlt-Verlag kurze Zeit später ebenfalls Interesse an "Barfuß nach Palermo" anmeldete.


satt.org: Michael Kleeberg gilt "Barfuß nach Palermo" als "der erste deutsche Poproman", der aber Mitte der Achtziger eben nicht erscheinen konnte. Wieviel Umarbeitung ist in "Barfuß nach Palermo" noch geflossen, bevor es schließlich mit 15 Jahren Verspätung 1999 bei Editions Mathieu in Heidelberg erschienen ist?

Christian Klippel: 1985 war das Buch fertig. 1986 stellte der März-Verlag seinen Betrieb ein. Eine Liquidation, die auch meine Hoffnungen begrub, den Pezzi-Roman veröffentlicht zu sehen. Denn sehr schnell war der Zeitgeist über diese Punker-Story hinweg marschiert. Es gab noch ein paar Versuche, aber das Verständnis, das zwischen Jörg Schröder und mir herrschte, habe ich bei keinem Verleger mehr gefunden. Dann meldete sich eines Tages Anna Mathieu, die sich gerade mit einem eigenen Verlag in Heidelberg selbstständig gemacht hatte. Sie kannte den Text aus ihrer Zeit als Lektorin beim Wunderhorn-Verlag. Sie hätte das Buch gerne gemacht, aber das Finanzielle war ein Problem. Das Buch ist so schließlich zur Hälfte im Selbstverlag erschienen. 15 Jahre zu spät und um etwa ein Drittel des ursprünglichen Texts gekürzt.


satt.org: Eine Gemeinsamkeit zwischen "456" und "Palermo" scheint mir der Bezug zur Pop-Musik zu sein. In "456" treten diese Bezüge nur sporadisch, fast zufällig, auf, in Palermo tauchen dann konsequent vor allem die Vertreter der Neuen Deutschen Welle, etwa Spliff oder Grauzone auf, die dann auch mit den Insignien der Zeit, etwa No-future-Sprüchen oder Never-Mind-The-Bollocks-Shirts, korrespondieren.

Christian Klippel: Das wäre in "Metro Babylon" sogar noch deutlicher so gewesen. Da waren Bezüge zu den zwei großen Bobs der Pop-Musik – Bob Marley und Bob Dylan – Teil des Konzepts. In den inneren Monolog des Protagonisten eingeflochten war der Liedtext von Dylans "Desolation Row", einer surrealistischen Ballade von fast 12 Minuten, in der die Kultur zu einem großen Tableau der Öde montiert wird. Ich habe Musik immer be- und genutzt, sofern sie zu den Charakteren gehörte, die ich beschreiben wollte. Zu einer lebendigen Schreibe, zu der ich mich ja bekenne, gehört nach meinem Verständnis das Einarbeiten solcher Motive – nicht um damit Lebensnähe zu behaupten, sondern um das Bild realistisch abzurunden. Wie hätte ich einen Punk vor der Imagination des Lesers entstehen lassen wollen ohne die Musik, die ihn treibt? Das Dilemma bei dieser Art Realismus ist freilich, dass ein oder zwei Jahre schon genügen, um ein Buch hoffnungslos alt aussehen zu lassen. Dies ist mir nicht nur einmal passiert, sondern eigentlich fast bei jedem Buch. Es wäre kokett zu behaupten, das alles hätte mich nie tangiert. Intensiver als durch Creative-Writing-Seminare wird ein Autor durch Erfolge gefördert, die ihm das Selbstvertrauen geben, beim nächsten Projekt noch höher anzusetzen. Entsprechend mache ich mein Scheitern für mein Scheitern verantwortlich. Aber was soll’s. In Würde erfolglos zu sein scheint mir in diesen Zeiten, die nach Superstars gieren, auch eine lohnende Aufgabe.