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Marc Degens: ERIWAN



August 2004
Marc Degens
für satt.org

A. F. Th. van der Heijden:
Die Zahnlose Zeit

Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2003

A. F. Th. van der Heijden: Die Zahnlose Zeit

3500 S., geb., € 128
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Das Lesen in der Breite

Über A. F. Th. van der Heijdens Die zahnlose Zeit


Für das Statistische Amt der Stadt Amsterdam führt der fünfundzwanzigjährige Student Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden im Herbst 1977 eine Umfrage durch. Von dem Lohn bleibt ihm nach Begleichung seiner Schulden ein Hundertguldenschein übrig, diesen will er in der letzten Sommernacht des Jahres feierlich auf den Kopf hauen. Seine Sauftour beginnt in einer Kneipe am Albert-Cuyp-Markt. Dort wird er Zeuge, wie zwei Marokkaner von den einheimischen Gästen belästigt und gedemütigt werden. Van der Heijden zieht weiter und betritt einen plüschigen Laden in der Ferdinand Bolstraat. Hier macht er Bekanntschaft mit einem dichtenden Kokaindealer. Gemeinsam schweifen die zwei durch das nächtliche Amsterdam. Der Dealer spendiert ordentlich Koks und kommt für sämtliche Drinks und Taxifahrten auf. Im Morgengrauen landen die beiden schließlich in einer zwielichtigen Absturzkneipe. Hier lernt Van der Heijden einen deutsch sprechenden Türken, der sich für ein paar Tage in Amsterdam aufhält, kennen: Ali. Van der Heijden verabredet sich für den Nachmittag mit dem Türken und diktiert ihm seine Adresse – trotz der eindringlichen Warnungen der anwesenden Junkies. Erst ein paar Stunden später, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hat, findet Van der Heijden hierfür die Erklärung: Ali dealt mit Heroin und will ihn an die Nadel bringen. Hals über Kopf verläßt er daraufhin seine Bleibe und taucht für ein paar Tage bei einer Freundin unter.

Diese Schneenacht im September arbeitet Van der Heijden später zu einer der Schlüsselstellen in seinem dreitausendfünfhundert Seiten gewaltigen, vierbändigen Romanzyklus Die zahnlose Zeit um, sie markiert gleichzeitig den entscheidenden Wechsel der Erzähldimension. Waren die ersten beiden Bücher bis dahin hauptsächlich eine Ver-, Be- und Umarbeitung von Van der Heijdens eigener Kindheit, seiner Jugend und Studienzeit, beschreiben die letzten beiden Bände eine fremde mögliche Zukunft: Albert Egberts, die Hauptfigur des Romanzyklus’, kehrt zu früh in seine Wohnung zurück, trifft Ali und läßt sich von diesem anfixen.

Vallende Ouders (dt. Fallende Eltern, 1997), der erste, 1983 erschienene Band des Zyklus’, ist das konventionellste Buch der Zahnlosen Zeit. Der rund fünfhundert Seiten lange Roman spielt im Frühjahr und Sommer 1976. Albert wird am 30. April, am niederländischen Königinnentag, sechsundzwanzig Jahre alt, wohnt mit seinem Jugendfreund Thjum in Nimwegen und steht kurz vor seinem Vordiplom in Philosophie. Fallende Eltern ist ein absurder Bildungsroman mit alterstypischen Themen: Alkoholexzesse und Geldsorgen, miese Gelegenheitsjobs, flüchtige Liebschaften, Lehre und Leere. Albert lebt in der Zwischenzeit, umfangreiche Erinnerungspassagen durchwirken den Roman – und stellenweise wirkt Alberts Verhalten noch reichlich pubertär, etwa wenn er mit Thjum Reliquien aus einer Kirche stiehlt. Am Ende des Buches fliegen die Freunde aus ihrer Unterkunft auf dem Berg en Dalseweg und Albert zieht zurück zu seinen Eltern in die Brabanter Provinz.

Ein deutscher Autor hätte aus diesem Stoff gewiß eine burleske Schelmengeschichte gewebt, einen humorigen Oblomov, eine Tetralogie des laufenden Schwachsinns. Doch Die zahnlose Zeit ist ein zwar groteskes, doch immerzu auch beklemmendes und verzweifeltes Werk. Sex und Orgien sind Kämpfe gegen das Versagen, Trinkgelage verursachen Kopfschmerzen und Übelkeit, Alberts Studienzeit ist gekennzeichnet von Trägheit, Trauer und Tatenlosigkeit. Schon die ersten drei Sätze des Buches geben die Marschrichtung des gesamten Zyklus’ vor: "Eine Katastrophe kommt selten allein. Am liebsten überfallen sie einen im Gruppenverband. Sie trommeln sich gegenseitig zusammen und kündigen einander an: Ein Unglück ist der Hiobsbote des nächsten."

Der zweite, 1985 erschienene und etwa ebenso umfangreiche Band De gevarendriehoek bildet die Vorgeschichte zu Fallende Eltern. Das titelgebende Gefahrendreieck wird aus einer Straße, einem Gleisstück und einem Kanal in Alberts Geburtsstadt Geldrop gebildet, es ist das Gelände, in dem Albert als Kind häufig spielt und seine ersten Abenteuer besteht. Alberts Vater arbeitet als Lackierer bei Philips, er ist Alkoholiker, jähzornig und neigt zu Exzessen. Obwohl sich Alberts Eltern permanent streiten, bringen sie es nicht fertig, sich scheiden zu lassen. Albert versagt als Schüler und später auch als Liebhaber, nach dem Abitur geht er als Student nach Nimwegen und wird dort von seiner eingebildeten Impotenz befreit.

Neben Albert und Thjum rückt nun auch ihr gemeinsamer Jugendfreund Felix stärker in den erzählerischen Vordergrund. Die Namenswahl ist kein Zufall, Van der Heijden, dessen Hauptthema die Identitätssuche und -stiftung ist, hat seine Persönlichkeit in das Dreigestirn aufgeteilt. In Albert, den talentierten, aber antriebslosen Schriftsteller; in Felix bzw. Flix, den gewalttätigen, rücksichtslosen Bildhauer; und in Theo bzw. Thjum, den weichen, verwöhnten Schauspieler. A. F. Th. – so lauten auch die Initialen, mit denen Van der Heijden seinen Vornamen auf den Büchern der Zahnlosen Zeit abkürzt.

Ein leitendes Thema des Zyklus’ ist das Überleben. Der radikale Realist Flix wird Thjum bei einer künstlerischen Aktion später versehentlich töten, beide Gestalten verlassen die Bühne und nur der – wie Van der Heijden selbst – in einer angemieteten Amsterdamer Gefängniszelle schreibende Autor Albert überleben.

Der dritte Band der Zahnlosen Zeit ist in zwei Bücher aufgeteilt und steht ganz im Zeichen der verhängnisvollen Schneenacht 1977. Albert zieht nach Amsterdam und verliebt sich in Zwanet. In der verhängnisvollen Nacht läßt er eine Verabredung mit ihr sausen, ein paar Stunden später wird sie vergewaltigt. Albert trifft Ali und raucht zum ersten Mal Heroin. Das ist das Geschehen des ersten Bandes Het Hof van Barmhartigheid (dt. Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, 2003). Der zweite Teil Onder het plaveisel het moeras (dt. Unterm Pflaster der Sumpf, 2003) reicht bis 1980 und zeigt Alberts stetigen Verfall. Alle Entzugsversuche sind gescheitert, Albert spritzt sich inzwischen das Gift, er lebt in einem Abrißhaus, finanziert seinen Drogenkonsum mit Autoeinbrüchen, seine Impotenz ist zurückgekehrt.

Dieser dritte Band ist das monströseste und außergewöhnlichste Buch der Zahnlosen Zeit, und das Geschehen ist mit zahlreichen weiteren Handlungssträngen und Episoden verflochten. Die Geschichte der mutmaßlichen Elternmörderin Hennie Avezaath wird erzählt, Albert kommt mit einem Babyhändler- und Kinderpornoring in Berührung und lernt den Schriftsteller Patrick Gossaert alias Patrizio Canaponi, einer weiteren Persönlichkeitsabspaltung Van der Heijdens, kennen. Die Perspektiven wechseln von Kapitel zu Kapitel, Van der Heijden schiebt die Zeitachsen und Erzählstränge teilweise wie in einer Doppelhelix ineinander und hebt so die Linearität der Handlung auf. Dieses verwirrende, aber ästhetisch äußerst faszinierende Prinzip herrscht auch im vierten und letzten Buch der Zahnlosen Zeit vor.

Advocaat van de hanen (dt. Der Anwalt der Hähne, 1995) spielt vorrangig in den Jahren 1985 und 1986 und berichtet nur am Rande von Albert. Hauptfigur des über sechshundert Seiten langen Werkes ist der Quartalstrinker Ernst Quispel, ein ehemals sozial engagierter Rechtsanwalt, der sich früher für die autonomen Amsterdamer Hausbesetzerpunks mit ihren gefärbten, aufgerichten "Hahnenkamm"-Frisuren einsetzte. Inzwischen ist Quispel mit Zwanet verheiratet und hat ein Kind mit ihr, er steigt die Karriereleiter empor und gerät während einer seiner Trinkperioden in einen schwerwiegenden Gewissenskonflikt mit seinen alten Schützlingen. Zum Schluß verwandelt sich der Dipsomane in einen gewöhnlichen Alkoholiker, Zwanet verläßt ihn und kehrt zum mittlerweile cleanen und als Bühnenautor arbeitenden Albert zurück: Das Happy End des einen ist das Unglück des anderen.

In den Niederlanden erschien der Roman 1990 und damit sechs Jahre vor dem dritten und den Zyklus komplettierenden Teil. In Deutschland wurde die Rezeption der Zahnlosen Zeit wiederum dadurch erschwert, daß Der Anwalt der Hähne das erste der vier in Deutschland veröffentlichten Romanwerke war – aber ein nicht unbedeutender Reiz des Buches in den Seitenblicken auf Albert liegt. Generell bietet sich die handlungschronologische und nicht editions- und stilgeschichtliche Lektüre an, da zumindest die Kenntnis des vierten viel von der Spannung und Dramatik des dritten Bandes raubt.

In die offizielle Zählung der Zahnlosen Zeit mitaufgenommen wurden zwei weitere Satellitenbücher. Der im selben Jahr wie Fallende Eltern veröffentlichte Prolog De Slag om de Blauwbrug (dt. Die Schlacht um die Blaubrücke, 2001). Die Erzählung spielt an Alberts dreißigstem Geburtstag und dokumentiert sein klägliches und gefährliches Dasein als Junkie und Autoknacker. Außerdem erschien 1992 in den Niederlanden als Buchwochengeschenk in einer Auflage von 548.000 Exemplaren das Intermezzo Weerborstels (dt. Der Widerborst, 1993), in dem das kurze Leben von Alberts geschwindigkeitssüchtigem Cousin Robby nacherzählt wird. Von den sieben Romanen und Novellen, die Van der Heijden bis 1996 zusätzlich veröffentlichte, gehören aber mindestens noch vier weitere in das engere Umfeld der Zahnlosen Zeit. Der Roman De sandwich, een requiem (1986), ein Erinnerungsbuch und eine sexuelle Phantasie über zwei früh verstorbene Jugendfreunde, die Vatervergeltung Asbestemming (1994) und seine beiden Erstlingswerke, die Van der Heijden Ende der siebziger Jahre unter dem Psdeudonym Patrizio Canaponi veröffentlichte.

Zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere teilte sich Van der Heijden aus künstlerischen Überlegungen in die parallel arbeitenden Autorenidentitäten Albert Egberts und Patrizio Canaponi. Als Egberts sah er sich als niederländischer Céline, sein Schreibprojekt war der schonungslos-realistische Roman "Scheren". Egberts’ durchsetzte die Sprache mit Flüchen, Obszönitäten und umgangssprachlichen Floskeln, sein Stil war kräftig, rüde und abgehackt. Egberts manieristisches Gegenstück war Canaponi. Der Poet mit den vorgeblich niederländisch-italienischen Wurzeln schrieb seelenvolle Erzählungen, er liebte das Barocke und Ausufernde, seine Sätze waren lang und voller Zierrat, die Handlungen kompliziert und überkonstruiert. Van der Heijden bezeichnete Canaponis Stil später als "Revisor"-Prosa, benannt nach dem damals propagierten Stil der einflußreichen, 1974 gegründeten Literaturzeitschrift De Revisor. Sie veröffentlichte 1978 Canaponis erste Erzählung, und der Autor erhielt im Zuge des Abdrucks die Möglichkeit, sein Debütwerk zu veröffentlichen. Van der Heijden nutzte die Chance, konzentrierte sich auf sein Canaponi-Ich und veröffentlichte 1978 den Erzählungsband Een Gondel in de Herenfracht en andere verhalen und 1979 den Roman De draaideur (dt. Die Drehtür, 1997). Der Autor hieß jeweils Patrizio Canaponi, doch die Umschlagbilder zeigten Van der Heijden.

Das Pseudonym wurde rasch enttarnt und brachte dem Autor einigen Spott ein. Im Herbst 1979 gibt Van der Heijden seine Autorenmystifikationen auf, Canaponis und Egberts’ Schreibstil fließen zusammen und der Schriftsteller A. F. Th. van der Heijden wird geboren. In der Folge verwandelt sich Albert Egberts in die Hauptfigur seines eigenen Romanvorhabens. Der Roman "Scheren" wird später "Die Sumpfmöse" heißen – für Van der Heijden sind die Niederlande ein bebautes Sumpfgebiet mit dem Umriß einer Vagina; dieses Bild zitiert auch der Titel des zweiten Halbbandes des dritten Teils Umterm Pflaster der Sumpf. Danach "A working class Hero", in Anlehnung an ein Lied von John Lennon. Nach dessen Ermordung Ende 1980 fällt auch dieser Titel unter dem Tisch und der Roman, der bereits in mehrere Bücher zerfallen ist, erhält seinen endgültigen Namen: Die Zahnlose Zeit.

Der Titel ist für Van der Heijden ein Synonym für die siebziger Jahre. Nach den bewegten, aufgeregten sechziger Jahren folgte das matte Jahrzehnt. Die Zeit hatte ihren Biß verloren – lahm, lasch und lau lebten die Menschen vor sich hin. "Es war nichts mehr los", so van der Heijden. "Man kam noch in marxistischen Arbeitsgruppen zusammen, aber die Luft war raus." Drogen und sexuelle Experimente dienten nicht mehr der Befreiung und Bewußtseinserweiterung, sondern der Betäubung. Die einstige Auseinandersetzung auf der Straße fand nun im Privaten, im Inneren oder bloß in der Einbildung statt. Dagegen lehnt sich Albert auf, er will gegen den Stillstand ankämpfen, er sucht "das Leben in der Breite". Albert will den Kick, giert nach Erregungen und Ausdehnung – doch seine Handlungen bleiben oberflächlich. Anstatt gegen seinen Vater zu rebellieren, studiert er den Prozeß gegen eine mutmaßliche Elternmörderin oder hantiert an seinem Stammbaum. Später wird ihm das Rauschgift dabei helfen, sein Leben wie ein Kaugummi in die Breite zu ziehen, doch in seiner ganzen Abhängigkeit, Gleichgültigkeit und Erbärmlichkeit ähnelt er bloß seinem Vater. Erst als Albert selbst zur Tat schreitet, einen Amsterdamer Neonazi attackiert und dafür acht Monate ins Gefängnis muß, wendet sich für ihn alles zum Guten. Im Knast kommt Albert vom Heroin los, er fängt mit dem Schreiben an, erobert nach seiner Entlassung Zwanet zurück und kann sang- und klanglos in den achtziger Jahren verschwinden.

Die zahnlose Zeit strotzt vor verwegenen Bildern, gewagten Vergleichen und übermütigen Metaphern: Die Vulva, die wie ein Schmetterling mit geschlossenen Flügeln aussieht; ein im Gesicht und am ganzen Körper tätowierter Säugling; das Konjugationszeichen & – das für Van der Heijden den Lotussitz piktographisch abbildet. Flüsse, Städte, Feiertage, Straßennamen und Zahlen … fast alles hat in dem Zyklus eine Bedeutung und besitzt formale Funktionen. Bilder werden erinnert, wiederholt, variiert und struktieren so die Zahnlose Zeit. Eine wichtige Funktion übernimmt dabei die Scheren-Metapher. Scheren symbolisieren Alberts Heroinsucht und helfen ihm dabei, Autos zu knacken. Stumpfe Scheren symbolisieren seine Impotenz, als Zangen und zweischneidige Messer führen sie ihm seine Abhängigkeit, den Zwang und die Gefahr vor Augen. Scheren bereiten Albert Schmerzen, sie sind Zeichen des Übergangs, teilen Raum und Zeit und markieren die Kreuzwege, an denen sich die Lebenslinien der Protagonisten berühren.

Die Zahnlose Zeit ist ein großer Gesellschafts- und Zeitroman und zugleich eine individuelle Lebensgeschichte und ein radikal autobiographisches Werk. Wie Albert, der in dem Werk zeitweise als Stofflieferant für den Literaten Patrick Gossaert alias Canaponi arbeitet, wringt Van der Heijden sein Leben nach Erzählbarem aus, lädt die abgefallenen Erinnerungen und Erlebnisse mit Bedeutungen auf – so lange, bis sie dermaßen schwer werden, daß sie sich von seiner Person lösen – und verteilt sie auf seine Protagonisten. Mit ungeheuerer Einbildungskraft quält und mißbraucht Van der Heijden seine Figuren, die wie die Elternmörderin Hennie Avezaath oder der im Gefängnis umgekommene Hausbesetzer Kiliaan Noppen oftmals reale Vorbilder haben. Der Autor experimentiert mit seinen Protagonisten und entfaltet eine maßlose Phantasie im Ausdenken immer neuer, schrecklicherer Versuchsanordnungen, die in kunstvoller Weise mit der Zeitgeschichte verbunden sind. Van der Heijden ist Naturalist, Journalist, Tagebuchschreiber und Märchenonkel in einem, ein Schriftsteller, der jede Tatsache, jedes Stück Wirklichkeit so lange im Sud seiner Sprache wendet, bis es sich in etwas anderes, in etwas Stellvertretendes und Sinnbildliches verwandelt hat. Carol Peters nennt Van der Heijden zu Recht einen "realistischen Mythomanen".

Die Zahnlose Zeit strotzt vor drastischen Bildern und berichtet en détail von sexuellen Ausschweifungen, Drogenexzessen, Gewaltausbrüchen und Grenzüberschreitungen. Doch bemerkenswerter als die Bilder, sind die Worte. Als Antwort auf den Sprachhaß seines Elternhauses entwickelte Van der Heijden eine stilistische Wucht und barocke Wortkraft, die tatsächlich trunken macht. Eleganz und Derbheit, Anmut und Geradlinigkeit, Wohlklang und Widerlichkeiten verbinden sich bei Van der Heijden zu einer einzigartigen poetischen Sprache, die berauscht, begeistert und regelrecht süchtig macht und den Leser durch die schwärzesten Abgründe seiner Ideenwelt peitscht.

Ebenso ungeheuerlich wie das Geschehen ist die Entstehungsgeschichte der Zahnlosen Zeit. Ähnlich wie Robert Musils unvollendeter Der Mann ohne Eigenschaften oder der dreißig Jahre lang ersehnte, letztlich nie realisierte große Amerika-Roman Harold Brodkeys entzog sich das Werk allmählich dem Verfasser und mutierte zu etwas Übermäßigem und Abnormen. Van der Heijdens diesbezügliche, über fünfzehn Jahre währende Korrespondenz mit seinen Lektoren spricht eine eindeutige Sprache: Es sind seitenlange Entschuldigungen, Vertröstungen, Umwerfungen und neue Versprechungen. Die Romane, von denen teilweise schon Blindbände an Buchhandlungen ausgeliefert wurden, ändern ihren Umfang, erhalten neue Titel und Inhaltsangaben. Fertige Cover, für die der Autor lange Zeit gekämpft hat, werden mit wenigen Sätzen verworfen. In einigen Briefen schickt Van der Heijden als Absender sogar seine Frau vor. Gewaltig ist auch der materielle Druck, der zu Beginn der achtziger Jahre auf ihm lastete – sogar das Finanzamt bezweifelte, daß man von so wenigen Einnahmen so lange leben könne … Daß die Zahnlose Zeit letztlich komplett erschienen ist, ist für die Leser ein Glücksfall, war aber lange Zeit noch unwahrscheinlicher, als daß Albert vom Heroin loskommt.

Der Romanzyklus zählt heute zu den wichtigsten literarischen Werken der europäischen Gegenwartsliteratur, sein Autor ist in den Niederlanden ein Star und einer der bestverkaufenden Autoren. Nach dem Abschluß der Zahnlosen Zeit begann Van der Heijden sogleich mit der Abfassung eines neuen Großwerkes, dessen siebenhundertseitige Nullnummer – der Roman De Movo Tapes - letztes Jahr erschienen ist. Der Zyklus homo duplex ist inzwischen auf sieben geplante Romane und einen essayistischen Ergänzungsband angeschwollen und soll eine moderne Fassung der Ödipus-Saga werden. homo duplex erscheint unter Van der Heijdens vom Familiennamen befreiten Initialen A. F. Th. – welchen Umfang und welche Gestalt der Zyklus letztlich haben wird und was von Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden am Ende übrig bleiben wird, wird die Zeit zeigen.



(Erstveröffentlichung in Merkur 662 (Juni 2004), S. 534-538.)