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Die Box



Juli 2004
Manske
für satt.org

Dietmar Dath: Phono
oder Staat ohne Namen
Verbrecher Verlag, Berlin 2004


Dietmar Dath: Phonon oder Staat ohne Namen

274 Seiten, Tb.
14 Euro
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Dietmar Dath: Phonon
oder Staat ohne Namen


Für die, die’s interessiert: "Ein Phonon ist ein Quasiteilchen, das in der Festkörperphysik eingeführt wird, um die Eigenschaften der quantenmechanisch beschriebenen Gitterschwingungen in einem Kristall besser beschreiben zu können. Das Modell der Gitterschwingungen setzt eine kristalline Ordnung des Festkörpers zwingend voraus. Auch amorphe, d.h. nicht kristallin geordnete Festkörper wie z.B. Gläser zeigen Schwingungen der Elementarteilchen untereinander, man bezeichnet diese aber nicht als Phononen." So die Definition bei wikipedia.org. Nicht, dass man damit mehr wüsste über den Roman Dietmar Daths, der jetzt in einer Neuauflage erschienen ist. Aber man kann es ja mal im Hinterkopf behalten.



Dietmar Dath
Dietmar Dath

"Phonon" spielt im Fantasy-Land Kandor, unschwer zu entziffern als das Köln der Milleniumwende, und der Erzähler Martin Mahr ist Chefredakteur der Pop-Zeitschrift "Phonon" – unschwer zu erkennen als Symbolisierung der "Spex", deren Chefredakteur Dath von 1998 bis 2000 war. Man kann also "Phonon" natürlich als einen Schlüsselroman lesen und sich freuen über jede Figur der Zeitgeschichte, die man erkannt hat: aus Jochen Distelmeyer von Blumfeld wird zum Beispiel Joachim Klettenmüller, Sänger der Band Wiesengrund, aus Rainald Goetz wird Karl Wigner. Das ist ein bisschen klamaukig, aber amüsant. Ganz nebenbei erfährt man eine Menge aus dem Redaktionsalltag eines Kultmagazins und wie verspult die Leute da herumlaufen. Wer hätte es gedacht: Es finden dieselben Nasenpopeleien, Intrigen und Grabenkriege statt wie in jedem anderen Büro dieser Welt. Das ist desillusionierend, tröstlich und äußerst unterhaltsam. Köstlich, wie die Menge der überkandidelten, hochnäsigen Kulturschaffenden abgewatscht wird: "Vielleicht dachten sie ja auch, jedes andere Benehmen als das einer Kreuzung aus Oscar Wilde und Dschingis Khan wäre irgendwie spießig." Das sitzt.

Doch auch wenn Daths Einfall, mehr als eine Seite lang die Gästeliste der "Lounge" zu zitieren und daraus ein Happening all seiner Helden und Antihelden zu machen, inklusive Werner Heisenberg & Barbara Becker, schon ziemlich genial ist: "Phonon" ist mehr als ein Namedropping-Detektivspiel aus der Zeit des Spexschen Unschuldsverlustes. In der Monarchie Kandor geschehen nämlich ganz merkwürdige Dinge, und Daths Hang zum SF-Genre macht sich deutlich bemerkbar. Eine mächtige Verschwörung ist im Gange, die langsam aber sicher auch den Baum erreicht, in dessen Spitze sich die Redaktion von Phonon befindet: Roboter geben sich als Menschen aus, grüner Schleim füllt ganze Treppenhäuser, Telefone werden abgehört, eine Untergrundgruppe namens GPI (auch Gippies genannt) treibt ihren Kampf gegen die Monarchie, Wissenschaftler werden inhaftiert und der Teufel sitzt nicht nur im Detail, sondern manchmal sogar schmatzend zwischen Plattenspielern. Nicht gerade ein rheinländisches Idyll, diese Welt. Staatsoberhaupt ist die Eulenprinzessin, Kanzler ist Schröder und man versucht krampfhaft in die NATO aufgenommen zu werden. Es gibt grob geschätzte 23.000 Querverbindungen zu allen möglichen fiktiven und nicht fiktiven Texten – und der Anführer der Gippies, Braun, ist das nicht auch Dath selbst? Der glaubhaften Gerüchten nach zusammen mit Barbara Kirchner und anderen großartigen Menschen die Gründung einer Partei namens GPI plant bzw. schon vollzogen hat?

Möglicherweise kommt da Großes auf uns zu. Vorerst aber lesen wir wieder und wieder gebannt, wie hellsichtig Dath den Finger in die Wunden der Gesellschaft legt, in der wir leben, ob sie nun Kandor heißt, BRD oder Deutschland. Die Wiederauflage dieses Buches, das in seiner Mini-Erstauflage sofort vergriffen war, muss unbedingt begrüßt werden. Einziges Manko, das ich meinerseits an "Phonon" zu bemängeln habe, ist sein Schluss, denn der ist keiner, ist mehr ein Davonstehlen vor den Fragen, die man sich unweigerlich stellen muss. Denn ob Martin Mahr die biblische Apokalypse überlebt, der Dath hier ein würdiges Denkmal setzt, bleibt offen: "Wir können es nicht wissen; es gibt kein Buch, in dem es steht." Da ist man erst mal baff.

Im Nachwort zur Neuauflage macht Dath nicht ohne Stolz darauf aufmerksam, die Szene der brennenden Fabrik geschlagene 8 Monate vor 9/11/01 geschrieben zu haben – wie gesagt: hellsichtig war er halt schon immer. Also statt Michael Moore gucken lieber Dietmar Dath lesen. Man lernt mehr dabei, sogar etwas über Physik. Und, bitte: Gegen die mancherorts aufgestellte Behauptung, er gehöre zur "Generation Golf", sollte sich Dath handgreiflich wehren.