Anzeige:
Die Box



März 2004
Stan LaFleur
für satt.org

Rainer Junghardt:
Die Rottecks
In den Filialen Chicagos I

Pro BUSINESS, Berlin 2003

Rainer Junghardt: Die Rottecks – In den Filialen

267 S., 16,50 EUR

Dolce Vita in Mannheim

Rainer Junghardt:
Die Rottecks
In den Filialen Chicagos I



Michael Rotteck ist gleichermaßen planlos und faul, intelligent und wohlerzogen. Weil der Mittzwanziger Sproß einer Mannheimer Maschinenbau-Dynastie ist, kann er sich ein süßes Leben zwischen Mädchen flachlegen und Sportwagen fahren erlauben. Was heuer klingt wie ein Stück weiterer überflüssiger Popprosa hat hier mit solchem Genre kaum Berührungspunkte. Vielmehr handelt sich bei "Die Rottecks" um einen komplexen, sauber durchdachten und spannenden Entwicklungsroman, der seinen Helden durch innere Reflexion und eine Menge unerwarteter Schicksalsfügungen leitet. Anklänge an Erlauchtes aus der Vergangenheit (wie z.B. Thomas Manns Hochstaplersaga Felix Krull) sind durchaus gewollt und vorhanden.

Die Story beginnt ganz großartig mit einem doppelten Filmriß. Eines schönen Morgens erwacht Michael Rotteck in seinem Bett, angenehm überrascht, neben einer fremden Schönen. Auch die kann sich nicht an die Vorgänge der Nacht erinnern. Beider Kater sprechen Bände. Im recht erfolglosen Bemühen, das Vorgeschehen zu rekonstruieren, verliebt sich Rotteck in die Gefährtin, die jedoch weder ihren Namen nennen, noch etwa von seinen Avancen wissen will. Bevor sich die beiden launisch flirtend voneinander verabschieden, erwähnt die junge Dame beiläufig ihre fruchtlose Beschäftigung mit einer Anlage, die mittels Biogasen Heizungen oder Motoren betreiben könnte, sie ist von Beruf Chemielaborantin. Die beiläufige Erwähnung wird sich auf kuriose Weise zur Triebfeder von Michael Rottecks kommenden Lebensjahren auswachsen.

Im folgenden erfährt der geneigte Leser in kurz gehaltenen Kapiteln mehr von Michael Rottecks Lebensstil. Gelegentlich wird die elterliche Spritze eingestellt, immer dann wenn Vater meint, der Sohn solle sich im Familienbetrieb engagieren. Mit kleineren, ein wenig anstrengenden Willensbekundungen gelingt es Michael stets, den Geldhahn wieder aufzudrehen. Die meiste und liebste Zeit verbringt der Industriellensohn indes auf mondänen Parties bei befreundeten Modemagnaten in einer Heilbronner Villa und mit waghalsigen Autofahrten durch den Odenwald. Es soll halt hoch hergehen. Doch der Schein glänzt und trügt. Hinter der hollywoodartigen Kulisse spielt sich echtes deutsches Gegenwartsgeschehen ab. Mehr oder minder zufallsgespeist beginnt der junge Rotteck den Ernst seiner Existenz zu ahnen. Die Konsequenz: der Findungsprozeß nimmt seinen geradlinig-holprigen Lauf. Rotteck startet durch. Vom Wegrand winken die Begleiter.

Im Handlungsgang, häufig auch in Exkursen, werden Freunde und Familienmitglieder des jungen Helden vorgestellt. Ein Aufmarsch spleeniger und normaler Gestalten, ein hübsches Sammelsurium, das seinen Autor reihenweise zu vorzüglichen Dialogen inspiriert. Derart erweitert sich die Handlung, schlägt Kapriolen, spreizt sich und fügt sich zusammen, daß es eine Lust ist, getragen von den unterschiedlichen Charakteren, gelegentlich, einem feinen Witz gehorchend: durchsetzt mit originellen Fachvokabular-Passagen (Heizungsanlagen und Autozubehör).

Dem Kölner Autoren Rainer Junghardt ist mit dem ersten Teil seiner auf fünf (!) Bände angelegten Gesellschafts-Saga über das Deutschland der Gegenwart ein inspiriertes Erzählstück gelungen. Der Leser erhält Einblick in die Welt der Reichen und Schönen, trifft nichtsdestotrotz auf Loser und Normalos, durchsetzt von coolen Dialogen und verschlungenen, kunstvoll geschusterten Handlungswegen, die immer realitätsnah bleiben. Kurze Sätze treiben die Story voran, die häufig Raum für detailliert recherchierte Beobachtungen läßt. Die solcherart entstandenen Exkurse markieren vergnüglich bis ernsthaft die Blasen, mit denen sich der moderne (aus dem System Vollbeschäftigung geschleuderte) Mensch geflissentlich den lieben langen Tag (oder wenigstens Teile davon) beschäftigt. Keine Anklage – das reine Konstatieren ist aussagekräftig genug.