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Die Box



Oktober 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Jeffrey Eugenides:
Middlesex

Rowohlt, Reinbek 2003

Jeffrey Eugenides: Middlesex

733 Seiten, geb.
24,90 EUR
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Jeffrey Eugenides:
Middlesex



Fast ein Jahrzehnt nach seinem mittlerweile verfilmten Debütroman „The Virgin Suicides“ folgte nun der zweite, erheblich dickere Roman von Jeffrey Eugenides - und räumte gleich erstmal den Pulitzer Preis ab!

Auf den ersten Blick verbindet die beiden Werke wenig, denn während „The Virgin Suicides“ ein nostalgischer Rückblick auf den Zauber der Pubertät war, schickt sich Middlesex gleich an, eine Generationen übergreifende Familiengeschichte ganz im Sinne der „great American novel“ zu werden - und erinnert dabei gleich an zwei eher britische Werke: Salman Rushdies „Midnight’s Children“ und Zadie Smiths „White Teeth“. Vom Tonfall her liegt „Middlesex“ genau zwischen diesen Werken. Zwar vergehen auch hier (wie bei Rushdie) erstmal einige hundert Seiten, bis die Hauptfigur überhaupt geboren ist, aber wenn man mal über die unübersehbaren metatextuellen Ansätze hinwegsieht, ist „Middlesex“ eben kein bemühter Versuch eines intellektuellen Rundumschlags, sondern zeugt eher von der leichten Komik der jungen Zadie Smith. Und Jeffrey Eugenides liegt auch rein altersmäßig in der Mitte zwischen der leichtfüssigen Debütantin und dem schwergewichtigen Literaturpapst.

Vor allem geht es aber in „Middlesex“ weniger um kulturelle als um sexuelle Identität. Calliope Stephanides stammt zwar aus der zweiten Generation griechischer Einwanderer, aber wichtiger als die Einschiffung seiner Großeltern und die „Hercules“-Hot Dog-Kette ihres Vaters ist Callies (oder Cals) Geschlecht. „Middlesex“ hat weniger mit Essex und Wessex zu tun als mit einer chromosomalen Mutation, wie es zu ihr kam, und wie sie dazu führte, daß die Hauptfigur sozusagen zweimal geboren wird (schon aus diesem Grunde kann man auch gut einige Kapitel lang auf die erste Geburt warten).

Das wahrscheinlich bekannteste Zitat aus „The Virgin Suicides“ ist die Entgegnung der jüngsten Selbstmordkandidatin auf den Einwurf eines Arztes, daß sie in ihrem Alter doch noch gar nicht wissen könne, welche Höhen und Tiefen das Leben beinhalte. Lakonisch antwortet sie:

"Obviously, Doctor, you've never been a thirteen-year-old girl."

Und schon ist der Bezug zu „Middlesex“ gefunden, denn es ist ebenso offensichtlich, daß der Großteil der Leserschaft niemals im Körper eines 14-jährigen Hermaphroditen steckte …

Und genau wie „The Virgin Suicides“ durch eine originelle Erzählerstimme begeisterte (von der man im Film leider nur wenig merkt), so lebt auch „Middlesex“ von seiner Erzählsituation. Schon zu Beginn des Buches weist Cal(lie) darauf hin, daß die Linearität seiner maskulinen Seite ebenso zu Worte kommen wird wie die circularity ihrer weiblichen Stimme. Zumindest unbewusst parallelisiert Eugenides diese narrativen Prinzipien mit den biologischen Merkmalen der Geschlechter: ovary vs. testes

Doch statt eines narrativen war of the sexes verdeutlicht „Middlesex“ und sein Erzählerin eben die Grauzone zwischen den Extremen - so wie auch Zadie Smith ihre Geschichte streng chronologisch erzählte und Salman Rushdie seine Narration solange im Kreis führte, bis dem Leser schwindelig wurde.

Einige Worte zur Geschichte: Über drei Generationen verfolgen wir die Geschichte ausgewählter Mitglieder der Familie Stephanides (die Namensähnlichkeit mit dem Autor ist ebenso auffällig wie die ähnlichen Handlungsorte in dessen Biographie und im Roman). Allein gelassen im brennenden und von Flüchtlingen überlaufenen Smyrna des Jahres 1922 geraten zwei junge Menschen auf ein rettendes Schiff gen Amerika - und wir erleben eine romantische Liebesgeschichte an Bord.

“Newlyweds,“ Captain Kontoulis said, watching the lifeboat rock.
“Oh, to be young again.“

Angekommen in Detroit bei einer Verwandten, müssen sich die beiden durchschlagen - und wir werden Zeuge einer zweiten Liebesgeschichte, bei der es aber diesmal einen Nebenbuhler gibt.

Ab Seite 243 sehen wir dann die Welt vorwiegend mit den Augen Cal(lie)s, kulminierend in ihrem vierzehnten Sommer und dem Urlaub zusammen mit dem „obskuren Object“ und deren Bruder Jerome. „Middlesex“ ist nicht nur der Titel des Kapitels in der Mitte des Buches und eines futuristisch anmutenden Hauses, in dem die Familie einzieht, „Middlesex“ ist auch die wohl passendste Umschreibung der Ereignisse dieses Sommers, wo Cal(lie) hin- und hergerissen ist zwischen ihren Gefühlen für eine Mitschülerin und dem „normal“ erscheinenden Weg, sich von deren Bruder verführen zu lassen. Und schließlich landet auch Calliope vor einem Doktor, der glaubt, er hätte auf alle Genderfragen die richtige Antwort …

“What about boys?“
“What about them?“
“Is there a boy at school you like?“
“I guess you’ve never been to my school, Doctor.“
He checked his file. „Oh, it’s a girls’ school, isn’t it?“
“Yup.“
“Are you sexually attracted to girls?“ Luce said this quickly. It was like a tap from a rubber hammer. But I stifled my reflex.

Das letzte Wort hat immer noch Cal selbst, der dann wie eine Mischung aus Holden Caulfield und John Merrick auf eine Odyssee durch das Amerika der 70er geht - bis er den Weg in die Rahmenhandlung findet und als fast Vierzigjähriger in Berlin einen erneuten zum Scheitern verurteilten Annäherungsversuch bei dem aktuellen Objekt der Begierde, der Orientalin Julie Kikuchi, wagt.

“The Virgin Suicides“ ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher - aber ich muß zugeben, „Middlesex“ ist wahrscheinlich noch besser. Es bleibt zu hoffen, daß der nächste Roman von Jeffrey Eugenides nicht so lange auf sich warten lässt.