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Die Box



September 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Neil Gaiman:
Coraline. Gefangen hinter dem Spiegel

mit Illustrationen von Dave McKean
Arena Verlag, Würzburg 2003

Neil Gaiman: Coraline. Gefangen hinter dem Spiegel.

175 S., geb.
12,90 EUR
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Neil Gaiman: Coraline


Einige Kritiker prophezeien vollmundig, daß dieser kurze Roman von Gaiman ein Klassiker werden könnte, der sogar "Alice in Wonderland" vom Sockel stoßen könnte. Obwohl es schwer fällt, "Coraline" nicht in der Tradition der "Lost Girls" (Alice, Dorothy, Wendy, Chihiro) zu sehen, erscheint mir dieses Lob jedoch etwas überzogen.

Coraline ist mit ihren Eltern in ein anderes Haus umgezogen. Das Mädchen langweilt sich in den Schulferien, die Nachbarn können sich nicht einmal ihren Namen merken und nennen sie immer Caroline, was immens nervig ist, und alle interessanten Dinge in der neuen Umgebung hat sie schnell ausgemacht. Aber eine zugemauerte Tür zu einer früher verbundenen Zwillingswohnung erweckt ihre Neugier und schließlich landet sie in einer Art Spiegelwelt, in der alles viel interessanter ist. Hier können Katzen reden, Hunde ernähren sich ausschließlich von Schokolade, und ihre "anderen" Eltern schenken ihr endlich mal etwas Aufmerksamkeit …

Es ist allerdings etwas seltsam, daß ihre anderen Eltern anstelle von Augen nur schwarze Knöpfe an den entsprechenden Stellen angenäht haben, und ihre Versicherung, es würde nicht wehtun, wenn sie Coraline derselben Prozedur unterziehen, um sie zu einem vollwertigen Familienmitglied zu machen, treibt Coraline zunächst einmal wieder in ihre langweiligere, aber auch harmlosere Ausgangswelt. Als sie dann jdoch einmal allein zu Hause gelassen wird, während ihre Mutter einkaufen fährt, klettert sie auf einen Stuhl und organisiert sich den verbotenen Schlüssel zur geheimnisvollen anderen Welt.

Laut (amerikanischem) Umschlag ist dieses Buch für Kinder ab 8 empfohlen, was ich etwas gewagt finde, denn die Geschichte ist definitiv unheimlich. Die Sache mit den Knöpfen ist ja schon schlimm genug, aber Fledermaushunde, die an der Decke hängen, brotteigähnliche Wesen, die in einem Spinnen-/Alienmäßigen Kokon zusammenschmelzen, Ratten, deren Augen rot leuchten, eine langfingrige gefährliche Hand, die allein auf die Jagd geht oder die Geister früherer Kinder, die in die selbe Falle wie Coraline gingen - an Möglichkeiten, Kindern Alpträume zu bereiten, wird wenig ausgelassen.

Natürlich sind auch Grimms Märchen blutrünstig, und wer die Geschichte gelesen hat, die Neil Gaimans Tochter Holly in jungen Jahren für die Horror-Anthologie "Taboo" verfasst hat, weiß, daß Gaiman-Abkömmlinge "hart im Nehmen" sind, aber auch, wenn ich diese Geschichte gerne meiner Nichte vorlesen würde, warte ich damit definitiv länger als bis zu ihrem achten Geburtstag - die Empfehlung der deutschen Ausgabe „ab 10 J.“ erscheint mir da ausnahmsweise angemessener.

Gaiman benutzt altbekannte Versatzstücke wie eine Spiegelwelt, die sich schließlich nur als Illusion einer hexenähnlichen Kreatur offenbart, oder das Mädchen, das allen Mut zusammennehmen muß, um die Eltern zu retten, erzählt die Geschichte aber mit den typischen Ingredenzien seiner Stories. Dabei funktioniert die Geschichte natürlich auch für Erwachsene, weil Gaiman als Vater gut einschätzen kann, wie schwierig es für einen jungen Menschen sein muß, in die seltsame Welt der Erwachsenen ein wenig Sinn hineinzubringen. So findet sich Coraline etwa in einem Theater, in dem die zwei ulkigen Damen von nebenan (Miss Spink & Miss Forcible) vor einem Auditorium, das abgesehen von Coraline ausschließlich aus kleinen Hunden besteht, ihre in der realen Welt immer wieder nostalgisch zum Lieblinsthema von Diskussionen erklärten vormaligen Schauspieltalente demonstrieren …

"This is my favorite bit," whispered the little dog in the seat next to Coraline.
The other Miss Forcible picked a knife out of a box on the corner of the stage. "Is this a dagger that I see before me?" she asked.
"Yes!" shouted all the little dogs. "It is!"
Miss Forcible curtsied, and all the dogs applauded again. Coraline didn't bother clapping this time.