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Juni 2003
Tobias Lehmkuhl
für satt.org

Oskar Pastior:
Jetzt kann man schreiben was man will

Werkausgabe Band 2
Herausgegeben von Ernest Wichner
Hanser Verlag, München 2003

OSKAR PASTIOR: Jetzt kann man schreiben was man will
344 S., 19,90 EUR
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Oskar Pastior:
Jetzt kann man schreiben
was man will
Werkausgabe Band 2


Hübsch kommen sie daher, die in der Edition Akzente erscheinenden Bücher. In sanften Farben und weichem Papier. So auch der Band, mit dem die Werkausgabe des Dichters Oskar Pastior eröffnet wird. Dessen Inhalt allerdings bietet zum beschaulichen Gewand reichlich Kontrastprogramm: "Jetzt kann man schreiben was man will", unter diesem Titel sind vier seit vielen Jahren vergriffene Veröffentlichungen Pastiors aus den 70er Jahren gefasst, "Gedichtgedichte", "Höricht", "Fleischeslust" und "An die Neue Aubergine. Zeichen und Plunder". Was von Pastior zuvor erschienen war, in Rumänien und nach seiner Flucht 1967 in Deutschland, steht als Band 1 der Werkausgabe noch aus.

"Jetzt kann man schreiben was man will" ist ein Zitat aus einem der etwa siebzig kurzen Stücke der "Gedichtgedichte". Und bei diesen Stücken ist der Titel tatsächlich wörtlich zu nehmen – was bei der Pastior-Lektüre überhaupt anzuraten ist, zählt er sich doch selbst zur "Familie der Wörtlichnehmer". Bei den Gedichtgedichten handelt es sich um Gedichte über allerlei mögliche sowie unmögliche Gedichte und Gedichtarten, beispielsweise das Leitartikelgedicht, das Druckfehlergedicht oder das durchsichtige Gedicht. Indem die "Gedichtgedichte" sich diese nicht-existenten Gedichte zum Gegenstand machen, verkörpern sie sie zugleich: "die ornipse ist eine flatterhafte eigens für das LUSTIGE VOGELGEDICHT gemachte stilfigur" lautet der erste Satz eines Textes, der anscheinend etwas über die rätselhafte Ornipse und vielleicht auch etwas über das Lustige Vogelgedicht sagen will. Der Eindruck, dass es sich um einen Sachtext handelt, wird dadurch verstärkt, dass die Zeilen nicht in Verse gegliedert sind, sondern in kompaktem Blocksatz dastehen. Es folgt nun eine Aufzählung der "handwerker unter den vögeln": "der polir die spachtel der nußknacker der spengler der laubsauger [ …] die feldhaubitze der stieglhupf …" Von diesen lustigen Vögel wird man kaum je woanders gehört oder gelesen haben als eben hier. Und schon folgt der knappe Schluss: "im LUSTIGEN VOGELGEDICHT erfüllt die ornipse eine nicht unwichtige funktion sie wird mit blei gelötet". Es wird also noch genaueres über die Ornipse gesagt. Und nebenbei rundet dieser Satz das Gedicht mit einer Ellipse ab, einem Bogen der vom Ende zum Anfang geschlagen wird. Diese Ellipse wird nicht mit Blei gelötet, sondern verweist noch einmal auf die kaum zu fassende, da flatterhafte und eben drum im Vogelgedicht so passende Stilfigur.

Oskar Pastior, vor allem durch seine Lesungen zu Ruhm und einiger Berühmtheit gekommen, ist weniger Schrift- als vielmehr Hörsteller. Seine Gedichte wollen laut aufgesagt werden und sind deswegen eher Hörichte. "Höricht. Sechzig Übertragungen aus dem Frequenzbereich" heißt denn auch eine Sammlung von Texten, die alltägliche Wahrnehmungs- und Äußerungsmuster konsequent auf den Kopf stellt. Die Ich-zentrierte Perspektive, wie sie in Gedichten und gerade denen der 70er Jahre vorherrscht, wird zugunsten der Dinge der äußeren Welt verschoben und aufgelöst: "Im Bombay benannten Höricht bemüht sich ein wunderbarer Klangkörper, die Silhouette dieser Stadt dem Hörer vors geistige Auge zu bringen. Währenddessen erwächst vor dem geistigen Ohr dieser Stadt eine wunderbare Melodie."

Pastiors Mut zum Kalauer ("Effi, das Briest, liest bloß Krimis") und seine Vorliebe für Definitionen ("den rosasauren Zustand ungesättigter Flecken auf einem Löschblatt nennen wir Seele") ziehen sich durch den Band "Fleischeslust". Beherrscht wird er allerdings – zum Essen und Sprechen gibt es nur einen Ort - von der Verquickung der Wörter und der Nahrung im Mund. Die Hungerzeit, die Pastior während des Krieges in Rumänien und später im russischen Arbeitslager durchlebte, wird bei der Entstehung dieser Texte eine Rolle gespielt haben. Man spürt und hört "das Knurren einer Bauchnähmaschine", die zum Ausgleich Wörter produziert. Auch in "An die Neue Aubergine" wird ein solcher, köstlicher Wortsalat angerichtet. Eine "Große Essigmutter" tritt da auf oder eine "Grübelspeise, hin- und herflorierende". Zum Hin- und Herspringen ist der Leser angehalten: Auf der linken Seite steht zuoberst jeweils ein Text(bruch)stück, das mit "derentwegen" beginnt, am unteren Rand derselben Seite ein toastierendes Schnipsel, das jeweils mit "auf daß" einsetzt. Auf den gegenüberliegenden Seiten finden sich Zeichnungen, die ebenfalls aus Pastiors Hand stammen und eingedellte, verbogene und zermatschte Figuren und Konstellationen darstellen, höchst vergnügliche Wesen und Gebilde, die in Beziehung zu den Satzfragmenten zu setzen nicht immer leicht ist. Aber es ist ein faszinierendes Spiel (bei dem "aber jede Behauptung ernst oder wörtlich zu nehmen ist"), eines, das die Lektüre anregt und das Lese-Auge schärft.

Pastiors Gedichte sind auf seltene Weise radikal. Aus seinen Wortkombinationen spricht eine Freiheit des Denkens, die in höchstem Maße poetisch und zugleich unermesslich welthaltig ist. Sie tritt mit unerschütterlicher Bestimmtheit auf und ist doch fern aller und jeglicher "dogmalaria". "Fehlleistungen perspektivieren die Hoffnung" heißt es an einer Stelle. Ein wahr oder falsch, ein ja oder nein oder pro oder contra gibt es nicht, nur eine Haltung gegenüber der Sprache, eine Bereitschaft, sich von sprachlicher Konditionierung freizumachen. Pastior treibt die Grenzen nach außen. "Grotesken spielen sich ab, wenn man so will, jedenfalls von übergeordneten Standpunkten aus". Ist man allerdings bereit, den übergeordneten Standpunkt, den man als Leser automatisch einnimmt, zu verlassen, sich darauf einzulassen, das gängige Gefüge der Sprache aufzubrechen, dann wird man in diesen Gedichten ein seltenes Gefühl von Freiheit verspüren. Denn diese neue Freiheit muss sich erarbeitet werden, sie ist eine verdiente Freiheit. Sie wird dem Leser nicht als Bruch und Auflösung aller Konventionen vorgesetzt, sondern ihm verlockend und unpathetisch angeboten. So bewahren seine Gedichte den Reiz des Neuen, des Wunderbaren. Kein Korsett des Alltags und der Gewohnheit vermag sie einzufrieden: "ein Schwarm silberner Bedeutungsträger schwirrte hoch und kippte schwindelerregend hinab zum Meer".