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März 2003
Anne Hahn
für satt.org

Wolfgang Hilbig:
Der Schlaf der Gerechten

Erzählungen
S. Fischer, Frankfurt 2003

Wolfgang Hilbig: Der Schlaf der Gerechten

160 Seiten, EUR 16,90
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Der keinen Schlaf findet

Wolfgang Hilbig verstört mit wunderbaren Erzählungen

Da ist ein Mann, der nicht schlafen kann, der umgetrieben wird von Erinnerungen, von quälenden Gedanken. Da ist die Liebe zu einer Frau, die sterben wird, der er nie zeigen konnte, wie sehr er sie begehrt. Da ist Schuld, da ist die immer wiederkehrende Frage nach der Herkunft, dem Ursprung. Die Bilder, die Wolfgang Hilbig in seinen sieben kleinen Erzählungen malt, sind bekannt. Sie sind Essenz seiner Romane, Stoff seiner Gedichte. Und doch berühren sie den Leser immer aufs Neue, verwirren, bezaubern. Diese Landschaften der Leipziger Tagebauflächen, das Moor, die Brüche, gelbe Asche, rote Erde, das ist unverwechselbar. Atmet, glüht oder friert. Und wir mit. Wir werden hineingesogen in den Wirbel der Erinnerungen, streichen mit dem kleinen Jungen durch das Moor zu seiner Badestelle, unter deren Wasser sich das Feuer durch den Torf frisst.

"Schon kochten schmale Ausläufer des Wassers, schon jetzt war der kleine See so ungewöhnlich warm, dass man glauben mochte, er werde vom Grund her aufgeheizt. Und wenn sich Gewitterwolken in die Senke stürzten, war die ganze Gegend augenblicklich von den sich hoch auftürmenden Fontänen des Wasserdampfes erfüllt, der, je nach Windrichtung, meinem Großvater in seinem Kleingarten die Brille beschlug und der ihn veranlasste, sich in seiner Laube einzuschließen, bis der Nebel, der die schmalen Wege des Gartens unsichtbar machte, vorbei war und als brandig riechender Tau vom Blattwerk der Obstbäume tropfte."
Wer so den Urgewalten der vom Menschen vergewaltigten Natur ausgesetzt ist, denkt schärfer. Wenn er sensibel ist wie dieser Mann, der schon äußerlich einer knorrigen Föhre gleicht, dessen Wurzeln tief in den Torffeldern seiner Heimat stecken, der immer wieder zurückkehrt. Hilbig umstreicht die Schatten an der Zimmerdecke seiner Kindheit und weiß:
"Unwirklichkeit und Schein beherrschten die ganze Gegend. Und ich wusste, dass ich, wie der Lauf der Zeit es wollte, in Kürze erwachsen werden musste ( …) aber ich wusste, dass ich auch dann noch nicht, noch lange nicht an die Wahrheiten der Wirklichkeit glauben konnte."
Damit ist die Richtung des Denkens und Dichtens vorgegeben, der Dichter wird als Heizer arbeiten, wird die Bergwerke von innen, die Öfen von oben und die Nächte in ihrer ganzen Länge kennen lernen. Er wird auswandern und wiederkehren, wird nicht heimisch werden, in Nürnberg, in Berlin, in den Herzen der geliebten Frauen. Er wird nicht glauben können, an die Wahrheiten der Wirklichkeit. Seine Gedanken werden um die Mutter kreisen, die Stimmen der Frauen, die in seiner Kindheit damit drohten, ins Wasser zugehen. Um den fehlenden Vater, den stummen Heizer, um die verpassten Möglichkeiten des Lebens.

Schmerzhaft echt wirkt die Erzählung "Flaschen im Keller", die aus dem Jahre 1987 stammt. Lebendige Materie türmt sich im Keller, der gleichsam das Unterbewusstsein des Ich Erzählers darstellt. Flaschen weben sich durchs Haus, können nie geleert werden, führen ihr klebriges Eigenleben. Im schwächlichen Schlaf erregen alle Träume Übelkeit;

"wohl hundertmal sah ich mich in die Abortschüssel erbrechen, ich sah mein kräuterschnapsbitteres Herz, meine sirupgefüllten Adern, meine kandierten Eingeweide aus mir herauspoltern, bis in mir nur noch staubschwarzer Kristall war, der in Flüssigkeiten aufgelöst werden musste. Trockenheiten verödeten meine Kehle, meine Magenwände brannten wie Wüstensand … es gab kein Verlangen, das in meinem Körper jemals gestillt worden wäre: in Wahrheit nämlich konnte ich nie erbrechen, und es gab keinen Tropfen Alkohol, der in mir nicht am rechten Platz gewesen wäre."
Die erste und die letzte Erzählung des vorliegenden Bandes sind jüngeren Datums, alle anderen entstanden im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts, wie Hilbig anfügt.

Anfang und Ende schließen den Kreis der Erfahrungswelt des Dichters, am Anfang wuchs der Junge unter den Gewittern seiner Jugend, am Ende wird er ein einsamer Mann sein, der um seine Wurzeln kreist und nicht schlafen kann, nicht lieben, nicht ankommen. Sich aufspaltet in den dunklen Mann und den Schlaflosen, immer unterwegs zu einem Briefkasten. Doch die Nachrichten haben keinen Empfänger.

Wolfgang Hilbig, unter anderem Georg-Büchner-Preisträger, gelingt in seiner Prosa das seltene Kunststück, mitten in seiner Zeit und doch weit darüber zu stehen. Nachkrieg, DDR und BRD spielen nur eine Rolle als Hintergrundschablonen für die ewigen Fragen des Menschen an sich. Diese Dichte des Zweifels, in atemberaubende Beschreibung geschmiedet, macht Hilbigs Werk unverwechselbar und wertvoll. Brennen oder Frieren. Kein dazwischen.