Anzeige:
Sarah Berger: bitte öffnet den Vorhang



Januar 2003
Enno Stahl
für satt.org

Werner Rügemer:
Colonia corrupta.

Globalisierung, Privatisierung und Korruption im Schatten des Kölner Klüngels
Westfälisches Dampfboot, Münster 2002

Werner Rügemer: Colonia corrupta

158 Seiten
15,00 EUR
   » amazon
   » werner-ruegemer.de

Wir sind alle kriminell!

Zu Werner Rügemers „Colonia corrupta“


Dass es allesamt Verbrecher seien, die uns verwalten und regieren, wähnt das gemeine Volk schon lange. So übertrieben das vielleicht ist, aus den sprichwörtlichen “schwarzen Schafen” sind inzwischen stattliche Herden geworden, Spendenskandale, Begünstigung und Vorteilsnahme in allen Parteien, Korruptionsskandale bundesweit.

Unlängst blickte ganz Mediendeutschland gebannt auf den Klüngel in Köln, und manch einer glaubte gar dem Kanzlerwort, die Sache sei auf die Domstadt begrenzt. Dass dem nicht so ist, versichert der streitbare Journalist Werner Rügemer, der seit Jahren unermüdliche Aufklärungsarbeit in Sachen Korruption geleistet hat und wohl eine gewisse Mitschuld an der Aufdeckung des Kölnischen Müllskandals trägt. Die Mär von Kölner Sonderfall ist schon deshalb unglaubwürdig, da die verstrickten Firmen keine Mittelständler sind, sondern global agierende Großkonzerne. Wie Rügemer im Vorwort zu seinem Buch “Colonia corrupta” zu berichten weiß, sind zudem Ermittlungen wegen Müllmauscheleien auch in Fürstenfeldbruck, Oberhausen, Bonn, Pirmasens, Böblingen, Hamburg und einigen anderen Städten eingeleitet.

In Köln waren die krummen Geschäfte im Schatten der Verbrennungsanlage beileibe keine Ausnahme, Rügemer beschreibt in seinem Buch detailliert, wie auch andere Prestigeprojekte, etwa die KölnArena oder der ökologisch sinnleere Vorfluter Süd, ein 500 Millionen teures Kanalrohr zur Ableitung von Regenwasser, allen Vorschriften zum Trotz von immer denselben Personen aus Stadt und Amt durchgeboxt wurden. Dass ebendiese Personen (wahrlich die üblichen Verdächtigen!) daran mit verdienten, wundert niemanden. Was verblüfft, ist lediglich, mit welcher Dreistigkeit sie dabei vorgingen. Da sitzt der Oberstadtdirektor gleichzeitig im Ausichtsrat der Baufirma XXL, die dann folgerichtig den Zuschlag erhält, trotz billigerer Wettbewerber, und derselbe Beamte wird nach Beendigung seiner Staatslaufbahn mit offenen Armen in der Geschäftsführung eben jenes Konzerns empfangen. Korruption, so Rügemer, ist “die Brechung des politischen Willens der Gemeinschaft”. Sie unterlege der gesellschaftlich vereinbarten Willensbildung “eine unsichtbare Geheimstruktur”. Ganz so geheim war diese in Köln nun nicht, indes, wenn niemand es hören will und die städtischen Zeitungen sämtlich Teil eines Verbunds sind, der selbst kein Interesse an der Aufklärung haben kann …

Die Fantasie der Bereicherung der eh schon Reichen kennt keine Grenzen, und wir merken: der normale Bürger ist einfach zu blöd zum Bescheißen! Das sollte das deutsche Volk daraus lernen! Rügemers Buch bietet perfekten Anschauungsunterrricht, ja, es ist geradezu ein Leitfaden für lernwillige Nachwuchs-Korrupteure. Die Beiträge über den Ex-Oberbürgermeister Burger mit seinen fünf Gehältern, Ex-Regierungspräsident Antwerpes, schaltend und waltend in kurfürstlicher Vollkommenheit, die Müllfirma Trienekens, das noble Bankhaus Oppenheim, sie alle zeigen uns, wie man es machen muss, will man es in diesem Staat zu etwas bringen.

Es ist halt clever, sich als Funktionsträger eine 170qm-Villa (nebst 600qm-Grundstück) für schlappe 974 Mark zu gönnen. Wohingegen es dämlich ist, sich dabei erwischen zu lassen, dass man das Sozialamt um 200 Mark bescheißt - und daher gehört das auch bestraft! Das eine ist Vergünstigung, das andere Sozialbetrug. Kommt eben drauf an, wie man’s nennt.

Dass Wissen Macht ist, ist bei weitem noch nicht alles, oft bringt es sogar Geld ein. Wenn man vorher weiss, was die Firma X tut, wäre es ein Zeichen offensichtlichen Blödsinns, diese Information nicht in bare Münze umzusetzen. Wenn man darüber strauchelt wie OB-Kandidat Heugel, war man diesmal nicht gewieft genug, aber natürlich hat man seine Schäfchen (die weißen, nicht die schwarzen!) bereits ins Trockene gebracht und braucht gewiss nicht aufs Sozialamt.

Das wusste bereits Konrad Adenauer. Der Säulenheilige und Gründungsvater der Union lässt mit seinen Machenschaften, die Rügemer anhand amtlicher Dokumente aus dem Historischen Archiv der Stadt Köln hieb- und stichfest belegt, seine jüngst ertappten Nachfolger ziemlich alt aussehen. Adenauer griff für private Börsendeals tief ins Stadtsäckel, wann immer ihn die Laune kitzelte, schwarze Kassen, Insidergeschäfte weltweit, Freiwohnen auf Staatskosten, Millionenzockereien, dabei stets wetternd gegen die “materialistische Weltanschauung”, die den christlichen Geist so sehr beschämt.

Das konspirative Netz, das SPD- und CDU-Politiker gemeinsam mit Wirtschaftsbossen und Verwaltungsbeamten in Köln aufgebaut haben, ist nicht auf diese Stadt beschränkt, sondern eher exemplarisch. Dass man es sehen kann, ist reiner Zufall, weil ausnahmsweise Licht und Interesse auf die Aktivitäten der Dunkelmänner gefallen ist. Nur weil in Deutschland, anders als Italien, nicht ständig bleidurchsiebte Leichen auf der Straße liegen, hat man Jahrzehnte lang über die hiesige Korruption wohlgefällig hinweg geblickt. Jetzt ist es vermutlich zu spät, es sei denn, auch Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart, Hannover, alle Städte in Deutschland bekommen ihren Werner Rügemer und dazu Staatsanwaltschaften, die (nach langem Zögern dann irgendwann doch) konsequent tätig werden.

Aber nicht durchhängen lassen! Deutschland braucht mehr Optimismus, weniger Gejammer! Tun wir’s ihnen gleich, verschleiern, verbergen, verstecken wir unser Geld. Da bleibt es wenigstens bei uns und entgeht der Entwendung durch Lobbyisten, Investoren, Selbstbediener! Steuergeld, das ist nur ein Vorwand, in Wirklichkeit dienen diese Abgaben zur Selbstfinanzierung der hart arbeitenden Verantwortlichen! Sozialhilfe weg, Renten runter, Diäten rauf! Leistung muss sich lohnen!