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Die Box


 
November 2002
Frank A. Schneider
für satt.org

Stephan Günzel:
Immanenz
Zum Philosophiebegriff von Gilles Deleuze.
Die Blaue Eule, Essen 1998

Günzel: Immanenz

Stephan Günzel:
Geophilosophie
Nietzsches philosophische Geographie.
Akademie Verlag, Berlin 2001

Günzel: Geophilosophie

337 Seiten, 49,80 EUR
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Erstveröffentlichung dieses Beitrags:
Testcard 11

Testcard #11
"Humor"
(Juni 2002)
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Stephan Günzel:
Immanenz | Geophilosophie

Kein genuin philosophisches Denken hat so sehr aus dem (sub-)akademischen Feld seiner Entstehung in die pragmatischen Bereiche von Pop und linker Politik ausgestrahlt wie dasjenige von Gilles Deleuze. Dennoch – so die These von Stephan Günzel – ist es bisher weitgehend unentdeckt geblieben. Ja, es hat den Anschein, dass sich dieses hermetische und bisweilen skandalös-schwierige Werk hinter seiner Oberflächen-Rezeption und der Omnipräsenz einiger weniger seiner Begrifflichkeiten seltsam verflüchtigt.

„Oberflächen-Rezeption“? – Aber ist das Schreiben Gilles Deleuzes nicht gerade ein Versuch, Philosophie und Denken aus seinen metaphysischen Tiefenbehauptungen und -verankerungen zur Oberfläche zu erlösen, es so umzurüsten für eine andere Praxis, welche die Philosophie wieder politisch werden lässt? Was soll also falsch daran sein, dass Begriffe wie Rhizom, Nomadismus, Deterritorialisierung, und was dergleichen mehr ist, mittlerweile als diskursive Pokémons das Reden über rheinische Elektronik, Netzkultur, das Wetter, genmanipulierte niederländische Grassorten, den Elften September – und zuletzt sogar über eine so reaktionäre Bastion wie »die Naturwissenschaften« – überschwemmen?

Problematisch erscheint dabei jedoch, dass in den freundlichen (Popkultur), feindlichen (angeblich soll es ja schon einen „Rhizom- Kapitalismus“ geben; und wenn schon nicht in realiter, so doch zumindest als Popanz in der Phantasie konservativer Linker, die endlich wieder zu den klaren Verhältnissen ihrer Marx-Adorno-Lektüren zurückkehren wollen, anstatt sich ständig in epistemologische Abgründe gestürzt zu sehen) und kassierenden (akademischer Betrieb) Übernahmen dieses revolutionäre Projekt kurzgeschlossen wird mit einem Bewusstseinsstand, der noch wesentlich im gutbürgerlichen Horizont eines von den Erkenntnissen der Frühaufklärung her formatierten Alltagsverstandes oder jener Philosophietradition der Transzendenz verbleibt. In den so-vertraut-und-doch-so-fremden Begriffen der Tausend Plateaus ausgedrückt: die absoluten Deterritorialisierungsbewegungen werden zu relativen gemacht, indem sie als Transzendentalien reterritorialisiert werden.

Für Günzel hingegen besteht „die größte Schwierigkeit des [ …] Denkens [von Deleuze und Guattari] darin [ …], eine Philosophie des Werdens zu formulieren, die nicht in eine Dialektik mündet. – Anders gesagt, wie lässt sich das Projekt Heraklits erfüllen, ohne dabei gleichzeitig >in Hegel denken zu denken<?“

Jedoch: Der Immanenzbegriff, von dem her Günzel Deleuze verstehen möchte, sieht nur zufällig genauso aus wie der Stan Laurel des beliebten idealistischen Komikerduos: „>Immanenz< erweist sich bei Deleuze als ein der eigenen Prämisse folgendes Konzept: der Gegenkonzeption >Transzendenz< in keinster Weise zu entsprechen. Das Gegenteil soll ein differentielles, kein symmetrisches sein, d. h. >Immanenz< soll sich nicht derivativ aus der >Transzendenz< herleiten, sondern sich durch sich selbst bestimmen.“

Was Günzel hier also versucht, ist nichts geringeres als die Immanenzwerdung der Immanenz, d. h. ihre Herauslösung aus der philosophiegeschichtlichen Fremdbestimmtheit als Komplementärbegriff von Transzendenz. – Um dies nachvollziehen zu können, werden die LeserInnen ihr Vorstellungsvermögen allerdings teilweise neu justieren müssen!

Mittels des Begriffes einer aus der dialektischen Pattsituation befreiten Immanenz führt Günzel in die verschiedenen von Deleuze (und Guattari) für eine bestimmtes Wegstück benutzten und dann am Straßenrand abgestellten Denkvehikel hinein: organloser Körper, Kriegsmaschine, Nomadologie, Schizo-Analyse usw.

Nicht, dass sie -– als die post-signifikanten UFOs, die sie sind – nicht auch von außen schön, betörend, atemberaubend, ja ansteckend anzusehen wären – fremde, seltsam glitzernde Geschöpfe unbekannter Legierungen aus Sound und bedeutungsähnlichem organischen Material. Sie eigenen sich ebenso gut als Disco-Deko wie als terminologisches LSD! Aber – wie das mit UFOs nun einmal so ist – von innen sind sie noch viel abgefahrener und vollgestopft mit kaum fassbaren Technologien … (Die Innen-Außen-Metaphorik und das auch schon wieder transzendente UFO geben natürlich Punktabzug, aber ihr ahnt schon, was ich meine!)

Das Problem dieses philosophischen Ansatzes liegt natürlich darin, zuletzt doch nur immer an die Begriffe gebunden zu sein. Um das sagenumwobene >Andere< überhaupt erst einmal denken zu können, muss auf eine bereits vorhandene diskursive Sprache zurückgegriffen werden. Sie ist als solche natürlich immer schon von den Verhältnissen und Denkhaltungen in Beschlag genommen, die sie hervorgebracht, instrumentalisiert, abgerichtet und was weiß ich noch alles haben. In der Verkennung der hier aufklaffenden Unschärfen konnten die InterpretInnen Deleuzes, seien sie nun affirmativ gestimmt oder bis aufs Blut zum Widerspruch gereizt, dieses Denken mit sich selbst und >ihrer< Welt verwechseln. Vgl. zum Beispiel Habermas’ performativen Widerspruch. Deleuze (und Guattari) hingegen haben in dieser Sprache der Begrifflichkeiten eine Fluchtbewegung versucht, die sie (als „Sprache“ und als „Schreiben“) von sich selbst entfernt, sich aus der in ihr und durch sie erzeugten „Präsenz“ fortstiehlt. Die Begriffe fallen aus der Umklammerung ihrer Bedeutung bzw. reißen diese mit sich fort, werden Geschwindigkeiten, statt Starre zu bleiben. Darin besteht für Günzel die Immanenzbewegung, die Deleuzes Terminologien sowohl leisten als auch beschreiben sollen. Eine solche Bewegung wäre die Herstellung eines „organlosen Körpers“, der dann aber unweigerlich ein Einziehen des Sprechens (als organisierte Kommunikation) zur Folge hätte, wie im Falle des Schizophrenen, des Hypochonders oder des Süchtigen (die sich nach Deleuze/Guattari allesamt einen „organlosen Körper“ geschaffen haben). Will man/frau/sonstige hierüber „philosophisch schreiben“, d. h. zu den Menschen und in geschichtlichen Zusammenhängen sprechen, so wird das Bewegungsmoment, dass das Immanenzfeld aus sich heraus erzeugt, von der absoluten Geschwindigkeit seiner Unfassbarkeit und Ortlosigkeit herabgedrosselt (werden müssen) zur relativen Geschwindigkeit eines „Seins-in-Bedeutungen“. Dies zumal in der Wahl einer (für den Philosophen/die Philosophin als AutorIn von Texten) notwenigen Form von Präsenz (als „(Selbst-)Identität“ und „Ort“ im Diskurs). Die auch von den KritikerInnen der Präsenz notwendigerweise anzulegende Präsenz (von der aus die Kritik sich dann artikulieren kann) ist bei Deleuzeundguattari jedoch nicht die Präsenz der empiristischen Methode oder der romantischen Ironie, sondern erinnert eher an das Umgehen von Geisterwesen, den Umlauf von Gerüchten (vergleichbar ihrer Rezeption innerhalb der Popkultur). Für die Immanenz bedeutet dies, dass sie eben keine Begriff ist, sondern „die Bedingung zur Erschaffung von Begriffen“, wie Günzel meint. (Dies hat allerdings nichts zu tun mit dem polaristischen „Ätsch!“ oberschülerhaft-„dadaistischer“ Vexierdramaturgien: Wenn Du mich hier suchst bin ich da!/Gegen dieses Manifest sein, heißt Dadaist sein! [Helau!])

Die Frage, um die die Möglichkeitsbedingung eines Immanenzdenkens demzufolge gelagert wäre, ist inwieweit sich dauerhaft in ihm Transzendenz vermeiden ließe: Wie kann ein experimentelles Immanenz-Feld abgesichert werden gegen den Einfall von Begriffen, die ihm zugleich vor-, nach- und übergeordnet sind? Bereits der >Begriff< der „Immanenz“ für das Immanenz-Denken ist ja ebenso wie der Bindestrich bei „Immanenz-Denken“ oder diese Rezension eine Transzendenz. Gerade diesen Backslash, dem auch das Denken von Deleuze (und Guattari) nicht vollends zu entkommen vermochte, weist Günzel immer wieder auf, nicht ohne ihm freilich selbst im Projekt einer Systematisierung anheimzufallen, indem nämlich anhand des Immanenzbegriffes die Relaisstellen von Anti-Ödipus und Tausend Plateaus systematisch durchgearbeitet und zu einem einheitlichen Feld konfiguriert werden. Günzel sieht dieses Problem selbst und möchte daher den Immanenzbegriff eher als eine Art Fahrplan, denn als Letztauskunft verstanden wissen. Keineswegs soll dieser nämlich suggerieren, dass sich diese Philosophie – deren genuine Leistung ja darin besteht, das hermeneutischen Duett des Bedeutens&Verstehens durch den mikropolitisch-pragmatischen Begriff des Gebrauchs, des In-Benutzungs-Verhältnisse-Übertragen-Werden-Wollens, ersetzt hat – im Immanenzbegriff eine Verständnisgrundlage im Sinne eines richtig-unverbrüchlichen Einfallstores besitzt. Nach wie vor liegt die Erotik des deleuzianischen Denkens in seiner Polysemantik, seiner Gier nach neuen, noch nicht bekleckerten Begrifflichkeiten, die sich als Werkzeuge (nicht Universalien) eines Anders-Denkens benutzen lassen. Doch gerade dies ist, was Günzel als Immanenzebene beschreibt: anders als die Zucht- und Ordnungsinstanzen transzendentaler Denksysteme ist dieses Denken ein Meehr – eine (nebenbei bemerkt: völlig beknackte) Kontamination aus „Mehr“ und „Meer“. Will (mit anrührender Hilflosigkeit) sagen: Never mind the totality here are the infinity!

Einem weiteren, in seinem allgemeinen Bekanntheitsgrad vergessenen Denker widmet Günzel sein neues Buch: Friedrich Nietzsche. (Sie kennen ihn vielleicht noch aus Vulgär-Ausdeutungen und Verkennungen wie der „Nazi-Nietzsche“, der „Wagner-Nietzsche“, der „Übermenschen-Nietzsche“, der „Geistesaristokraten-Nietzsche“ oder summa summarum : der „Spät-Romantik/deutscher-Konservativismus-Nietzsche“.)

Aktualität besitzt Nietzsche v. a. durch seine postmodernen Rereadings als Geophilosoph, der – wie Günzel darlegt – in Kritik des hegelianischen Geschichtsbegriffs als erster zu einem Denken der Posthistoire gelangt. Eines Endes der Geschichte als Ideologiebegriff, nicht als apokalyptischer Kollaps eines zeitbezogenen Seins (wie in Endzeitfilmchen), sondern als Denken des Raumes, als Ausgang des Denkens aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Historismus.

Nietzsche ist der erste Geophilosoph, der erste der modernen DenkerInnen, die das Denken wieder „an die Erde als ihr Medium binden“. Als erster stellt er die Frage nach dem Ursprung von Europa, seiner geographischen, klimatischen, politischen, sozialen Konstruktion als das, was der Okzident gegenüber dem Orient sei. Vertauscht man/frau/sonstige hier „Europa“ mit dem Abstraktum „der Westen“ (wie es der zeitgenössische Universalismus unter Hinzunahme eines als europäisches Siedlungsland ja erst durch einen Genozid – eine Auslöschung der älteren kulturgeographischen Einschreibungen – sich konstituierenden Nordamerikas tut), so zeigt sich die ideologiekritische Brisanz der Methode. Der Essentialismus des „Westens“ – nach Hegel Sitz eines die Geschichte durchwaltenden Sinnes namens „Weltgeist“ – wird so vom Paradigma zum geo-historischen Einzelfall herunterrelativiert. Seine in solchen Diskursen immer im Schutz der Unausgesprochenheit mitausgesagte kulturgeschichtliche Höhe und welt-politische Opinion-Leadership erscheint mit Nietzsches als kontingent, nicht als hegelianische Notwendigkeit.

Die Verräumlichung des Denkens durch Nietzsche als geographische und nicht zeitliche Tätigkeit, als Topographie und nicht als aus einem „Ursprung“ heraus abgewickelte Kausalkette, bezeichnet einen epochalen Bruch und formiert die Leit-These, von der aus Mienengänge in Werk, Leben und Denken Nietzsches sowie deren Bezogenheit aufeinander gelegt werden. Die Geophilosophie im vorliegenden Sinne geht nach Günzel dabei von vier Axiomen aus:

1. Das Denken, als vorrangiges Thema der Philosophie, lässt sich im Unterschied von der gängigen Auffassung, die dieses als „Sprache“ begreift, als „räumliche“ Tatsache im Sinne mentaler Landschaften auffassen. Die Logik des Denkens ist somit eine, die mittels Bildern operiert bzw. durch Metaphern hergestellt wird, wobei Metaphern als Transmitter von Sinn selbst eine geographische Struktur aufweisen.

2. Denken wird im Verhältnis (von Einzelnen, Gruppen, Nationen oder DenkerInnen) zum Raum ausgeprägt, wobei dieser nicht auf eine Anschauungsform reduziert wird, sondern als empirischer Raum gemeint ist. Dies ist auf der Gegenseite auch keine deterministische Vorstellung von kultureller Prägung durch geographische Einflüsse, sondern eine konsequente Aufhebung des hausgemachten Problems der beliebten „Innerlichkeit“.

3. Verhältnisse im Außen sind im Rahmen traditioneller Philosophie weitestgehend unthematisiert geblieben, stets aber deren Bedingung gewesen. D. h. es kann angenommen werden, dass Philosophie(n) sich nach eben diesen Verhältnissen analysieren, kritisieren und gegebenenfalls kategorisieren lassen. Von hier aus kann die sich gegen ihr gesellschaftliches Sein verschließende „reine“ Philosophie angebohrt und per „Gesteinsproben“ als geologischer Prozess aus sich ineinander schiebenden und aneinander ablagernden Bedeutungen eines jeweiligen Außen kartographiert werden. Der Philosophie (auch der Kunst, der Literatur etc.) kann damit nachgewiesen werden, dass sie Kondensat gesellschaftlicher Formationen ist und nicht „freischwebende Intelligenz“.

4. Zudem ist vorausgesetzt, dass aus einer Analyse nach geophilosophischen Maasstäben in der Folge Kriterien für die Unterscheidung von Philosophie in gegend- bzw. kulturspezifische Philosophie(n) gewonnen werden können. Das bedeutet im weiteren, dass Geophilosophie wertkritisch verfährt, indem andere Karten des „Außen“ hergestellt und den gängigen entgegengehalten werden.

Günzel interessiert dabei, wie gesagt, nicht die Richtigkeit oder theoretische Fundierung einer geographischen Annahme innerhalb des philosophischen Diskurses, sondern deren Funktion darin. – Nietzsche wird hierzu als Vordenker der kritischen Geophilosophie angesehen: Seine Genealogie des Denkens, welche dieses auf seine Herkunft aus historischen und gesellschaftlichen Kontexten überprüft, wird dabei zur Geologie des Denkens: Die Frage ist nicht, wen oder was ein Denken beerbt, sondern wie der entsprechende Denkraum und seine Schichtungen, in dem das Denken „eingeschrieben“ ist, aussehen. Gerade das meint Geographie ja immerhin selbst: Der Raum stellt eine Urschrift des Denkens dar. Die „Geographie“ ist damit Paradigma der Philosophie, welches Aspekte der Gleichzeitigkeit, flächiger Vernetzung, des Gewachsen-Seins, des Konstruktivismus wie der Mannigfaltigkeit hervorhebt. – Die Geschichte ist das Geschichte.