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Die Box



September 2002
Enno Stahl
für satt.org

Klaus Theweleit:
Der Knall.
11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell.

Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt/M. 2002

Klaus Theweleit: Der Knall
278 Seiten, 24,00 EUR
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Klaus Theweleit: Der Knall.
11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell.

Nach dem 11. September scheint alles anders: eine andere Realität, irgendwie authentischer. Wer hat sich nicht alles geäußert zu diesem Ereignis! Tausende von Kommentatoren, Deutern und Auguren, bestallten oder unbestallten, ließen uns wissen, in welcher Form wir nunmehr die Welt zu sehen hätten. Dabei hatten auch sie die Geschehnisse zumeist nur im Fernsehen gesehen wie wir.

Klaus Theweleit hat in seinem neuen Buch “Der Knall” einige ernstzunehmendere Stimmen einer kritischen Analyse unterzogen, der Titel eines Kapitels, “Karl Kraus werden”, bringt sein essayistisches Interesse programmatisch auf den Punkt. Dem großen Wiener gegenüber gebricht es Theweleit zwar ein wenig an Finesse und Sprachwitz, aber mit seinem losen Umherschweifen und -springen, seinen ironischen Ausfällen, die von keiner akademischen Etikette behindert werden, kommt auch er zu einem Ziel. Nämlich dem Resultat, dass sämtliche Beiträge der professionellen “Wortabsonderungsmaschinen, Profiwahrnehmer, Kulturverwalter” von Baudrillard über Boris Groys und Sloterdijk hin zu Diedrich Diederichsen, Susan Sontag, Slavoij Zizek, dass sie (fast) alle ein verqueres Verständnis von “Realität” an den Tag legten bei der Beschreibung des WTC-Attentats: was war denn jetzt Fernsehen, was war wirklich? Und ist nicht Fernsehen auch eine Wirklichkeit? Oder gar die einzige uns verbliebene? Das semiotische Kalkül der Zeichenverwahrer schien in Frage gestellt von diesem Akt, der wie kein zweiter zum medialen Zeichen geworden ist, zum Bildsymbol des Krieges der dritten Welt gegen die erste, der so sehr inszeniert wirkte, als könne es sich um nichts anderes als Hollywood handeln – und der gleichzeitig die grausame Wahrheit beinhaltete, dass Tausende von Menschen dabei ihr Leben verloren.

Hätte es sich um reine Gewalt gegen Sachwerte gehandelt, um die bloße Zerstörung des Wahrzeichens westlichen Kapitalismus, hätte es den “Wortabsonderungsmaschinen” sicher nicht die Sprache verschlagen, hätten sie sich im Gegenteil in ihrem “Baudrillardismus” bestätigt gewähnt, dass eben alles nur noch Zeichen ist und Simulakrum. Aber jetzt waren “in echt” soviele Tote zu beklagen, dass beinahe verboten schien und weiterhin scheint, die ikonografische Komponente des Terror-Akts ins Spiel zu bringen. Theweleit spürt den “Realitätsbegriffen”, mit denen die analysierten Interpreten durch diese verworrene Dialektik irren, akribisch nach, auch etwas Häme ist darunter gemischt. Das ist mitunter gerade deshalb lustig zu lesen, obwohl der Möchtegern-Kraus sich selbst allzu oft im Geflecht des Wirklichen verläuft. Bisweilen entzieht er den Äußerungen der Analysierten, etwa Baudrillard oder Groys, denn auch Bedeutungen, die es objektiv nicht gibt, die aber prima ins Theweleit’sche Bild passen.

Ärgerlich ist, dass die Referenztexte sämtlich ohne Quellenangaben stehen, dass lediglich die willkürlichen Zitate Theweleits geliefert werden. Seine Interpretationen sind also unüberprüfbar, zumal es sich in der Mehrzahl um Zeitungsartikel handelt. Besser wäre gewesen, die Originale im Anhang abzudrucken.

Diese Lässlichkeit ist bezeichnend. Man darf vermuten, dass Theweleit selbst die Medienwelt für so bedeutend hält und in allen ihren Äußerungen als allgemein bekannt voraussetzt, dass ohnehin jeder Leser die Zitierten kennt, bzw. gar deren Auslassungen vor Jahresfrist. So wird der Meta-Autor Theweleit selbst zum Teil des Komplexes, den er kritisiert. Das ist ihm wohl bewusst, so redlich ist er allemale. Deshalb weiß er auch von den Schwierigkeiten seiner Rolle als “Über-Interpret”, dass derjenige, der sich klüger gibt als die Kritisierten, dadurch nicht gerade sympathisch wird. Trotz seiner Mühe, sich nicht als Richter oder Besserwisser aufzuplustern, lässt sich dieser Eindruck kaum verdrängen.

Im Endeffekt wirkt der erste, weitaus kürzere Essay des Buches, der eigentlich wie eine Dreingabe daher kommt, stimmiger und stärker. In “Playstation Cordoba/Yugoslavia/Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell” beschäftigt Theweleit sich mit den geo-strategischen Planspielen der westlichen Regierungen, zeigt schlüssig auf wie ethnische oder religiöse Konflikte bewusst geschürt werden, um Einfluss-Claims für sich abzustecken.