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September 2002
Tobias Lehmkuhl
für satt.org

Durs Grünbein:
Erklärte Nacht

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2002

Durs Grünbein: Erklärte Nacht
148 Seiten, 18,00 EUR
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Durs Grünbein:
Erklärte Nacht


„Erklärte Nacht“ lautet der Titel des jüngsten Gedichtbandes von Durs Grünbein; ein anderer hätte besser gepasst: „Lieder, wie sie die Sterblichkeit singt“. Denn darum geht es Grünbein, der als frisch Vierzigjähriger nun überall den Sensenmann sieht: Die Kürze des Lebens und die Eitelkeit der Welt zu bedichten: vanitas vanitatum, sueño de la vida, teatrum mundi. Ein altes Thema, gewiss. Man kann einem Dichter wohl kaum vorwerfen, dass er keine neuen Themen findet, eigentlich kann man einem Dichter so recht gar nichts vorwerfen. Außer vielleicht Nachlässigkeit, bzw. Unterlassung.

Im letzten Herbst erschien Durs Grünbeins Tagebuch „Das erste Jahr“.. Es ist wohl kaum davon auszugehen, dass aufgrund des Erfolges, die dieses Buch hatte, schnell eine weitere Veröffentlichung nachgeschoben werden sollte. Selbst Durs Grünbein dürfte sich noch nicht wie Erich Fried verkaufen. Und schließlich ist das Erscheinen seines letzten Gedichtbandes „Nach den Satiren“ bereits drei Jahre her, in einer solchen Zeit können sich schon mal 150 Seiten Gedichte ansammeln. Aber müssen sie deswegen gleich veröffentlicht werden? Sollte man nicht zumindest genauer auswählen, statt unendliche Variationen des immergleichen Themas zu bringen, die dazu noch sprachlich wie formal ermüden? Muss sich denn alles reimen , auch wenn bei Langversen die Reimwörter kaum nachklingen? Kann man nicht zumindest gar zu platte Reime umgehen?

Wer sich an lediglich solidem Handwerk erfreut (Grünbein könnte ja mehr!), dem sagen vielleicht auch solche vorgeblich an der Welt leidenden Gedanken zu, die doch letztendlich auf nichts anderes aus sind, als die Pointe: „Von Distanz erschöpft, schrumpft das Herz/ Zum Fäustling im Schnee. Es tut weh./ Zeitlebens streckt man sich, himmelwärts./ Der Mensch? – Ein Kadaver in spe.“ Oder Plattitüden eines beschränkten Pessimismus: „Selbst der Pilot auf dem Flug nach Hiroshima hörte gern Bach.“ Oder billige Spiele mit bildungsbürgerlichen Zitaten: „Doch der Mensch – »To be or not to be.« -/ glich einem Wolf, der traumlos in Ruinen schlief.”

Was Grünbein in seinem neuen Band zusammengebraut hat, lässt sich am besten mit Hannelore Schlaffer als ein Mix aus „Pathos, Banalität und Bildungshochmut“ bezeichnen. Allein das Kapitel „Neue Satiren“, das die „Satiren“ aus dem letzten Band fortführt, sticht heraus. Denn hier zwingt sich Grünbein zu einer wahrhaft klassischen Strenge, hier konzentriert er sich ganz auf das Wesentliche, hier trübt keine Geistreichelei den Blick auf die Welt wie sie war, wie sie ist und wie sie trotz allem zu poetischer Erfahrung werden kann: „Eines ist sicher: bevor wir vernichten im Streit/ Das letzte der Glieder, reißen wir jeden,/ Der uns zu nahe kommt mit hinab in den Strudel./ In unsern Gräbern werden die Völker sich tummeln.“