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Juni 2002
Tobias Lehmkuhl
für satt.org

Baltasar Gracián:
Das Kritikon
Ammann Verlag, Zürich 2001

Baltasar Gracián: Das Kritikon

65,90 Euro
» amazon

Ab ins Himmelreich.



Vor einiger Zeit veröffentlichte der Ammann Verlag “Das Kritikon”. Und der geneigte Leser wird sich spätestens nach dem ersten Kapitel verdutzt die Augen reiben.

“El Criticón”, so lautet der Titel, unter dem das Werk zwischen 1651 und 1657 in Zaragoza erschien. Sein Autor ist der Jesuit Baltasar Gracián, der in Deutschland durch die von Schopenhauer übersetzte Aphorismensammlung “Das Handorakel” einige Bekanntheit erlangt. Im letzten Jahr wurde in Spanien seines 400sten Geburtstages gedacht und im Zuge dessen entgeht selbstverständlich auch das “Criticón”, das nach 350 Jahren nun erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt wurde, den Würdigungen nicht.

Einen ersten Übersetzungsversuch unternahm 1957 Hans Stuniczka. Der Rowohlt Verlag verlegte aber nur eine gekürzte Fassung des Manuskripts (Hugo Friedrich schrieb das Nachwort). Damals beließ man auch den spanischen Titel. Dass sich der Neuübersetzer Hartmut Köhler für die Variante mit K entscheidet, ist sympathisch. Für den deutschen Leser hat sie das gleiche altgriechische Auftreten und dasselbe Maß an Rätselhaftigkeit wie für den Leser des Originals. Schade nur, dass Köhler nicht konsequent ist und auch den Namen des Protagonisten, Critilo, zu Kritilo hin transkribiert. Schade auch, dass die gesamte Übersetzung sich als verquer erweist.

Man könnte beklagen, dass sich der Verlag die Chance verspielt hat, eines der gewichtigsten Werke des spanischen Barock (800 Seiten) einem breiteren deutschen Publikum goutierbar zu machen. Aber diese Chance hatte der Verlag nie: “El Criticón” ist ein wahres Belehrungsmonstrum, es prügelt dem Leser die Moral mit dem Hammer ein: Im nie enden wollenden Wechselspiel von Täuschung und Desillusionierung erlebt der Leser zusammen mit Critilos Schüler Andrenio die Schlechtigkeit der Welt: Lass Dich nicht verlocken, sei vernünftig, zweifle an allem, strebe danach weise zu werden! ruft es von allen Ecken und Enden und eine ganze Horde allegorischer Figuren führt vor, was es heißt, der Flatterhaftigkeit des Daseins anheim zu fallen. Weisheit bedeutet bei Gracián: über der Unweisheit der Anderen zu stehen.

Selten ist zugleich so geistreich (oder besser: spitzfindig) und so humorlos geschrieben worden. In dieser Hinsicht ist “El Criticón” allenfalls vergleichbar mit den “Träumen” von Quevedo, Graciáns großem Zeitgenossen. Will man wirklich eine “Summa der Weltklugheit” des Barock, wie behauptet wird “El Criticón” sei es, so greife man zu den “Träumen” die nicht halb soviel Zeit beanspruchen und eine abwechslungsreichere und amüsantere Version der “Göttlichen Komödie” darstellen.

Dass “Das Kritikon” verlegt wurde, überrascht. Eine fromme Tat, mit der sich der Verlag das Tor ins ewige Himmelsreich geöffnet haben wird. Wer ihm folgen will: Bitte.