Ernst-Jürgen Dreyer:
Die Spaltung
1959 erhält ein fünfundzwanzig Jahre junger, frisch promovierter Musikwissenschaftler und angehender Schriftsteller, der soeben aus der DDR nach Frankfurt am Main übergesiedelt ist, von einem großen westdeutschen Verlagshaus den Auftrag, einen Roman über die bundesdeutsche Teilung zu schreiben. Sogleich fängt der Autor mit der Niederschrift an, fünfzehn Jahre später ist das Manuskript fertig - obwohl der Verlag seine Veröffentlichungszusage inzwischen längst zurückgezogen hat. Entstanden ist in den eineinhalb Jahrzehnten ein über vierhundert Seiten langes, randvoll beschriebenes Typoskript, das im gewöhnlichen Buchdruck sicherlich an die achthundert Seiten ergeben würde, und der Autor begibt sich hoffnungsvoll auf die Verlagssuche. Er schickt das Manuskript an unzählige Lektorate, in der Regel erntet der Roman Wohlwollen und Zustimmung, doch veröffentlichen möchte das Werk niemand. 1979, zwanzig Jahre nach Beginn der Niederschrift und entnervt von den unzähligen Absagen, hat der Autor endgültig die Schnauze voll und läßt das Typoskript auf eigene Kosten drucken. Er schickt das selbstverlegte Buch an Zeitschriften, Zeitungen und Radiosender, die Resonanz, die er erhält, ist Schweigen. Immerhin wird der Autor im selben Jahr zum Klagenfurter Wettlesen eingeladen, trägt dort Ausschnitte aus seinem Roman vor - und kehrt ohne Preis heim. 1980 schließlich wird ein Literaturkritiker auf das Werk aufmerksam, in einer großen deutschen Tageszeitung erscheint eine positive Besprechung des Buches, weitere wohlwollende Rezensionen folgen. Noch im selben Jahr wird der Autor mit einem renommierten, gut dotierten Literaturpreis ausgezeichnet, in einem bekannten Verlag erscheint eine Neuauflage seines Debütwerkes sowie sein zweites, kürzeres Buch, sodann werden der Autor und der Roman wieder vergessen. Ein paar Lesungen hier, ein paar Texte dort, erneut folgen zwanzig Jahre im Abseits des Literaturbetriebs.
Was sich liest wie eine Romanhandlung ist die Editions- und Rezeptionsgeschichte des Werkes „Die Spaltung“ von Ernst-Jürgen Dreyer. Im angesehenen und verdienstvollen Frankfurt-Basler Stroemfeld Verlag erschien dieser Tage nun eine vorbildliche, überformatige Neuedition des seit langem vergriffenen Romans. Und wahrlich, das sieht der Leser auf dem ersten Blick, „Die Spaltung“ ist ein gewaltiges Buch! Ein Monstrum wie Georges Perecs „Das Leben“, Arno Schmidts „Zettels Traum“ oder „Finnegans Wake“ von James Joyce, zumindest was den Umfang und die Eingängigkeit des Werkes betrifft.
Die Handlung des Buches ist rasch erzählt. Deutschland, 1959, Kalter Krieg: Ein Liebender aus dem Osten (Leipzig) möchte seine im Westen (Frankfurt am Main) lebende Freundin besuchen, der Versuch, die titelgebende Spaltung Deutschlands physisch und psychisch zu überwinden, scheitert, scheitert an tausend Widerständen. Der Liebende wird ein Opfer der abstrakten Politik und alltäglichen Bürokratie und letztlich hierüber wahnsinnig, sein Ich zersplittert, zerfasert in über vierzig Personen.
Ein Kritiker nannte diese Geschichte „einfach“ und meinte abwertend „banal“. Beides mag womöglich zutreffen, doch darauf kommt es in literarischen Werken nur bedingt an. Auch die berühmte Strand-Szene in Joyces „Ulysees“ der Protagonist Leopold Bloom beobachtet am Strand das unbekümmerte Spiel dreier Mädchen und onaniert dazu ist einfach und banal, trotzdem gehört diese Stelle zu den schönsten und wunderbarsten Prosapassagen der Weltliteratur.
Gute Literatur besticht durch Form oder Inhalt, sehr gute durch Form und Inhalt. Extreme auf der einen oder anderen Seite führen allerdings meist in die Mittelmäßigkeit. „Die Spaltung“ ist solch ein zwiespältiges Werk, da die experimentellen, sprachverliebten und formal hochliterarischen Passagen häufig den Gang der mitunter flotten und spannenden Handlung nicht vorantreiben, sondern vielmehr unterbrechen.
Ernst-Jürgen Dreyer beherrscht sein literarisches Handwerk, zweifelsohne. Trotzdem oder gerade deshalb wirkt „Die Spaltung“ aus heutiger Sicht ein wenig antiquiert und blutleer. Die Sprache und der gestalterische Aufbau des Romans sind zwar durchaus musikalisch, man erahnt die Handschrift eines Musikwissenschaftlers, die Dialoge in den verschiedensten Mundarten sind authentisch („Glara nocheen Helles fer Oddoun Oddou will noche Helles Een Momang Oddou nis nicher eenzche der was von mier woll Da hasdei Nelles wem sei Bierßn das He Glara nemmer niches Bierwech Sollsd mei Bier schdeenlasn TAS BIER IHR SOLD ES LASN SCHDAHN“), der Sprachwitz ist durchtrieben, und dennoch fehlt dem Roman insgesamt etwas. Oder, vielleicht ganz im Gegenteil, der Autor hat einfach zuviel gewollt. Passagen in Spiegelschrift, Anleihen bei der Konkreten Poesie, realistische und expressionistische Abschnitte, Montagen, unterschiedlichste Jargons, innere Monologe … Dreyer bedient sich fast sämtlicher Errungenschaften der literarischen Moderne, doch der Einsatz erscheint oftmals willkürlich, nicht zwingend, so, als ob der Autor bloß zeigen wollte, daß er diese Techniken und Stilmittel kennt und einzusetzen weiß. Das ist übrigens ein Manko, das viele Erstlingswerke aufweisen.
Und auch deshalb ist „Die Spaltung“ weniger ein Roman für den Nachttisch oder den Strand (Gott bewahre! Der Schuber wiegt über drei Kilo!), sondern ein Objekt für das Buchregal. Ein Werk primär nicht für Leser, sondern für Germanisten und Literaturwissenschaftler, denn die Lektüre bereitet in erster Linie Arbeit, nicht Vergnügen. Dennoch ist es eine Schande, daß der Autor und sein Werk so in Vergessenheit geraten sind. Neue Texte von Ernst-Jürgen Dreyer erscheinen nicht in etablierten und angesehenen Literaturzeitschriften, sondern in kleinen, engagierten Fanzines und wohlfeilen Erzeugnissen des alternativen Literaturraums, etwa in Hels „Zirkular“ oder den Meiendorfer Drucken aus dem lobenswerten Robert Wohlleben Verlag.
Derzeit liegt in vielen Buchhandlungen ein anderes GROSSES Werk der deutschsprachigen Literatur nach 1945 in einer preisgünstigen Neuedition aus: „Zettels Traum“ von Arno Schmidt. Und im direkten Vergleich mit Dreyers „Die Spaltung“ zieht Schmitts sagenumwobenes Buch in fast allen Punkten den Kürzeren. Literarisch ist Dreyers Debütroman sicherlich das interessantere Werk, gestalterisch auf alle Fälle, nicht zuletzt wegen des ausführlichen, detailreichen und kurzweiligen Materialbandes zu „Die Spaltung“. Daß das eine Buch zu den Klassikern, das andere allerdings zu den ausrangierten Werken der deutschen Nachkriegsdichtung zählt, ist nicht eine Frage der Qualität, sondern des Kanons.