
Jeanne Martinet: Das Fauxpas Handbuch.
Wie man sich am eigenen Schopf aus dem Fettnapf zieht.
Fischer Tb Verlag Frankfurt/M 1998 TB, 128 Seiten DM 16,90 EUR 8,64

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Béatrice Hecht-El Minshawi: Zu Gast in Indien. Fettnäpfchen und wie man sie vermeidet.
Fischer Tb Verlag Frankfurt/M 1998 TB, 128 Seiten DM 16,90 EUR 8,64

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Der gesellschaftliche SelbstmordFrauen wissen, wie man Fettnäpfe meidet und meistert
Reisen bildet, bedarf aber auch sorgfältiger Vorbereitungen, speziell wenn es einen an ferne, exotische Orte verschlagen soll. Denn Unwissenheit schützt vor Schande nicht, und wer in Jerusalem ohne Kopfbedeckung eine Synagoge betritt, in Saudi-Arabien mit der linken Hand speist oder in Bayern und Berlin Brötchen ordert, kann sehr leicht den Zorn der Einheimischen auf sich lenken. Hiervor kann man sich jedoch schützen, falls man im vorhinein Erkundigungen über die landestypischen Umgangsformen und Gepflogenheiten einholt.
"Wie fremd ist Indien!" notierte Ingeborg Drewitz verstört am sechsten Tag ihres Indienaufenthalts. Gerade das Traumreiseziel vieler deutscher Rucksacktouristen, Hesse-Liebhaber und mittlerweile auch Geschäftsleute birgt auf den ersten Blick zahlreiche "Rätsel und Gefahren" in sich. Béatrice Hecht-El Minshawi, Trainerin für interkulturelle Kommunikation, möchte diese mit ihrem Ratgeber "Zu Gast in Indien. Fettnäpfchen und wie man sie vermeidet" beseitigen, der neben einigen kurzen Kapiteln zur indischen Landeskunde und Kulturgeschichte 27 beispielhafte Situationsbeschreibungen versammelt, an denen sich Fragen zur richtigen Umgangsform für Privat- und Geschäftsreisende anschließen, die die Autorin sogleich knapp und präzise beantwortet. Wie etwa begegnet man Bettlern, wie Vorgesetzten? Was schenke ich meinen Gastgebern? Warum werde ich plötzlich mit Steinen beworfen?
Die Lektüre dieser thematisch gruppierten Beispielgeschichten ist lehrreich und ungemein unterhaltsam, da die Autorin eine wahre Meisterin der humoristischen Kurzprosa ist. Zwar wirkt das in ihren Geschichten entworfene Indien stellenweise so entlegen wie Entenhausen, beispielsweise wenn Dayal Das den Deutschen Detlef Dunker diszipliniert oder wenn sich Patrick und Paula Push auf dem Basar in Pune nicht mit dem Händler Prashant über den Preis eines Produktes einigen können, dennoch bekommt der Leser nebenbei und in unaufdringlicher Weise vielerlei Informationen zur Sitte und Kultur, zum Normen- und Wertesystem der Inder vermittelt. Und häufig auch über sich selbst, so ist es geradezu augenfällig, daß in dem Buch alle soeben in Indien angekommenen Deutschen erst einmal ein kühles Bier trinken müssen. "Zu Gast in Indien" ist also ein nützlicher, zwar leseintensiver, aber trotzdem effektiver kultureller Reiseführer, nach dessen Lektüre Geschäfts- und Privatreisende die meisten typischen Fettnäpfchensituationen in Indien zu umschiffen wissen.
Doch keineswegs alle und überall, denn darüberhinaus gibt es auch Fehltritte, die gegen allgemein geltende gesellschaftliche Konventionen verstoßen. Als beispielsweise der ehemalige Bundespräsident Heinrich Lübke 1966 in Tananarive, der Hauptstadt Madagaskars, die Gattin des Staatsoberhauptes Tsiranana mit "Frau Tananarive" ansprach, ist ihm ein peinlicher Fauxpas unterlaufen, der heute noch vielerorts Schmunzeln hervorruft. Nicht aber bei der New Yorker Autorin Jeanne Martinet, denn für sie sind solche Fehltritte gleichbedeutend mit "gesellschaftlichem Selbstmord": "Es gibt zwei Dinge, die jeder Mensch fürchtet und mit denen er fertig werden muß: Eines ist der Tod. Das zweite ist, einen Fauxpas zu begehen."
Dem Tod kann man sich noch nicht entziehen, aber dem Fettnapf, deshalb hat Jeanne Martinet, die selbstproklamierte "Königin im Begehen von Fauxpas", "Das Fauxpas-Handbuch" geschrieben. Doch die Welt, die sie darin beschreibt und in der sie augenscheinlich lebt, ist noch ferner als das Indien Hecht-El Minshawis und wimmelt von yogalehrenden Börsenmaklern, Christian Dior-Strampelanzügen, beleidigten Dramatikern, Cyberspace-Terroristen und wertvollen Quilts. Kein Wunder, daß selbst eine Frau in Frieden und Freiheit wie Jeanne Martinet sich in ihr manchmal nicht zurechtfindet und in ein Fettnäpfchen stolpert.
Eine solche Taktlosigkeit kann nach Martinet dergestalt aussehen, daß man auf einer Cocktail-Party plötzlich gegen eine Wand fällt, über Hodentritte diskutiert oder den Gastgeber zur Begrüßung beißt, leckt oder anknabbert. All jene Leser, die schon in ähnliche Fettnäpfe getreten sind, werden den unfreiwillig komischen Ratgeber mit Begeisterung lesen und die vier Anti-Fauxpas-Regeln, mit deren Hilfe man gesellschaftliche Verstöße vermeiden sol, mit Dankbarkeit verinnerlichen, etwa Vorschrift Nummer zwei: "Denken Sie nach, bevor sie etwas sagen".
Doch auch Jeanne Martinet weiß, daß es fast unmöglich ist, diese Regeln auf Schritt und Tritt zu befolgen, weshalb sie uns auch nicht die Rettungsanker vorenthält, mit denen man sich elegant und unauffällig aus heiklen Situationen befreien kann: "Geben Sie jemand anderem die Schuld". Und wenn das nicht hilft, bleibt eben nur noch der geordnete Rückzug: "Bei einem Abgang verlassen Sie sofort entweder den oder die Zeugen Ihres Fauxpas oder den Ort des Geschehens überhaupt - die Wohnung, das Haus, das Restaurant, das Büro, den Planeten."
Dieser Ratschlag deutet bereits an, wie man Fettnäpfen generell aus dem Weg geht - egal ob in Indien, New York oder auf Madagaskar: man bleibt einfach allein daheim, schaut fern oder liest ein kurzweiliges (Hecht-El Minshawi) oder überflüssiges (Martinet) Buch.
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