Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes.

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Juni 2001
Enno Stahl
für satt.org

Oskar Huth:
Überlebenslauf
(Herausgegeben von Alf Tenk)

Merve Verlag Berlin, 2001

158 Seiten
DM 24,00
EUR 12,27

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Oskar Huth: Überlebenslauf



Er war eine Szeneberühmtheit, ein Bewohner von Kneipen West-Berlins. Über vier Jahrzehnte geschätzt für seinen skurrilen Humor, Relikt einer früheren Urbanität, die sich wohl gerade im heutigen Berlin kaum mehr wird finden lassen. Hans-Jörg Tauchert berichtet, wie er Huth zum ersten Mal begegnete in einer Kreuzberger Kneipe:
Hans-Jörg Tauchert: Der Leierkasten war [in Kreuzberg] eine Künstlerkneipe, wo auch Musik gab, ging ziemlich hoch her da, und da gab's eine Bühne, war ein Klavier drauf, und so um zwölf Uhr nachts, [da kam, da war ein Seitenfenster,] da stieg wirklich ein Mann ein, im Mantel und so, durch so ‘n kleines Fenster stieg der ein, und setzte sich ans Klavier und spielte irgendwie Chopin, der war so auffällig, wie er sich da durch quetschte durch das Fenster, dass ich das nie mehr vergessen habe.
Dort oder im Charlottenburger Zwiebelfisch, auch im Görs in der Stuttgarter Straße konnte man Huth antreffen, möglichst in Kneipen ohne Musikberieselung, in denen man seine Ruhe hatte. Dort pflegte er stundenlang zu sitzen, ein Glas Wodka, ein Pils und eine Schachtel Zigaretten vor sich. Allein oder mit anderen:
Hans-Jörg Tauchert: Das war für ihn die Öffentlichkeit. Obwohl er er ja geeignet gewesen wäre in der Öffentlichkeit aufzutreten mit seinem Charme und seinem Unterhaltungskönnen, hat er das aber nie gemacht. ( …) Er war eigentlich viel zu scheu, um öffentlich aufzutreten, aber wenn es darum ging, Kneipentische zu unterhalten … Er kam auch manchmal an den Tisch, wenn er etwas betrunken war, [und das hatte er die Leute] also als Stegreifunterhalter konnte er von Tisch zu Tisch gehen und mit den Leuten plaudern. Einerseits ist ja so ‘ne Form etwas aufdringlich, die Leute mögen das vielleicht nicht immer, aber wenn er kam, war das was sehr Charmantes, und die Leute hörten ihm auch zu und waren dann begeistert.
Oskar Huth hat nie eine Autobiografie geschrieben. Nach seinem Tod 1991 nahm es Alf Trenk auf sich, aus einem Stapel von Cassetten mit Gesprächsmitschnitten, so etwas wie eine Lebensgeschichte herauszufiltern, die möglichst im Originalton Huths gehalten sein sollte. Erkennt der Zeitzeuge Tauchert die Redeweise Huths wieder?
Hans-Jörg Tauchert: Das geht aus dem Buch sehr gut hervor. Obwohl das Themen sind, was er da schildert, das habe ich nie gehört von ihm. Auch wenn man ihn direkt fragte, das wäre nie raus gekommen, was da drin steht.
Tatsächlich schwieg Huth sich weitgehend über die Vergangenheit aus, beließ es bei Andeutungen über die gewieften Überlebensstrategien, mittels derer er die Nazizeit überstand. Die Ereignisse, die Alf Trenk hier im Nachgriff rekonstruiert hat, sind um so brisanter. Huth schildert, wie er sich der Wehrmacht entzog, wie er untertauchte und in der Illegalität überlebte. Hier wird Zeitgeschichte aus einer Perspektive dargebracht, die man so nicht kennt. Es ist Geschichte von unten, Geschichte aus der Sicht der unmittelbar Betroffenen.

Geschickt war es Huth zunächst gelungen, von den Wehrmachtsärzten ausgemustert zu werden. Als der Krieg sich intensivierte und er erneut eingezogen werden sollte, verschwand er aus Berlin, verwischte seine Spuren, um kurze Zeit später zurück zu kehren und im Verborgenen weiter zu leben. Er schlief im Freien oder kroch bei Freunden unter.

Er entwickelte seine eigenen Formen von Widerstand, seine eigenen Überlebensstrategien - auf abenteuerliche Weise organisierte er sich mitten im Kriege eine zentnerschwere Druckmaschine. Damit fälschte er Lebensmittelmarken, mit denen er sich und andere Illegale, untergetauchte Juden, versorgte. Vor aller Augen in einem kleinen Verschlag neben dem Luftschutzkeller.

Und er fälschte Papiere, unter anderem für den Mitverschwörer des 20. Juli, Ludwig von Hammerstein-Equord, der so mit Huths Hilfe den SS-Schergen entkam.

Auch wie er spricht, wie Trenk die originäre Stimme Huths zu uns sprechen lässt, das ist überaus lebendig. Tatsächlich liest sich der Text wie die durchgehende Lebensbeschreibung eines Mannes, der zurückblickt. Die erzählerische Physiognomie ist prägnant, es ist ein zweiter Schwejk, der zu uns spricht, ein Simplicissimus, der das Gröbste hinter sich hat. Denn: er hat es überlebt.