
Karoline Hille Raoul Hausmann und Hannah Höch Rowohlt Verlag, Berlin 2000

191 Seiten, gebunden EUR 17,00
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Raoul Hausmann und Hannah Höch
Berühmte Paare aus Zeitgeschichte, Kultur oder Wissenschaft
haben immer Konjunktur. Man vermutet hier unbändige Leidenschaften,
rasantes Leben, große Gefühle - all das, was der gemeine
Mensch vermeintlich nicht erfährt. Der Rowohlt Verlag hat
diesem Leserbedürfnis gar eine ganze Reihe gewidmet, in
der jetzt Karoline Hilles Doppelbiografie „Raoul Hausmann/Hannah
Höch“ erschienen ist. Dieser Paarung aus der „schönen,
alten Dada-Zeit“ wurden schon viele Seiten gewidmet, die
allerdings nur zu oft Schematisierung und Mythenbildung Vorschub
leisteten. Schlicht und kundig gibt Hille die Kardinalfehler
der verschiedenen „Beziehungsbiografien“ wieder: bereits
in den recht patriachalischen Dada-Tagen gab es da die Vorstellung
Hannah Höchs als „stiller, passiv erleidender Frau
mit Küchenschürze und Kleistertopf". Für
die bekennenden Machos des Berliner Dada, George Grosz und John
Heartfield, war Höch nur das kleine „Hannchen",
Hausmanns Freundin¸ als Künstlerin wurde sie nicht
ernst genommen. Bis in die 80er Jahre hinein wirkte diese Vorstellung
fort, bis sie durch die Arbeit feministisch ausgerichteter Autorinnen
einem anderen Klischee wich. Jetzt war Hannah Höch die souveräne
Frau, die Dadaisten selbst nur „eitle, egozentrische Gecken".
Durch umfangreiche Quellen-Forschung in den 90er Jahren wurden
beide Fehleinschätzungen korrigiert, doch entstand nun die
Legende vom symbiotisch tätigen Künstlerpärchen:
freier, geistiger Austausch, Kooperation, Engagement für
die gemeinsame Sache. So aber sind Raoul Hausmann und Hannah Höch nie gewesen.
Wie ihre Liebesgeschichte tatsächlich verlief, das bemüht
sich Karoline Hille anhand von Archivmaterial: Briefen und unveröffentlichten
Gedichten, unvoreingenommen zu dokumentieren, und man kann sagen,
dass ihr dies auch weitgehend gelingt. Fern von Schuldzuweisungen
schildert sie die verworrene und quälende Beziehung, welche
Hausmann und Höch zwischen 1915 und 1922 verband: er verheiratet
mit einer anderen Frau, sie stets auf Scheidung pochend - beide
daher beständig zwischen engster Verbundenheit und selbstquälerischem
Zwist. Stürmen der Leidenschaft folgten Fluchten, mitunter
hielt Hannah Höch sich monatelang fern, tauchte unter bei
ihren Eltern in Gotha. Dies besonders war Hausmann ein Dorn im
Auge - als fanatischer Anhänger des Revolutionspsychologen
Otto Groß vertrat er die Ansicht vom zerstörerischen
Einfluss des Vaters auf die Tochter, der die Versklavung des
Weibes durch den Ehemann zwangsläufig folge. Hausmann suchte nun mit äußerster Penibilität,
die Konsequenz aus Groß´ Anschauungen in die eigene
Beziehungspraxis umzusetzen. Hannah Höch aber weigerte sich,
die Verbindung zu ihren Eltern abzubrechen - das Ganze mündete
natürlich in ein Chaos und wäre wohl auch nicht weiter
interessant, wenn es sich bei den beiden nicht um bedeutende
Künstler der historischen Avantgarde handelte. Immerhin
ist ihnen die Entdeckung der künstlerischen Fotomontage
zuzuschreiben, als deren reiftes Beispiel wohl Höchs berühmter
„Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte
weimarer Bierbauchkulturepoche“ zu gelten hat. Eng in die persönliche Beziehung verflochten, sind zudem
Siegeszug und Scheitern Dadas sowie der Kampf um die Durchsetzung
neuer funktionaler Prinzipien für die Kunst. Dem privaten Beziehungskrieg haftet auch von daher viel Zeittypisches
an, als dass er Resultat einer losgelassenen Hobby-Psychoanalyse
ist, wie sie aus dem spektakulären Einbruch des Unterbewussten
in das Denken der Moderne folgte. Welche Faszination die neue
Wissenschaft auf die Zeitgenossen hatte, wie sehr das „gegenseitige
Sezieren, Aufrechnen und die daraus abgeleiteten Formen"
menschliche Beziehungen zermürbte, das zeige - so Karoline
Hille - Hausmanns und Höchs Beispiel auf exzellente Weise.
Das individuelle Schicksal des Dada-Paars ist somit in vielerlei
Hinsicht an politische, kulturelle, psycho-soziale Epochen-Phänomene
gekoppelt, die bei der biographischen Skizze nicht ausgespart
bleiben dürfen. All dies gibt Hille in gebotener Kürze und faktenreich wieder.
Da bei der populären Gesamtausrichtung die Materialfülle
nicht angemessen präsentiert werden kann und genaue Quellenangaben
fehlen, erweist sich das Buch für eine wissenschaftliche
Beschäftigung mit dem Thema als untauglich. Die Aufgabe,
interessierten Laien einen schnellen, bisweilen spannenden Überblick
zu geben, erfüllt es durchaus. Allerdings bleiben Fragen offen: bei Hille liest sich die Partnerschaft
zwischen Hausmann und Höch als regelrechte Hölle. Man
macht sich keinen Reim darauf, wieso die beiden es immerhin sieben
Jahre miteinander ausgehalten haben. Ist das tatsächlich
Zeichen einer singulären Beziehung zweier ungewöhnlicher
Menschen - oder doch Resultat einer zu einseitigen Darstellung?
Sollte Höch und Hausmann denn wirklich nicht mehr verbunden
haben als ein überbordendes Sexualleben, wie es aus den
vielen Briefzitaten hervorscheint? Oder was war sonst das Ferment
dieses schwierigen Miteinanders? Auch nach Karoline Hilles Buch wird man diese Frage nicht entscheiden
können.
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