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Die Box




25. Mai 2009
Dominik Irtenkauf
für satt.org


[Die Graphiken als auch die Textauszüge werden mit freundlicher Genehmigung von Lika Katscharawa veröffentlicht.]
König und Dichter: Karlo Katscharawa

Der König und
der Dichter

Ein Porträt des Autors und Malers Karlo Katscharawa (1964-1994)

Manchmal stellt sich die Frage, wie eng Leben und Kunst zusammenhängen. Bei manchen Künstlern und Autoren geht man von einer starken Verzahnung aus, da wird die Kunst zum Lebensstil erklärt. Vor allem in der amerikanischen Beatliteratur stößt man auf solche Entwürfe: Jack Kerouac zog mit seinen Schriftstellerkollegen und Freunden durch die Vereinigten Staaten, schrieb darüber in „On the Road“, William S. Burroughs verbrachte einige Jahre seines Lebens im Maghreb, vor allem in Tangier, Allen Ginsberg zog es in den Fernen Osten. Wer in der Sowjetunion aufwächst, hat es mitunter schwer, ins westliche Ausland zu kommen. Katscharawa schafft es, die Perestroika-Zeit ist bereits angebrochen. Er fährt auch nach Schweden und Finnland, in Schweden wartet eine Freundin mit Namen Helena Lundberg auf ihn.

Neue Sachlichkeit: Katscharawa

Katscharawa notiert deutsche Wörter auf seinen Bildern; er schreibt ‚Neue Sachlichkeit‘ sowohl bildlich als auch verbal aus. Die deutsche Sprache brachte er sich aufgrund der beeindruckenden Fassbinder-Filme selbst bei, er stellte 1990 bzw. 1991 auch in Köln aus. In Sachen Stil ist die Neue Sachlichkeit, die Dokumentation alltäglichen Lebens, in Katscharawas Bildern evident. Zur Sachlichkeit gesellt sich noch eine Vehemenz, die sich von den ‚Neuen Wilden‘ Berlins beeinflussen ließ (Rainer Fetting, Salomé und andere).

Laut seiner Schwester Lika, die 2006 die georgische Erstausgabe einer Auswahl seiner Gedichte und Grafiken in zwei Bänden im Verlag Otar Karalaschwili herausbrachte, gestand Katscharawa ein, daß ihn das „soziale Leben, sprich: das sowjetische“ am meisten interessiere. Er wolle den Alltag der Perestroika-Zeit Georgiens sowohl in Lyrik als auch Grafik dokumentieren. Einige ausgewählte Motive seiner bildenden Kunst hängen nun als Poster in Jugendzimmern. Mit 29 Jahren starb Katscharawa an den Folgen eines Raubüberfalls, der während seines Aufenthalts in Moskau geschah: Von einer Bettlerin in der Moskauer Metro schwärmerisch ergriffen, verspricht er ihr keinen geringen Anteil eines gerade erst verkauften Gemäldes, im Hintergrund lauern bereits ihre kriminellen Komplizen und schlagen Katscharawa auf dem Weg nach Hause nieder und rauben ihn aus.

Puppe: Katscharawa

Katscharawa studierte Kunstgeschichte, schrieb mehrere Essays zu Künstlern und Bewegungen, war sich also seiner Einflüsse nicht nur naiv-ahnend bewußt, sondern es ist zu vermuten, daß er zuweilen ein ironisch gebrochenes Spiel mit ihnen trieb. Vergangenes Jahr, im September, wurden erste Übersetzungen zwanzig seiner Gedichte ins Deutsche fertig. Die Professorin Dr. Manana Paitschadse (die an der Tbilissier Universität Germanistik lehrt) zeichnet für die Übersetzungen verantwortlich; derzeit befindet sie sich noch auf Verlagssuche. Im Rahmen des Artikels werden einige dieser Rohfassungen zitiert, um einen Einblick in Katscharawas lyrisches Schaffen zu verschaffen.

Der Einfluß der Popkultur in den letzten Tagen der Sowjetunion war längst vorhanden, im Stillen und Geheimen hatten sich die Mitglieder der Künstlergruppe „10. Stock“, bei der auch Karlo Katscharawa Mitglied war, die neuesten Filme und Bücher besorgt. Im 15. Gedicht der noch unveröffentlichten Sammlung tauchen sie auf, die Namen der geheimen Gelüste:

„E. Ingoroqwa liest die Chronik von ‚Baader Meinhof‘
und ruft nach Andy Warhol, oder nach Jean Michel Basquiat,
oder auch ruft nach den Idolen der Kinder von den in der Brotschlange Stehenden:
Stallone, Van Buster und Kim Basinger,
deren Fotos die Wände der Kinder von den in der Brotschlange Stehenden schmücken,
ihre Lehrbücher, intime Tagebücher und Träume
in der kalten Stadt ohne Verkehr.“
Puppe: Karlo Katscharawa

Während also die letzten Tage trist davonschleichen, richten sich die Kinder der Sowjetbürger auf eine neue Zeit vor, eine Zeit, die bereits den Glamour der Filmplakate, der Farbillustrierten, der Sehnsüchte nach fremden Orten kennt.

„Da begreift sich eine Malerei neu auf den Spuren des Sachverhalts, der das ‚Ding an sich‘ aus dem Ansichsein löst und in seinem In-der-Welt-sein, Im-Welt-Zusammenhang-sein, erscheinen läßt. Nicht der Blick auf die Sache, sondern auf den Sachverhalt ist neu an der Neuen Sachlichkeit. Und damit wird sie eine Kunst der Aussage, der Mitteilung, der Dokumentation und Stellungnahme.“ (Marie-Luise Huster: Industriebild im Zwielicht. Fragmente einer Befragung, S. 75-90, hier: 79. In: Neue Sachlichkeit – magischer Realismus, Bielefeld 1990.)

Auf den Gemälden wird dieser Alltag noch greifbarer, ja für Nicht-Georgier aufgrund fehlender Sprachbarriere noch verständlicher und einleuchtender. Bei jeder Übersetzung, sei sie noch so gut, geht etwas verloren – vor allem bei Lyrik. Die Bilder aber, sie zeigen Personen im Alltagskontext: beim Abendbrot, in der Warteschlange stehend, auf dem Weg nach Hause (manchmal auch in einen sogenannten Plattenbau) – der Einfluß der Neuen Sachlichkeit im kühlen Bleistiftstrich läßt sich nicht leugnen. Unter diese klaren Striche mischt sich jedoch grelle Farbe, die Pop Art lockert das dargestellte Geschehen auf. Katscharawa schreibt entsprechend in einem informativen Essay zu Robert Rauschenberg: „Diesbezüglich ist folgende Aussage von Mark Rothko beachtenswert – ‚Das Gemälde ist keine Form des Selbstausdrucks. Gleich einer beliebigen anderen Kunstgattung ist das Gemälde ein sprachliches System, mittels dessen Sie etwas über die Sie umgebende Welt mitteilen.‘“

Katscharawa

Betrachtet man Katscharawas Bilder, scheinen die Einzelwerke beinahe wie in einer Bildgeschichte aufgereiht zu sein. Wenn sie auch keinen evidenten inneren Zusammenhang aufweisen müssen, so ist Karlo Katscharawas Bildsprache so konzentriert, daß die Einzelwerke wie an einer Schnur aufgereiht werden können. Figuren treten auf und ab; der Dichter und Maler versucht, diese Szenen des alltäglichen Lebens möglichst detailreich darzustellen, aber er richtet wie von selbst sein Auge auf herausragende Details. Das kann eine Puppe, die Regenrinne, der Regenschirm oder das angerichtete Abendbrot sein. In Verbindung mit seiner Dichtung erschafft Katscharawa ein Panorama der letzten Tage der Sowjetunion. Interessanterweise widmet er viele seiner Bilder Bekanntschaften im Ausland. Die Formel „Für N.N.“ (im Original in Deutsch) wiederholt sich häufig. Möglicherweise drückt dies eine Sehnsucht aus, die Sowjetrepublik Georgien für kurze Zeit zu verlassen und zu sehen, wie es da draußen ist. Dieser Sehnsucht (nach Ausreise) läßt sich auch Katscharawas kulturhistorisches Arbeiten zuordnen, da der Einfluß nicht-georgischer Kunst evident ist. Doch begeht Katscharawa nicht den Fehler manches jungen Künstlers, der im Überschwang die eigenen Wurzeln gegen ein Abziehbild austauscht:

„Der ganze Zugabteil ist beladen mit Erotik
Der Busen des Weibs aus dem Wolga-Gebiet ist das Objekt des neuen
Realismus“
(aus einem Gedicht von 1987, geschrieben in Kaluga)

Das verbindet sich auch in seinen Beobachtungen, die er in seinem Essay „Zur Geschichte der georgischen Avantgarde“ im selben Band anstellt: „Die Besonderheit der georgischen Avantgarde, ihr teilweise postmoderner Charakter, besteht eben darin, dass sie im Laufe ihrer Existenz eine eigene Tradition, Biografie und das System der Werte schuf, die möglicherweise auch bereits präzise und ausführlich dargelegt waren, ungeachtet einer bewussten Prinzipienlosigkeit und der unentwegten Suche nach dem Neuen seitens ihrer Gründer.“

In Georgien, so Katscharawas These, werden die bildenden Künstler allein dadurch schon zu Avantgardisten, weil sie in einer kulturell schwachen Infrastruktur ihre Position stets von neuem erkämpfen müssen. Zu diesem Alltagskampf gesellt sich die Neuartigkeit der Inhalte hinzu. Doch vollzog sich die georgische Avantgarde laut Katscharawa nicht in starker Opposition zu einer offiziellen ideologisierten Kunst. Doch gab es zur Sowjetzeit den privaten Raum, der informeller Kunst, die teilweise in krassem Gegensatz zur staatlich akzeptierten Bildsprache stand, Zuschlupf und Entwicklungsmöglichkeiten bot. Maler und Dichter agierten im Untergrund und in kleinem überschaubaren Rahmen; Ausstellungen und Lesungen wurden in Privaträumen abgehalten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielten Dichter wie Galaktion Tabidse oder Paolo Iaschwili Kontakte nach Europa, zur dadaistischen Bewegung zum Beispiel. Es entstanden auch dadaistische Bücher in Georgien mit einer gewagten Typographie.

Katscharawas Kunst interessiert sich für das augenblickliche Erleben. Ähnlich wie die Künstler der Neuen Sachlichkeit dokumentiert er das Leben in der Großstadt, die verschiedenen Konstellationen menschlichen Zusammenlebens:

„In West-Georgien lässt es sich nicht mehr leben.
In Senaki ist das Buch von Thomas Wolfe im freien Handel erhältlich.
Abends ist es kühl.
Verklärung Christi wurde bereits begangen.
Tagsüber ist es wieder heiß.
Auf dem Markt schickt die Metzgerfrau ihren Mann irgendwohin,
Die Kühe an der Brücke in der Sonne und grasen in der Abgasluft.
Wir trafen eine Ungarin, die hier als Frauenärztin tätig ist.
Sie träumt schon immer davon, aus der SU zu emigrieren,
des Ehemannes wegen aber lebt sie in Senaki.
Am Theatergebäude trank der reiche Liliputaner Wasser.
Hitze.
Irgendeine Frau verlor im Gebrauchtwarengeschäft ihren Geldbeutel.
Die Frauen tragen hier meistens schwarze Kleidung.
Ein arm angezogenes 12-jähriges Mädchen mit langem goldfarbigem Haar
kauft billigen Lippenstift.
Das war neben dem Haushaltswarengeschäft.
In megrelischer Sprache hat man sich nach dem Preis des Kronleuchters erkundigt.“

Die Sprache in seinen Bildern und Gedichten unternimmt den Versuch einer (persönlich eingefärbten) Kommunikation mit der Außenwelt. Dabei entwickeln sich nach wiederholter Lektüre und Betrachtung überlebensfähige Metaphern, das heißt: der bereits angesprochene Einfluss fremder Dichtung und Malerei nimmt sich letztlich in Katscharawas Stil zurück und tritt als genuiner Beitrag zu einer Alltagskommunikation hervor. Diese Konversation mit der Außenwelt bleibt jedoch zeitlich gebunden, da der Augenblickscharakter, wie bereits hervorgehoben, stark in den Vordergrund rückt. In dieser Bindung kann ein panoramatisches Fenster auf die letzten Jahre der Sowjetrepublik Georgien geworfen werden und auf diese Weise wird Katscharawas sowohl poetisches als auch graphisches Werk besonders für deutsche Leser interessant.