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Die Box




30. Oktober 2008
Anne Hahn
für satt.org

Von Meer- und
anderen Wunderwesen

Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt eine
traumhafte Ausstellung über „die Tropen in uns“.

„Ein Morgen war's, schöner als ihn schwerlich je ein Dichter beschrieben, an dem wir die Insel Tahiti zwei Meilen vor uns sahen. Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter, hatte sich gelegt, ein vom Lande wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohlgerüche entgegen und kräuselte die Oberfläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen Gipfel in mancherlei majestätischen Gestalten und glühten im ersten Strahl der Sonne ... Davor lag die Ebene, von Brotfruchtbäumen und unzähligen Palmen beschattet, deren königliche Wipfel weit über jenen emporragten. Noch erschien alles im tiefsten Schlaf; kaum tagte der Morgen, und stille Schatten schwebten noch auf der Landschaft“.

So erwuchs dem jungen Georg Forster, der James Cook auf seiner zweiten Weltumsegelung begleitete, an einem Augusttag des Jahres 1773 das Paradies namens Tahiti. Die stillen Schatten haben sich längst verflüchtigt. Geografisch zählt Tahiti zu den Gesellschaftsinseln, genauer zu den Inseln über dem Winde. Dieser Teil des Süd-Pazifiks gehört der Zone zwischen dem Südlichen und dem Nördlichen Wendekreis an, die rund um den Erdball Tropen genannt wird. Das sind jeweils vom Äquator ausgehend 2600 km, einmal in die nördliche, das andere Mal in die südliche Richtung gemessen. Eine Ausstellung über die Tropen kann demnach gut den Untertitel „Ansichten von der Mitte der Weltkugel“ vertragen.

Forster beschrieb damals das Wesen der tropischen Inselbevölkerung als ungewöhnlich sanft, es „leuchtete aus all ihren Gebärden und Handlungen und gab einem jeden, der das menschliche Herz studierte, zu Betrachtungen Anlaß.“ Ein ebenso leuchtendes und wundersames Wesen ist Ondina, die Meerjungfrau des Künstlers Walmor Corrêa aus Brasilien. Ondina schmückt eine halbe Wandfläche der seit dem 12. September in Berlin gezeigten Tropen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Sie entstammt etwa dem gleichen Breitengrad wie die reizenden Bewohner Tahitis.

Ondina ist die amazonische Entsprechung der afrikanischen Meeresgöttin Iemanja, erklärt Corrêa, der zur Ausstellungseröffnung angereist ist. Und Iemanja wird vor allem in Bahia (dem südlichsten Zipel der Nordosten genannten Region Brasiliens) verehrt. Dort leben viele Nachfahren der ursprünglich aus Afrika verschleppten Sklaven, die einmal im Jahr eine Mischung aus Marien- und Göttinnenanbetung am Meer feiern.

Die Tropen. Ausstellung in Berlin, Martin-Gropius-Bau

Die überlebensgroßen Tafel-Acrylbilder Walmor Corrêas verbinden mythische Erfahrungen der Amazonas-Anwohner mit (pseudo-) biologisch/wissenschaftlichen Studien. Seine Phantasiewesen scheinen dem Leben abgeschaut. Ihre Gliedmaßen und Organe haben sie aber nach dem sagenhaften Zweck ausgebildet, nicht nach unserem biologischen Verständnis. Die Meerjungfrau besitzt auf diesem anatomischen Atlas ein Herz, das dem ständigen Wasserdruck widerstehen könnte, hauchzarte Schwimmhäute zwischen den Fingern und einen wunderschönen Fischschwanz mit goldenen Schuppen. Ihr Körper, der gleich einer Verstorbenen mit abgewinkeltem Kopf ruht, ist vom Hals bis zum Schritt geöffnet. Lungen, Herz, Leber und Darm liegen bloß. Das könnte auf den ersten Blick erschrecken, aber die Harmonie der Farbflächen besiegt den Schauer des Betrachters. Zart schimmert die angedeutete Knochenstruktur der Schultern und des Beckengürtels durch die graue Haut der Meermaid. Ihre Augen sind geschlossen, in einer Detailzeichnung rechts der Figur ist jedoch ein Auge in Verbindung mit umgebenden Sehnen und Muskeln gezeichnet, umrandet von einem handschriftlichen Text. Auf der anderen Seite befindet sich eine Zeichnung des Ohrs mit dazugehörigen Kiemen. Einen Höhepunkt des Bildes stellt der kleine Fötus dar, der wie ein echtes Baby im Mutterleib schwimmt, auf dem Kopf und selbstvergessen – mit einem grüngoldigen Fischschwanz.

Ganz natürlich wirken diese phantastischen Einzelheiten, und der Künstler erzählt grinsend, dass es seine Wesen wirklich gäbe. Es hat sie nur noch keiner gesehen. Das beruhigt beinahe, wenn man den Nachbarn Ondinas betrachtet, der sie zur Rechten flankiert. Es ist ein unheimlicher, zyklopischer Geist mit verkehrt herum gewachsenen Füßen. Curupira, der Wächter der Wildnis und Schutzgott der trächtigen Tiere, der seine Häscher auf falsche Pfade lockt und Pferden Zöpfe in die Schweife flicht.

Walmor Corrêa ist einer von 40 zeitgenössischen Künstlern, die ihre Arbeiten 200 Objekten aus ethnologischen Sammlungen (vor allem des Berliner Ethnologischen Museums in Dahlem) gegenüber stellen. Oder sich darauf beziehen, sie transformieren:

„Der Begriff der Tropen war von Beginn an ein kulturelles Konstrukt, und zwar nicht nur jenseits der Wendekreise“, schreibt Alfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts Rio de Janeiro in einem einleitenden Essay des umfangreichen Kataloges zur Ausstellung. Bezeichnend für die philosophisch/literarische Untermauerung der Schau ist die federführende Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten. Bruno Fischli, Sonderbeauftragter des Goethe-Institutes in München, hat lange Jahre in Süd-Amerika gearbeitet. Gemeinsam mit Alfons Hug ermöglichten die beiden Kunstliebhaber 2004 eine Ausstellung in Brasilien, die Afrika zum Thema hatte und eine Million Zuschauer anlockte. Es ging um eine Süd-Südfindung. Schon damals waren Exponate aus dem Berliner Museum in Dahlem übers Meer gewandert – und zurück. Nun hat sich das Duo an eine Auseinandersetzung mit den Tropen gewagt, die bisher in Rio di Janeiro und Brasília gezeigt wurde. (Kapstadt und eine asiatische Metropole haben sich als nächste Orte beworben.)

Mittlerweile sind „Die Tropen“ in Europa angekommen, die Zahl der Ausstellungsstücke hat sich verdoppelt. Von Europa ging einst der Aufbruch in die Tropen aus; vor mehr als 200 Jahren machte sich Alexander von Humboldt auf den Weg an den Amazonas, schiffte sich Georg Forster in die Südsee ein. Die zweite Welle der Tropen-Vereinnahmung lösten die Künstler der Moderne aus, von Gaugin bis Kirchner. Im Moment befänden wir uns in einem dritten Aufbruch, konstatiert Hug und zählt die Tropenerkunder unter den zeitgenössischen deutschsprachigen Künstlern auf: Franz Ackermann, Andreas Gursky, Thomas Struth, Marcel Odenbach, Julian Rosefeldt, Hans-Christian Schink und Candida Höfer. Viele der südamerikanischen Künstler leben wiederum in Europa und spiegeln in ihrer Kunst ihre Herkunft/Ankunft/Suche. Neben einigen wenigen Künstlern australischer, afrikanischer und asiatischer Provinienz stammen die meisten Beteiligten dieser Ausstellung aus Süd-Amerika, aus Brasilien. Die Liste der möglichen Künstler umfasste über 400 Namen, aus denen Hug und seine Mitstreiter 40 auswählten. Die Frage, ob „tropische“ Kuratoren bei dieser und der Auswahl der „Ethnologica“ beteiligt waren, ist durchaus berechtigt. Waren sie nicht. „Die Tropen“ ist vordergründig eine europäisch dominierte Schau. Dies dennoch in höchst möglicher Bandbreite. Neben der bildenden Kunst sollen Filme, Musik, Performances und Vorträge zum Thema ihr Publikum finden. Partner dafür sind in Berlin das Ibero-Amerikanische Institut, das Theater Hebbel am Ufer und das Kino Arsenal. Die Kuratoren wollen mit ihrem „Experiment“ eine Möglichkeit aufzeigen, wohin sich das Humboldt-Forum (der zukünftige Berliner Schlossplatz als Hort der Berliner ethnologischen Sammlungs- und Bibliotheksbestände) entwickeln könnte.

In 20 Sälen des Obergeschosses zeigt der Martin-Gropius-Bau die Arbeiten der tropischen Vormoderne und zeitgenössischer Künstler. Leitfäden sind hierfür Themengruppen, die nicht zufällig veträumt klingen. Bei der Auswahl dieser Gruppen orientierten sich die Ausstellungsmacher an den Mythologica von Claude Lévi-Strauss, insbesondere an den Werken „Du miel aux cendres“ (Vom Honig zur Asche) und „Le cru el le cuit“ (Das Rohe und das Gekochte), die sich durch hohe dichterische Qualität auszeichnen und damit den poetischen Anspruch der Ausstellung untermauern. Nach der Sintflut widmet sich der Natur und Landschaft, Das kurze Leben den Menschenbildern, Porträts und Ahnen, Die Farbe der Vögel den Farben und der Abstraktion der Tropen, Das verbotene Lachen den Klängen und der Musik. In Der zerbrochene Pfeil stehen Macht und Konflikte im Focus, zusätzliche Themengruppen, die in Berlin hinzugenommen wurden, sind Der tropische Barock und Das städtische Drama.

Das ist opulent. Und es funktioniert. Wie verzaubert schwebt der Betrachter durch riesige Installationen, wummernde und flimmernde Videos, vorbei an archaischen Masken und Dämonen.

Gemächlich muss diese Ausstellung erobert, erschaut werden, behutsam Alter und Bezug entschlüsselt werden. Alle Objekte als Kunstwerke wahrzunehmen, das wollen die Kuratoren den Besuchern vermitteln. Und wirklich, ein westafrikanischer Muschelgötze bewacht Ehrfurcht gebietend die dutzenden Tuschzeichnungen nach Originalen aus deutscher Schutztruppenzeit in Samoa (Fernando Bryce)– und wirkt dabei ganz neu und frisch, jünger als die tatsächlich 200 Jahre jüngeren Zeichnungen! Ein dunkelrotes indisches Brautkleid harmoniert auf den ersten Blick mit dem gegenübergestellten weißen Brautkleid, erst auf den zweiten Blick nimmt der Betrachter deren Brautkrone aus Kondomen wahr. Das Verblüffende geschieht; die Grenzen verschwimmen, mitunter wird die Zeit aufgehoben.

Kehren wir noch einmal in den Saal Nummer 20 zurück, zu Ondina und Curupira. Ihnen zum Beispiel sind zwei Plastiken auf Sockeln gegenübergestellt, die wiederum hinter sich selbst gespiegelt werden. Zwei großformatige Ölbilder der Peruanerin Sandra Gamarra Heshiki zeigen eben diese schwermütig blickenden Indonesier, farbiger als das Original und etwas unheimlich durch die unvermutete Dopplung. Die Gesichter der kleinen Plastiken sind durch die malerische Vergrößerung aufgeladener, beredet. Anziehend und gleichzeitig verwirrend ist der Effekt, auf einer bemalten Leinwand etwas zu entdecken, was dem Auge schon bekannt vorkommt. Der neue Zusammenhang stellt neue Aufmerksamkeit her.

An der dritten Wand des relativ kleinen Raumes hängt ein sechs Meter langer und etwa ein Meter hoher Linolschnitt des Australiers Denis Nona. Geboren wurde der 35jährige auf Badu-Island, einer dicht an Papua-Neuguinea grenzenden Insel. Sein Legendenfries, der einen fortlaufenden Mythos erzählt, könnte getrost Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Geisterwesen mit Haifischbeinen tummeln sich zu beschwörenden Reigen, Frösche bringen Regen, Linien zickzacken und fließen, gebären Fische und wieder menschenähnliche Dämonen mit Schweineköpfen.

Viele der ausgestellten Künstler verwenden Fotografie und Video als Mittel der Annäherung. Großformatige Dschungel- und Zoostudien (Struth, Rosefeldt, Höfer) korrespondieren mit der Masken-Groteske von Marcos Chaves und elegischen Studien eines Caio Reisewitz. Tropische Idylle entdeckt dieser ironisch in rein künstlichen Golfplätzen Brasiliens oder dem Frankfurter „Palmengarten“ unter einem Gewächshausdach. Kritik schwingt bei vielen Arbeiten mit, selten ist sie plakativ. Armut und Dritte-Welt sind Begriffe, die natürlich auch mit den Tropen verbunden werden, erläutert Alfons Hug im Vorfeld, aber sie sollten bei einer künstlerischen Auseinandersetzung nicht im Vordergrund stehen. Paradies und Hölle wohnen hier in enger Nachbarschaft, das kreative Potenzial einer solchen Urheberschaft will untersucht sein, wünschen sich die Kuratoren. Sie haben ihre Arbeit getan. Wir können vor allem die Tropen in uns entdecken – uns selbst mit anderen Augen wahrnehmen. Künstler wie Candida Höfer führen uns vor, wer wir sind – wir sind die seltsamen Wesen, die Mundtücher, Handschuhe und OP-Kittel tragen, wenn wir tropische Kunst der Vormoderne befingern, unter starken Lichtröhren und mit sehr scharfen Messern. („In ethnographischen Sammlungen, Ethnologisches Museum Berlin“), wir berauben die Dinge ihrer ursprünglichen Funktion und stapeln Zauberwesen nebeneinander in den Schrank ...

Georg Forster schrieb, nachdem er drei Jahre seines Lebens vor allem in den Tropen herumgereist war: „Übrigens ist wohl nichts augenscheinlicher und gewisser, als daß die Zusätze, die auf dieser Reise zum Ganzen der menschlichen Kenntnisse gemacht wurden, obschon nicht ganz unbeträchtlich, dennoch von geringem Wert sind, sobald wir sie mit dem vergleichen, was uns noch verborgen bleibt. Unzählig sind die unbekannten Gegenstände, die wir noch immer erreichen können. Jahrhunderte hindurch werden sie noch neue Aussichten eröffnen, wobei wir Gelegenheit finden werden, unsere Geisteskräfte in ihrer ganzen Größe und in ihrem herrlichsten Glanze anzuwenden.“

(Zitate aus: Georg Forster, Entdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee, 1772-1775, Edition Erdmann, 1988)



Die Tropen.
Ausstellung in Berlin,
Martin-Gropius-Bau.
12.09.2008 – 05.01.2009.
Veranstaltungsreihe:
05.09.2008 – 18.12.2008.
Musik-Film-Performance-
Fotografie-Symposien-Vorträge
im Ibero-Amerikanischen Institut,
Hebbel am Ufer und Kino Arsenal.
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